Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1887)
- Date
- 1887-12-15
- Page
- Seite 795 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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795 tion, sich jenes Besitzes zu entäußern, aber unter so günstigen Bedingungen, daß man ohne jedes Bedauern, aber mit erklecklichem materiellem Gewinn das alte vertraute Heim aufgeben und ein neues in einem anderen Stadttheil begründen konnte. Von dem allgemeinen „Zuge nach Westen" erfaßt, ist denn auch die Gesellschaft der Freunde aus Berlin 0. ausgelvandert und hat an der Potsdamer Straße Nr. 9 das ehemalige Haus und Grundstück des Sommer'schen Locals erworben, um an Stelle des ersteren ein prächtiges Neugebäude aufführen und diese ihre neuen Clubräume stattlich, zweckentsprechend und behaglich einrichten zu lassen. Die Architecten Professor Cremer und Baumeister Wolffenstein haben den schönen Bau ausgeführt. Die Vereinslocalitäten liegen im Zwischengebäude, das den großen Hof im Norden begrenzt, in dessen Ostseite, im hohen Erdgeschoß und im ersten Stockwerk. Die großen glänzenden Festräume in letzterem können erst im nächsten Februar zur Vollendung gelangen. Die ebenerdigen Club- und Versammlungssäle und Gemächer aber sind bereits mit dem gestrigen Tage ihrer Bestimmung übergeben worden. Am Sonnabend Abend aber ging dieser ihrer Eröffnung eine gesellige Festlichkeit in diesen Räumen vorauf, an welcher von den 400 Mitgliedern der Gesellschaft der Freunde nur die Mitglieder des Directoriums und des Verwaltungsrathes mit ihren Frauen und einige eingeladene Ehrengäste, an erster Stelle die Baumeister, theilnahmen. Posen, 6. Nov. (Privatmitth.) Die hiesige „Jsraelitische-Waisen-Knaben-Austalt" hat ihren 49. Bericht über das Jahr 1886 ausgegeben. Es ist bemerkenswerth, daß diese Anstalt am 15. October 1886 ihr 50 jähriges Bestehen beging, so daß sie nur wenige Jahre jünger ist, als die Waisenversorgung der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Man sieht, daß das Bedürfnis einer geregelten Waisenversorgung sich in den jüdischen Gemeinden in ziemlich gleicher Zeit fühlbar machte und menschenfreundliche Männer und Frauen zur Befriedigung desselben anregte. Unsere Anstalt hat gegenwärtig 24 Zöglinge und beaufsichtigt und unterstützt außerdem 9 Handwerkslehrlinge, von welchen in diesem Jahre drei nach vollendeter Lehrzeit bei ihren Lehrmeistern als Gehülfen eintreten. Die Anstalt hat auch im Jahre 1886 ansehnliche Spenden und Legate erhalten, so daß ihre Einnahmen Mk. 24,322 betrugen, von welchen Mk. 3675 zum Fond geschlagen wurden und Mk. 481 in Kasse blieben. Die Ausgaben beliefen sich demnach auf Mk. 14,165. Oesterreich-Ungarn. Wien, 30. Nov. Der Unterrichtsminister v. Gautsch richtetet an die Statthalter in Prag und Wien Erlasse, wonach diejenigen Mittelschul Professoren, welche^Abgeordnete sind, für die ganze Zeit der Mandatsdaner von Amtswegen zu beurlauben sind. Hiervon werden die Abg. Steinwender, Fiegl, Kraus, Fuß, Richter, Schnklje und Bendel betroffen. Abgesehen davon, daß diese Professoren während ihrer Beurlaubung einen materiellen Schaden erleiden und auch bezüglich des Avancements verkürzt werden, dürste überdies diese Angelegenheit im Wiener Gemeinderathe zu lebhaften Auseinandersetzungen führen, da die Commune Wien für die vier erstgenannten Professoren, welche an Wiener Communalschulen unterrichten, auch Ersatzlehrer besolden müßte. Wenngleich der Erlaß die Verfügung des Ministers auf pädagogische Rücksichten zurückführt, ist dennoch klar, daß damit den antisemitischen und nationalen Agitationen ein Dämpfer aufgesetzt werden soll. Pest, 24. Nov. (Privatmitth.) Der Director des hiesigen israelitischen Landes-Lehrer-Seminars, Herr Heinrich Deutsch, ist eines schweren Augenleidens wegen von seiner Stelle, welche er zwanzig Jahre bekleidete, zürückgetreten. Zum provisorischen Leiter der Anstalt wurde Herr vr. Jos. Bünoczy, der auch Professor am Landes-Rabbiner-Seminar und Docent an der Universität ist, ernannt. Pest, 29. Nov. (Privatmitth.) Die k. Tafel verhandelte heute eine Affaire, die ein interessantes Nachspiel zum Tißa- Eßlarer Processe bildet. Der Fall ist folgender: Dr. Ignaz Heumann, einer der Vertheidiger in dem Tißa-Eßlarer-Processe, sagte nämlich am 28. Juli 1883 in seinem Plaidoyer wörtlich folgendes: . . Und abermals ertönt die Anklage, zu deren Bekräftigung das ganze Comitat, von seinem administrativen Oberhaupte angefangen hinab bis zum Dorfrichter, auf unmoralischen, ungesetzlichen und unerlaubten Wegen falsche Beweise zu erhaschen sucht." Diese Aeußerung hatte zur Folge, daß der Comitats-Oberfiscal Paul Szikßay im Interesse der Verwaltungsbeamten des Szobolcser Comitats am 30. Juli 1883 gegen den genannt Advocaten die Klage wegen Verleumdung und Ehrenbeleidigung überreichte; das Verfahren wurde auch eingeleilet. Die erste Instanz wies die Anklage zurück. Die k. Tafel änderte den erstinstanzlichen Bescheid dahin ab, daß sie die Fortsetzung des Strafverfahrens anordnete. Frankreich. Paris, 28. Nov. Mit der bereits früher erwähnten und dann wieder abgeleugneten großartigen Schenkung des Baron Hirsch verhält es sich nach dem hiesigen „Times"- Correspondenten folgendermaßen: Vor drei Monaten, ehe der Zar nach Copenhagen reiste, sandte Baron Hirsch ihm einen Brief, in welchem er sich erbot, 2,000,000 Lst. (40 Mill. Mk.) zur Gründung von jüdischen Volksschulen in Rußland und 40,000 Lst. (800,000 Mk.) dem Zaren für Wohlthätigkeitszwecke zu spenden. Der Zar schrieb an den Rand des Brie- 50*