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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-15 · Heft 50 (15.12.1887) · p. Seite 790

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 50 (15.12.1887)
Date
1887-12-15
Page
Seite 790 (sequence 6)
Language
German
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790 es Juden an der »öthigen Intelligenz mangle, um dem Berufe eines Lehrers zu genügen, haben selbst die enragirtesten Antisemiten noch nicht behauptet. Ganz besonderes Interesse mußte es aber erregen, daß Hr. St. offen bekannte: „Gott sei Dank! Ich bin ein älterer Antisemit wie die Meisten von Ihnen und werde es bleiben, wenn die Sache auch nicht mehr modern sein wird." Dabei ist cs das Wichtigste, daß Herr St. anfängt zu fürchten, der Antisemitismus könnte aus der Mode kommen und der hauptstädtische Mob könnte mit der Zeit den Geschmack an den Judenhetzen verlieren und andere Objecte für seine „Hetz'" finden. Darin begegnen wir uns mit Herrn St. Wir hoffen, daß bald eine bessere Einsicht bei einem großen Theil der Führer des Antisemitismus Platz greifen wird, daß die Herren einsehen werden, daß der Liberalismus, welcher die Gleichheit Aller vor dem Gesetze, die Gewissensfreiheit und die Entfaltung der wirthschastlichen Kräfte proclamirte, noch lange kein überwundener Standpunkt ist. Für das sittliche Bewußtsein der Herren Antiseniiten ist, wie die „Neuzeit" mit Recht hervorhebt, dieses „Gott sei Dank" von wichtiger Bedeutung. Da können wir noch Gott danken, daß er uns nicht zum Antisemiten gemacht, daß er in uns noch das Gefühl lebendig erhalten hat, in dem Menschen den Menschen zu sehen. Auf der anderen Seite aber ist es betrübend, zu merken, daß die Idee einer confessionellen Schule schon so weit fortgeschritten ist, daß bereits ernste Politiker sich mit ihr beschäftigen, und nicht oft genug kann hervorgehoben werden, daß die öffentliche Schule in Oesterreich eigentlich eine confessionell-katholische ist. Der so oft wiederholte Ruf nach einer confessionellen Schule kann daher nur die Wiederherstellung der geistlichen Schulaufsicht bezwecken. Das wissen die Antisemiten allerdings sehr wohl und darum fangen sie an, zum Rückzug zu blasen und dem vielgeschmähten Liberalismus wieder mehr gerecht zu werden. Wie einflußreich sich aber jetzt die clericale Partei fühlt, geht daraus hervor, daß in beiden reichsräthlichen Delegationen der Ruf nach Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes erhoben wurde. In der österreichischen Delegation war der Wiener Schottcnabt Hauswirth Dolmetsch dieser Wünsche. Natürlich hat der Herr nicht geradezu verlangt, daß Oesterreich Italien sofort den Krieg erkläre, wenn es dem Papst das Patrimonium Petri nicht herausgebe, er begnügte sich vielmehr mit der Aeußerung des frommen Wunsches, daß „dem Oberhaupt der Kirche eine würdige, gesicherte Heimstätte cingeräumt werde", und einen practischen Erfolg hat sich der Herr wohl selbst von seiner Rede nicht versprochen. Es kam ihm wahrscheinlich nur darauf an, vor der Welt zu verkünden, daß die Kirche noch immer unbefriedigte Ansprüche habe, aber wichtig ist diese Rede als Zeichen der Zeit ebenso, wie daß kürzlich auf einer Katholikenversammlung in Linz in Gegenwart des oberösterreichischen Statthalters eine gleiche Kundgebung erfolgte, denn diese Thatsache beweist, auf welch' weitgehende Rücksicht seitens der Negierung unsere Clericalen zählen können, wenn sie ungescheut Wünsche vortragen dürfen, deren Spitze sich gegen eine befreundete Macht kehrt. Abt Hauswirth ist übrigens derselbe, der im, vorigen Jahre zum Vicepräsidenten der Delegation gewählt, alle Welt dadurch überraschte, daß er in seiner Anrede erklärte, er glaube diese Wahl nur seiner geistlichen Würde zu verdanken. Das Schöttenstift in Wien, welches herkömmlicher Weise stets ein Mitglied in den städtischen Gemeinderath entsendet, gilt sonst als liberal und im Gemeinderathe haben seine Mitglieder niemals clericale Aspirationen gezeigt. Wir haben nun allerdings für die nächste Zukunft nicht zu befürchten, daß das eben niedergerissene Ghetto in Rom wieder aufgerichtet wird und sonst ist es uns vom jüdischen Standpunkte nicht gerade von Interesse, ob der Papst wieder Rom beherrscht oder in seinem Kerker im Vatican mit seinen tausend Gemächern schmachtet; aber es ziemt uns, rechtzeitig in Erwägung zu ziehen, welche gefährliche Macht unsere principiellen Feinde in ihren Händen concentriren in dem Augenblicke, wo ihnen nicht unbeträchtliche Verbindungen zur Seite stehen. Diese Alliancen zeigen sich zunächst in den Kreisen der Juristen, welchen die Concurrenz der Juden besonders unbequem ist. Der Beamtenstand schützt sich sorgfältig vor jüdischer Beimischung. Ein Jude, der die Unvorsichtigkeit begeht, sich dem Richteramt zu widmen, wird so lange übergangen, bis er des Wartens auf ein Avancement müde, entweder den Staatsdienst verläßt oder durch eine nachträgliche nicht allzu schwere Prüfung aus dem Catechismus seine Befähigung ergänzt. Zum politischen Dienst sich zu melden, wird wohl kaum ein Jude versuchen, da man hier, abgesehen von den zahlreichen Minister-Candidaten aus hochadligen Kreisen und der ebenfalls nicht geringen Zahl von Protectionskindern aus Beamtenfamilien, ganz besonderen Werth darauf legt, daß der christliche Staat der Bevölkerung gegenüber christlich vertreten werde. Auch die Communen stellen nur selten jüdische Beamten an, da die Meisten von ihnen antisemitisch sind. Es bleibt also nur die freie Advocatur, die dem strebsamen, jungen Manne noch die Möglichkeit bietet, eine geachtete, lohnende Stellung sich zu erringen, wie in der That in allen Städten der Monarchie einzelne jüdische Advocaten es zu einem bedeutenden Namen gebracht haben. Ich nenne nur vr. Marktbreiter, vr. Neuda (getauft), vr. Elbogen, vr. Jacques in Wien, vr. Bendiener in Prag von der großen Zahl derjenigen, die als Anwälte und im öffentlichen Leben es zu hervorragender Geltung gebracht haben. Natürlich möchten die in Berufsvorbereitung befind-

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