Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1887)
- Date
- 1887-12-15
- Page
- Seite 793 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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793 — Man sieht, die „Kreuzzeitung" sucht ganz besonders den Prinzen Wilhelm bei der ganzen Aktion in den Vordergrund zu stellen. Die „Franks. Z." fügt zu Obigem hinzu: Man wird jetzt verstehen, weßhalb Herr Stöcker neuerdings wieder zuversichtlicher auftritt und was er sich dabei gedacht haben wird, als er in der letzten Versammlung seiner Getreuen, der Christlich-Socialen, erklärte: „In politscher Beziehung stehen wir unter den Flügelschlägen einer neuen Zeit." — Eines weiteren Commentars bedarf es nicht; Jedermann wird ihn selbst machen, und hat die Nachricht große Sensation erregt. Man erwartet, daß die ziemlich verstummten „Christlich-Socialen" und Antisemiten nunmehr wieder mit großem Nachdruck auftreten und neue Anhänger finden werden. Berlin, 6. Dec. (Privatmitth.) Die Versammlung bei dem Grafen Waldersee erhält ihre Bedeutung durch die Stellung der Persönlichkeiten, die an derselben theilgenommen. Um so mehr Beachtung findet sie bei Allen, welche den inneren Frieden und die Duldsamkeit als eine Lebensbedingung des deutschen Reiches ansehen. Man fragt daher zunächst, welchen Charakter hat die Berliner Stadtmission, zu deren Gunsten namentlich in finanzieller Beziehung jene Versammlung zu agitiren beschloß? Welche Ziele verfolgt sie? Würde man sich überzeugen können, daß sie lediglich nach Belebung und Ausbreitung des kirchlichen Sinnes und Leben streben, so wäre das eine innere Angelegenheit der protestantischen Gemeinschaft. Allein so stellt sich doch die Sache in Wirklichkeit nicht dar. Gewichtige kirchliche Stimmen, wie der General- Superintendent Büchsel in seinen „Erinnerungen", sprechen sich dahin aus, daß diese Stöcker'sche Stadtmission" die Bekämpfung des Liberalismus zur Aufgabe habe. Hat sich doch auch die „christlich-sociale" Partei zu einer politischen ausgebildet, und zwar zur Befehdung aller liberalen Ideen alle Anstrengungen gemacht. Es ist daher sehr verständlich, wenn sich alsbald gegen die in jener Versammlung ausgesprochenen An- und Absichten eine Opposition zu bilden anfängt, und wenn jene sicherlich schon durch das Gewicht der Persönlichkeiten viele Anhänger gewinnen wird, so werden sich alsbald auch zahlreiche Gegner einstellen. Rust doch schon z. B. die „Voss. Z." aus: „Jedes liberalen und freisinnigen Mannes Pflicht ist es daher, nicht bloß sich von allen Bestrebungen der Stadtmission fern zu halten, sondern auch ihren völlig unklaren christlich-socialen Ideen entgegenzutreten." Es sind also just keine heiteren Aussichten, die sich da eröffnen; aber in unserer Zeit kommt es vor Allem darauf an, die sich entwickelnden Gefahren rechtzeitig zu erkennen! Berlin, 7. December. (Privatmitth.) Was man vorausgesehen, daß die vielbesprochene Versammlung Herrn Stöcker neuen Muth zur Wiederaufnahme seiner judenfeindlichen Bestrebungen geben werde, ist schnell in Erfüllung gegangen. Jedenfalls werden diejenigen, welche der Behauptung Glauben schenkten, daß die „Stadtmission" nur kirchliche Ziele, keine politischen verfolge, nunmehr anderer Ansicht werden, und den Ausspruch der Kreuzzeitung: „Jeder echte Conservative ist durch und durch antisemitisch" auch durch diese Vorgänge bestätigt finden. Den folgenden Bericht entnehmen wir der „Frkf. Ztg.": Der kön. Hofprediger und Cartell- Abgeordnete Stöcker hat mit frischen Kräften die Judenh^tzarbeit wieder ausgenommen. Am Freitag sprach er in einer Versammlung der Christlich-Socialen über die verschiedenen Arten des Antisemitismus. Die Bekämpfung des Judenthums, meinte er, sei nicht im Zurückweichen, sondern im Vordringen. „Wenn die Gegner mich einen todten Mann nennen und sagen: „Der selige Stöcker", so kann ich das ohne Aufregung hinnehmen. Ich kenne die Verhältnisse, und bis jetzt haben unsere Gegner noch immer viel zu früh triumphirt. Angeblich fingiren sie nur den Triumph; in Wahrheit ist ihnen bange, und sie zittern." „Die Juden sind Vertreter der capitalistischen Anschauung und erregen durch die rücksichtslose und massenhafte Anhäufung von Reichthümern die Unzufriedenheit des Arbeiterstandes: auf der anderen Seite schicken sie ihre Emissäre ins socialdemokratische Lager zur Organisation des Umsturzes." Sie sind also doppelt gefährlich. Stöcker wandte sich dann in einer längeren Schimpfrede gegen das „Berliner Tageblatt", weil dasselbe eine Parodie auf eine Rede des Herrn Hansemann in der Versammlung für die Stadtmission abgedruckt hat. Alle sollten im Kampfe gegen das Judenthum einen erneuten Antrieb zur Einigkeit erhalten. Herr Stöcker beschäftigte sich dann ausführlich mit seinem Concurrenten 0r. Böckel, dessen Rolle er als eine traurige und verhängnißvolle bezeichnete. „Gewisse Leute", so fertigte Hr. Stöcker seinen Rivalen Böckel ab, „glauben Politik zu treiben, wenn sie unverständige Dinge reden. Reden, auch im Parlamente, ist aber keine Politik, sondern das Gegentheil, wenn es aussichtslos ist. Böckel beleidigt auch die „Junker", die doch so viel für Preußens Größe gerhan u. s. w. Ich schließe über ihn, indem ich sage: diese Sorte von Antisemitismus kann ich nicht anerkennen; ich sage mich vollkommen und völlig los davon. Ein falscher Antisemitismus schadet dem Christenthum und nützt dem Judenthum. Solche Mitkämpfer kann man nicht brauchen; sie bewirken, daß die Bekämpfung des Judenthums allen Credit verliert." Der Vorsitzende des Antisemitenbundes Cunow-Apollo bat um mildernde Umstände für Böckel, die aber Stöcker versagte." Stöcker hat in seinem Urtheil über Böckel gewiß Recht; wenn nun, wie zu erwarten, Böckel' seine Meinung über Stöcker ausspricht, so wird er gewiß nicht minder Recht haben. Wenn Stöcker behauptet „die Juden zittern vor ihm", so ist das nichts als leere Prahlerei. Wir bedauern, daß 50