Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1887)
- Date
- 1887-12-15
- Page
- Seite 799 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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799 Gelehrsamkeit — wie er im zweiten Theile seiner griechischen Mythologie, den ersten. Theil hatte in etwas überschwenglicher Weise seine Frau verfaßt, bewiesen hat — und dabei von einer seltenen Humanität, wofür auch einige Aufsätze in der Sulamith des Direktors Fränkel Zeugniß ablegen. Aber als Lehrer war er noch zu sehr von der pedantischen Art der damaligen Gymnasiallehrer. Er unterrichtete in Geschichte, Geographie und deutscher Sprache täglich von 11—12. Er war gar zu ausführlich, und wir brachten z. B. fast ein halbes Jahr mit der Geschichte des deutschen Interregnums zu. Dagegen hielt er strenge Zucht, und wir hatten großen Respekt vor ihm, dem untersetzten Manne mit einem erloschenen Auge, der eine starke Hand hatte. In ihm ging mir frühzeitig das Vorbild einer gründlichen und umfassenden Gelehrsamkeit auf, die mit oberflächlichen Wissen sich nicht zufrieden gab. Ich erinnere mich, daß er einmal beim Unterricht in der physikalischen Geographie uns klar machen wollte, wie die Entfernungen am Himmel durch Anwendung mathematischer Lehrsätze gemessen wurden. Da dieß Niemand von uns begriff, ließ er mich vor die Tafel treten und explizirte es mir fast eine ganze Stunde hindurch, bis ich es wirlikch begriffen hatte. So etwas giebt dem jungen Geiste zu denken und zeigt ihm für die Zukunft den Weg. Es war bei ihm Brauch, daß die Schüler nach der Beantwortung seiner Fragen immerfort rauf- und runterkamen. Ich war immer unter den ersten. Bei der trüben Zeit, die damals in meiner Familie durch Krankheiten herrschte, war ich oft häuslicherDienstangelegenheiten wegen genöthigt, aus der Schule zu bleiben, und da nahm ich den untersten Platz ein. Einst kam ein Schulvorsteher, ein sehr gebildeter und würdiger Mann zur Inspektion in die Klasse des Conrektors. Unter- Anderem, da er mich unter den untersten Schülern sah, fragte er den Konrektor: „Gehört der auch zu den schlechten Schülern?" „Nein", antwortete dieser, „er gehört zu meinen besten und ist nur der trübseligen häuslichen Verhältnisse wegen wieder einige Tage abwesend gewesen. Er wird bald wieder heraufkommen." Da kam der Vorsteher zu mir, streichelte mir die Wange und sagte: „Sei mir immer brav, mein Junge, und mache deinem Vater Ehre, der mein Freund gewesen, und zur Belohnung deines Fleißes nimm dieß und kaufe dir etwas Schönes!" Es war ein Thaler, und hochbeglückt sprang ich damit nach Hause. Der Conrektor Richter trat meiner Familie später als wahrer Freund noch näher. — Aber mein bester Führer und Lehrer, das war mein älterer Bruder. In ihm steckte ein großes Lehrertalent und viel Lehrtrieb, und dabei hatte er die innigste Liebe für mich. Frühzeitig fing er deßhalb an, mich zu unterweisen. Oftmals lehrte er mich heute, was er gestern erst gelernt. Als Kind lernte ich nur schwer sprechen, besonders die Zischlaute wollten nicht gelingen; mit unermüdlicher Geduld gab mir mein Bruder Sprechstunden, bis die Schwierigkeiten überwunden waren. Dem vierjährigen Knaben zeigte er die Länder auf der Karte, und übte dann ein: „Hie liegt Popegal, hie Panien" — ein junger Bursche, der mich dabei betraf, rief mir, als ich schon erwachsen war, wenn ich ihm begegnete, die Worte lächelnd zu-. „Hie Popegal, hie Panien!" So begann er auch schon in meinem neunten Jahre mit mir die Elemente der Mathematik, und da er seine wenigen Instrumente selbst brauchte, fertigte ich mir zum Nacharbeiten solche selbst aus Holz an, denn ich hatte viele Handfertigkeit, bis mir später ein äiterer Freund meiner Familie ein hübsches Reißzeug schenkte. Er begegnete hierbei bei mir einem seltenen Wissensdrang, und der einzige Grund eines Streites zwischen uns war, wenn er, mit eigenen Arbeiten beschäftigt, mir keine „Stunde" geben wollte. Dann lief ich weinend zur Mutter, und es gab immerhin eine kleine Szene. Einmal, im Verdruß über die beständigen Störungen, die ich ihm verursachte, warf er mir eine rahmlose Schiefertafel nach, die mich am Fußknöchel verwundete. Da warf er sich vor dem Sopha, auf das ich gelegt worden, auf die Knie und gelobte, mir jeden Tag „eine Stunde" zu geben. Da war ich befriedigt, und achtete den Schmerz nicht weiter. (Fortsetzung folgt.) Anzeigen. Tn ^Oyfi f A werden mit 20 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und müssen für die nächst AUötJX wtv folgende Wochennummer bis spätestens Sonnabend eingehen. Dieselben sind ausschliesslich an die Annoncen-Expedition von Rudolf Mosse in Leipzig oder deren Filialen in Berlin etc. zu adressiren. Ein isr. Mädchen, 2t Jahre, im Haus- > halt erfahren, sucht per sofort oder später! Stellung als SsM dtt MUSslM. 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