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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-15 · Heft 50 (15.12.1887) · p. Seite 789

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 50 (15.12.1887)
Date
1887-12-15
Page
Seite 789 (sequence 5)
Language
German
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789 Brüx, Ende November. Politische Sriefe aus Oesterreich. Bon Dr. G. Deutsch. Die nunmehr constatirte, lebensgefährliche (?) Erkrankung des deutschen Kronprinzen nimmt das inenschliche und das politische Interesse von ganz Europa in Anspruch; der Kaiser von Rußland ist Lhatsächlich nach Berlin gekommen, was bis vor Kurzem als unmöglich galt; in Frankreich spielt sich seit Wochen einer der merkwürdigsten von jenen Processen ab, welche die Frucht der stets wachsenden Publicistik sind, die mit einer immer gesteigerten Vorliebe für den persönlichen Scandal arbeitet; in der englischen Hauptstadt werden Woche für Woche Straßenkämpfe zwischen Polizei und Arbeiterbevölkerung geliefert, in einer Weise, wie sie seit den Barrikadenzeiten kaum vorgekommen, und da giebt es noch Leute, die sich ihre antisemitischen Cirkel nicht stören lassen wollen, die statt der orientalischen, statt der socialen Frage, statt der Frage nach Herbeiführung gesünderer Verhältnisse im öffent lichen Leben, die Judenfrage lösen wollen! Der Verein der Fortschrittsfreunde im sechsten Gemeindebezirk von Wien hat an: 14. November eine Versammlung einberufen, in welcher der Abgeordnete Steinwender einen Vortrag über die confessionelle Schule halten wollte. Was mag wohl den Anlaß dazu gegeben haben? Wahrscheinlich die Absicht der streng nationalen deutschen Partei, der deutschnationalen Vereinigung in dem Bezirke, welchen der clericalantisemitische Dr. Pattai, der seinerzeitige Anwalt Rohlings, im Reichsrathe vertritt, Boden zu gewinnen. Steinwender ist ein Kärnthner von Geburt, er stammt also aus einem Lande, in welchem man bisher von den socialen Schäden, welche das Judenthum in seinem Gefolge haben soll, nichts merken konnte, er ist Gymnasiallehrer von Beruf, ein College des Abgeordneten Fiegl, eines ausgesprochenen Antisemiten, der mit ihm an einer Anstalt wirkt. Solche Herren, die gewohnt sind, bei der krausesten Kathederweisheit, die sie zum Besten geben, andächtig lauschende Gesichter vor sich zu sehen, erwerben sehr leicht den Glauben an ihre vollkommene Unfehlbarkeit, und wenn so ein Herr erst im glücklichen Besitze einer Specialhypothese ist, mag sie nun wissenschaftlicher oder j socialer Natur sein, wird er, schon um des Ruhmes der Con-j sequenz willen, ebensowenig von ihr lassen, wie er vor' seinen Jüngern in der Schule zugeben möchte, geirrt zu! haben.! Das erste öffentliche Auftreten des Herrn Steinwender! fällt in die Zeit der letzten Neuwahlen zum Reichsrath, bie, im Jahre 1885 vollzogen wurden. Damals schloß er sich * den entschieden nationalen Elementen der deutschen Partei ' an, welche als deutscher Club sich constituirten und gleich' im Anfänge, wie ich in Nr. 30 dieses Jahrganges bemerkte, dem Antisemitismus zuneigten. Im darauffolgenden Jahre sagte sich St. wieder mit einer Anzahl von Gesinnungsgenossen von dem Verbände des deutschen Clubs los und bildete die Zeutsch-nationale Vereinigung. Der Grund der Secession war die Stellung zum Antisemitismus, welchem der deutsche Club in der Theorie entgegentrat, während die ausgeschiedenen Mitglieder die Petition gegen die Einwanderung russischer Juden unterstützen wollten. Bei dieser Gelegenheit erklärte St., er sei von vornherein dagegen gewesen, daß man einem Juden, Dr. Friedjung, die Leitung des Parteiorgans, der deutschen Zeitung, anvertraue, während er früher seine antisemitische Gesinnung verhüllt hatte. Friedjung hat in Folge der gegen ihn geübten Nörgeleien die 'Leitung der deutschen Zeitung uiedergelegt und konnte das ehrende Bewußtsein mitnehmen, daß selbst seine Feinde ihm die vollste Lauterkeit des Handelns nachsagen mußten, während der frühere Redacteur dieses Blattes, ein Christ, in einer Gerichtsverhandlung zugeben nrußte, daß die Zeitung für sogenannte Texteinschaltungen bedeutende Beträge bekommen habe. Von Seiten der moralischen Corruption konnte St. nicht die Schädlichkeit des Judenthums beweisen, während es ihm gelang den Nachweis zu führen, daß der ehemalige Handelsminister Baron Pino sich mit einem übel beleumundeten Individuum in Geschäftsverbindung eingelassen habe, was den Sturz des Ministers herbeiführte. Herr St. giebt in seinem Bortrage zu, daß er als Lehrer nie einen schädlichen Einfluß der Juden auf ihre christlichen Mitschüler habe wahrnehmen können, während er es für eine grobe Unzukömmlichkeit erklärt, daß jüdische Lehrer christliche Kinder unterrichten; den Beweis aber, daß die von einem jüdischen Lehrer unterrichtete Schuljugend an ihrer geistigen und sittlichen Entwickelung Schaden nehme, ist er schuldig geblieben. Hingegen wage ich zu behaupten, daß gegen keinen einzigen jüdischen Lehrer bisher ein moralischer Vorwurf erhoben werden konnte. Aber erst in diesem Jahre wurden zwei Lehrer des academischen Gymnasiums, der vornehmsten Anstalt des Kreises, entlassen, weil sie gegen das Gesetz ihren Schülern Privatunterricht ertheilten und ihre amtlichen Obliegenheiten vernachlässigten. Ebenso wird es noch in Aller Erinnerung sein, daß ein Jnsbrncker Universitäts-Professor, Namens Neminas, wegen Betrugs zu mehrjährigem Kerker verurtheilt wurde und daß der jetzt ans dem Amte geschiedene Wiener Professor Lorenz von Stein vor etwa acht Jahren seine Gläubiger nicht bezahlte, indem er sich auf das Gesetz von der Nichtpfändbarkeit der Professorengehalte berief. Wir könnten ja diese Fälle noch vermehren, aber die Thatsache steht schon ohnedies fest, daß man von den Juden das Hineintragen der Gewinnsucht und der Corruption in die Lehrerkreise nicht zu befürchten hat und daß

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