Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1887)
- Date
- 1887-12-15
- Page
- Seite 794 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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794 durch Stöcker abermals Brandreden gegen uns gehalten werden, aber sein bereits vieljähriges Geschrei gegen uns hat uns keinen wesentlichen Schaden zugefngt, und mit der Zeit kann sein Wüthen gegen uns nur immer geringeren Eindruck machen. Von „Zittern" kann nicht die Rede sein. So groß ist der Einfluß Stöckers nicht, auch wenn er jetzt bedeutendere Persönlichkeiten für sich gewonnen hat. Wir haben ihn bisher ertragen und werden ihn auch weiterhin ertragen. Die Schatten, die auf Stöcker gefallen sind, haben ihm beim Volke kein höheres Ansehen verliehen. Berlin, 10. December. (Privatmitth.) Die Stöcker'sche Berliner Stadtmission hat in der jüngsten Zeit so viel Staub aufgewirbelt, daß auch unseren Lesern ein Bericht über deren Mittel und Einrichtungen nicht unwillkommen sein wird. Hierüber giebt der Jahresbericht der Berliner Stadtmission für das Jahr 1886/87 einige Auskunft. Der Cassenbericht für 1886 schließt ab mit einer Ausgabe von 134,660 M. und mit einer Einnahme von 102,886 M.; es verbleibt danach ein Deficit von 31,773 M. Die Cassenrechnung ist aber, so bemerkt die „Freis. Ztg.", nichts weniger als klar. Anscheinend um auf gutherzige Seelen zu wirken, läßt man das Deficit größer erscheinen, als es ist. Denn theilweise ist das Deficit durch eine Hypothekenabtragung entstanden, deren Höhe in den Ausgaben nicht besonders angegeben ist. In der confusen Cassenrechnung werden auch 12,070 Mark, welche zur Abtragung von Hypotheken vereinnahmt und verwandt worden sind, nicht in der Columne, sondern Nachricht^ lich hinter dem Abschluß angeführt. Ebenso wird nachrichtlich bemerkt, daß noch 13,300 M. vierprocentiger Consols vorhanden sind. Bezeichnend ist, daß die Ausgaben fast ausschließlich nur auf Berwaltungskosten, Reisekosten und Fahrgelder der Jnspectoren und Stadtmissionare, Portis und Bureaukosten, Unterhalt der Missionssäle, Bau- und Reparaturkosten des Stadtmissionshauses entfallen, während nur ganz, geringe, ziffermäßig nicht einmal klar hervortretende Beträge durch directe Zuwendungen an Arme und Kranke verursacht werden. Allein die Gehalte der Jnspectoren und Missionare nehmen 70,139 M. in Anspruch. Unter den Einnahmen der Stadtmission sind verzeichnet Beiträge des Kaisers und der Kaiserin mit 3700 Mark, der Prinzeß Wilhelm mit 500 M., der Herzogin Wilhelm von Mecklenburg und des Prinzen Albrecht mit zusammen 400 M.; dagegen ist keinerlei Beitrag des Kronprinzen und der Kronprinzessin verzeichnet. Unter den Einnahmen figuriren die Beiträge außerhalb Berlins mit 44,669 M. Wie wenig die geordneten Kirchenorganisationen in Berlin von derStöckerschen Stadtmission erbaut sind, ergiebt sich daraus, daß die Beiträge von Berliner Kirchengemeinden sich insgesammt nur auf 900 Mark belaufen, welche von vier unter orthodoxer Verwaltung.stehenden Gemeinden, der Matthäigemeinde, der Friedrich-Werderschen Kirche, der Domgemeinde und der Sophiengemeinde aufgebracht worden sind. Dagegen sind i nicht weniger als 26 Stöcker'sche Hilfsvereine in Berlin thätig, um Gelder aufzubringen. Die Vereine werden zumeist nach der Dame genannt, welche denselben vorsteht. Der Verein der Frau Gräfin von Waldersee figurirt mit einer Einnahme! von nur 500 M., was die betreffende vornehme Gesellschaft nicht als gerade übermäßig opferwillig erscheinen läßt. Dagegen sind nicht weniger als 30 Hilfsvereine außerhalb Berlins für die Stöcker'sche Stadtmission in Sammlungen thätig; besonders ist Hinterpommern für Herrn Stöcker sehr fruchtbar. Je weiter von Berlin, desto gläubiger verhält man sich natürlich gegenüber den Schauergeschichten, welche die Stöcker'sche Stadtmission über die Zustände in Berlin.verbreitet. Die Steigerung der Ausgaben der Stadtmission im letzten Jahre ist übrigens wesentlich nur veranlaßt worden durch eine Vermehrung des Stöcker'schen Personals. Eine Liste des Personalstandes ergiebt nicht weniger als 34 Stadtmissionen, dazu 4 Missions-Jnspectoren; außerdem werden auch noch vier Stadtmissions-Schriften namhaft gemacht. Die Thätigkeit der Stadtmissionen besteht hauptsächlich in Besuchen. Nach dem Jahresbericht haben die Missionare 61.497 Besuche gemacht, was also für jeden Missionar täglich etwa 6 Besuche bedeuten würde. Nur 6495 dieser Besuche, also noch nicht der zehnte Theil, entfallen auf Kranke, während 31,429 Besuche stattfanden „bei bekannten Familien, mit denen die Stadtmission in Verbindung steht." In 17 Sälen halten die Missionare wöchentlich Bibelstunden ab. Die von der Stöcker'schen Stadt Mission abhängenden Männervereine haben 273, die Frauenvereine 346, die Jünglingsvereine 236, die Jungfrauenvereine 166, die Gesangvereine 220, die beiden Posaunenchöre 19 Mitglieder. In den Kindermissionsstunden sind 800 kleine Teilnehmer. (Wenn die Gönner dieser „Stadtmission" behaupten, daß die Gelder derselben zu wohlthätigen Zwecken, zur Unterstützung hilfsbedürftiger protestantischer Christen verwendet werden, so geht aus obigem Jahresbericht hervor, daß dieser Bertheidigungsgrund bis jetzt ein unerwiesener ist, und daß diese Unterstützung Bedürftiger den allergeringsten Antheil an den Ausgaben der Stadtmission hat.) — Seit 1792 besteht hier „die Gesellschaft der Freunde", von Joseph Mendelssohn und seinen Freunden begründet. Im Jahre 1795 wurde den Vereinszwecken zu gegenseitiger Unterstützung und Hilfsleistung auch der geselliger Vereinigung hinzugefügt. Seit 1821 besaß er sein eigenes festes Heim in dem bekannten Hause der Neuen Friedrichstraße, dessen Festsaal nicht unverdient eine große populäre Berühmtheit in Berlin genoß. Die Errichtung der Stadtbahn, welche quer durch das Gartenterrain hinter diesem Hause geführt wurde und der Central-Markthalle, nöthigte diese Corpora-