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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-15 · Heft 50 (15.12.1887) · p. Seite 797

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 50 (15.12.1887)
Date
1887-12-15
Page
Seite 797 (sequence 13)
Language
German
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797 kamen zu uns, um auch die letzten Reste, selbst die zurückgeMiebeueu incompleteu Exemplare, worauf sie die Mutter redlich aufmerksam machte, in Bausch und Bogen abzukaufen. Dies ging soweit, daß uns Söhnen nicht einmal ein vollständiges Exemplar der vom Pater herausgegebenen Werke zurückblieb und wir erst später uns diese zu verschaffen suchen mußten. Es galt nun, mit dem Reste des Capitals, das aus den Büchern gezogen worden, irgend Etwas Zu weiterem Erwerbe zu unternehmen. Nach dem Rathe von Freunden verfiel die Mutter auf Nürnberger Spielwaaren, welche allein bislang ein Herrenhuter, ein noch schwarz bezopfter, finsterer Mann, mit hohen und fixen Preisen, feil hatte. Das Unternehmen ließ sich gut an, und als der Jahrmarkt kam, ließ die Mutter ein Zelt aufrichten, in welchem die Maaren verlockend für Jung und Alt aufgestellt waren. Der Erfolg war gewiß; aber man hatte die Rechnung ohne den Dämon des Dessauer Jahrmarktes gemacht. Nachmittags, als eben das Volk zum Markte strömte, erhob sich ein Sturm, warf die meisten Buden und auch das Zelt meiner Mutter um. Die meisten Spielwaaren lagen zertrümmert auf dem Boden. Die auf dem Markte befindlichen Juden schlossen einen Kreis um das niedergeworfene Zelt, richteten es wieder auf und ordneten den Rest der Maaren. Bortheil aus diesem Unfall zogen wir Knaben nur, denn die zerbrochenen Spielsachen wurden uns zu Theil zu jahrelanger Unterhaltung. — Die Mutter war nicht entrnuthigt; sie ging auf den Plan ein, eine Spezereihandlung zu etabliren und erhielt dazu auf Fürsprache die Concession von der Regierung. Denn auch die Krämer bildeten eine geschlossene Zunft. Eine dazu passende Wohnung war bald gefunden; die Mutter reiste mit meinem Bruder nach Magdeburg, wo ihr die dort wohnhaften Verwandten im Ankauf von Colonialwaaren behilflich waren. Selbstverständlich wandte man aus der Gemeinde ihr gute Kundschaft zu. Als Alles in den Kästen und Regalen untergebracht war, wo sich nun manches Verlockende, wie Rosinen, süße Mandeln, gebackene Pflaumen vorfanden, hielt meine Schwester eine Mahnrede an uns mit dem Inhalt, daß, da der Mutter so schon Alles schwer würde, wir uns ja jeder Naschhaftigkeit enthalten sollten, wodurch die Mutter in Schaden käme. Das wirkte und diente, uns zur Enthaltsamkeit zu erziehen, die in der That uns Brüdern während unseres ganzen Lebens einwohnte. Wir sahen die lockenden Dinge stündlich, aber sie waren uns so gut wie heilig. Als Lohn bereitete uns die Schwester, wenn wir mit Kameraden Soldaten spielten und von den Strapazen der Hebungen und Märsche zurückkehrten, aus solchen guten Dingen, welche die Mutter ihr bereitwillig gab, als wackere Marketenderin sogenannte Speisen, die wir dankbar und mit großem Lobe verzehrten. — Da traf uns ein harter Schlag. Es war zur Sommerzeit, als ich etwa das achte Jahr noch nicht erreicht hatte. Mein Großvater von mütterlicher Seite, der schlichte, Gott-erfüllte und liebevolle Mann, dem wir bei aller Ehrfurcht so innig zugeneigt waren, hatte die Gewohnheit, täglich Nachmittags bei uns vorzusprechen. Hatte er mit der Mutter etwas geplaudert, so nahm er das Psalmbuch, las einige Capitel still vor sich hin, sagte uns einen Segensspruch und ging. So hatte er auch an einem Sonntag gethan. Gegen Abend zog ein starkes Gewitter über die Stadt hin; der Donner rollte, die Blitze zuckten, der Sturmwind wehte durch die Straßen, gewaltige Regengüsse sielen nieder. Wir Kinder saßen zusammengekauert auf einer Fensterestrade, die Mutter ging unruhig im Zimmer hin und her und sprach öfter: „Gott, was mag bei meinen Eltern Vorgehen, die Unruhe bewältigt mich!" Ich erinnere mich dessen ganz genau. Schrecken und Angst hatten sich unserer jungen Seelen bemeistert. Aber das Unwetter war zu stark und zu anhaltend, als daß die Mutter, wie sie es wünschte, nach dem Hause der Großeltern hätte gehen können. Gegen elf Uhr hatte das Unwetter nachgelassen und wir gingen zu Bett. Aber die Unruhe hörte in der Mutter nicht auf. Nach vier Uhr Morgens konnte sie sich nicht mehr zurückhalten; sie stand auf, kleidete sich an und eilte nach dem Hause meiner Großeltern. Dort angelangt sagte sie sich: „Was werden meine Eltern von mir denken, wenn ich so frühzeitig zu ihnen komme!" Sie konnte aber nicht anders; zu ihrer Verwunderung war die Hausthür nicht zugeschlossen; es war Alles still im Hause; sie ging die Treppe hinauf und zögernd öffnete sie die Thür zum Wohnzimmer. Da lag der Großvater auf dem weißen Laken auf Stroh und einige Wächter waren — bei der Leiche. Meine Mutter brach zusammen. Der Großvater hatte am Abend nach seiner Gewohnheit sich aus der Küche Waschwasser geholt zum Gebrauche, wenn er frühmorgens zum Gottesdienst in die Synagoge gehen wollte. Dabei hatte er einen Fehltritt gethan und war die Treppe hinuntergestürzt. Die braven Wirthsleute, von dem Fall aufgeschreckt, konnten nur mit Mühe die Thüre öffnen und schrien: „Väterchen, was ist Ihnen?" Er konnte ihnen nicht mehr antworten, er war tobt, bei dem unglücklichen Falle war ihm das Genick gebrochen ... Es war das erste Mal, daß der Knabenseele der Tod und mit ihm der Verlust eines theuren Menschen nahe trat; denn von dem Hinscheiden meines Vaters hatte ich kein Bewußtsein. Die Großmutter, die schöne stattliche, strenge, aber gute und einsichtsvolle Frau siechte seitdem und nach drei Monaten verloren wir auch sie. Es blieb dieß jedoch nicht ohne Beimischung eines Verdrusses. Sie hatte ihren jüngsten Sohn als ihren Liebling bei der Hinterlassenschaft bevorzugt, und meine Mutter fühlte sich hierdurch doppelt verletzt. — Doch es ist Zeit, auch an den Unterrichtsgang zu denken, welchen ich ml)m. Man hat vielleicht gestritten, inwie-

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