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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-15 · Heft 50 (15.12.1887) · p. Seite 788

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 50 (15.12.1887)
Date
1887-12-15
Page
Seite 788 (sequence 4)
Language
German
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788 jüngste Gericht. Ebenso beschreiben die Samaritaner die Eigenschaften Gottes, ganz nach dem Borbilve des Islam, als „einzig ohne Gefährten, sprechend ohne Mund, sich vernehmen lassend ohne Stimme, schaffend aus dem Nichts, ohne ein Wie? und ohne ein Wie groß? ohne Anfang und ohne Ende." Sie lassen auch den Propheten zurückkehren — das ist ihr Messiasbegriff — welcher alle Böller unter sein Gesetz bringen werde, und nennen ihn deshalb Haschoeb, d. h. der Wiederkehrende. Längst ist der Tempel, ja selbst der Altar, von dem Gipfel des Garizim verschwunden, doch opfern daselbst die Samaritaner am Pessach-Abend ein Lamm für die Gemeinde, während sie früher dasselbe für jede Familie thaten, und machen häufige Wallfahrten zu ihm. Sonst begnügen sie sich mit den Gebeten, die sie zwei Mal am Tage nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang abhalten. Den Sabbath begehen sie in strengster Weise, dulden weder Licht noch Feuer in den Wohnungen, bleiben in diesen und enthalten sich jeder Thätigkeit; beim gemeinsamen Gebet erscheinen sie Alle in weißen Kleidern. Sie begehen die fünf biblischen Feste nach eigener Kalenderberechnung und ohne die zweiten Festtage. Bekanntlich wurde, als die Juden noch in Palästina wohnten, der Eintritt des Neumondes und der Feste durch Feuersignale auf den Bergen den Bewohnern des Landes verkündet. Da haben die Samaritaner oft an ganz anderen Tagen solche Feuer angezündet, um die umwohnenden Juden irre zu führen, so daß man jüdischerseits Eilboten einrichtete, um diese Absicht der Samaritaner zu vereiteln. Das Gesetz des Ungesäuerten wird streng eingehalten. Mit Schabuoth verbinden auch sie das Andenken an die Offenbarung auf Sinai; das Schofarblasen kennen sie nicht; das Fasten am Versöhnungstage wird streng eingehalten; von anderen Festen und Fasten wissen sie nichts. Auch sie zählen nach Jahren der Welt und stehen jetzt im Jahre 6324. Die Beschneidung findet am achten Tage nach der Geburt statt; sie gestatten aber keine Verschiebung. Die Gebetriemen und Schaufäden haben sie nicht, nur einen blauen Faden an dem Oberkleide des Priesters, wenn dieser die Thora verliest. An Geisteserzeugnissen sind die Samaritaner sehr arm und unterscheiden sich hierin von den Juden sehr wesentlich, welche auch in den unglücklichsten Zeiten in geistigen Schöpfungen ihren Trost und ihre Freude fanden. Was wir von ihrem Schriftthum haben, verräth nur eine sehr niedere Bildungsstufe. Jhrx Geschichtsbücher enthalten nur Sagen und Fabeln; sie zeigen nur wenig Gewandtheit im Denken und in der Sprache l). Längst sind die Samaritaner aus Egypten verschwunden; viele derselben lebten in Damaskus und der Umgegend, aber auch hier giebt es deren keine mehr. Nur in 1) Vergl. Jost, Geschichte des JudenthumS und seiner Secten Bd. I, S. 44. Nablus wohnen sie, einige Hundert Seelen zählend, noch in einem Winkel der alten Sichemstadt. Ob auf Grund dieser ganz unparteiischen Darstellung, die sich lediglich auf die durch die Geschichte verbürgten Thatsachen beschränkte, die Samaritaner eine ganz besondere Sympathie verdienen, ob sie eine Entschuldigung für die Fortdauer ihrer Feindseligkeit gegen die Juden, mit welchen sie schon so viele Jahrhunderte in keiner Berührung mehr stehen, besitzen, wird der Leser sich selbst beantworten. Allerdings beruht ihre ganze Existenz auf der Fälschung des hebräischen Textes, die sie nun ihrerseits den Juden unterschieben müssen. Graf v. Schack findet nun für seine Sympathie und für sein Mißfallen an den Juden den Grund in der Erzählung vom barmherzigen Samaritaner, welche Jesus, nach Lucas X, 30, als Antwort auf die Frage, wer unser Nächster sei, giebt. Es wäre nämlich einmal ein Reisender zwischen Jerusalem und Jericho von Räubern überfallen und mißhandelt worden. Da sei an dem Verwundeten ein Priester vorübergegangen und habe sich nicht um ihn bekümmert. Da wäre ein Levit vorübergekommen und hätte desgleichen gethan. Dann kam ein Samaritaner des Weges und dieser hätte den Leidenden aufgehoben und verpflegt. Schack hätte sich aber doch klar machen müssen, daß es sich hier uw gar keinen wirklichen Vorfall handelte, sondern nur um eine Parabel, welche lehren sollte, daß die Menschenliebe durchaus nicht Eigenthum einer Kaste sei, sondern sich im Herzen von Menschen aller Religionsbekenntnisse und Nationalitäten finde. Dies ersieht man daraus, daß es gerade ein Priester und ein Levit gewesen sein sollen, die vorübergegangen, und ein Samaritaner, der sich des Unglücklichen angenommen. Jene Lehre an sich ist gewiß wahr und gut, aber daraus den Schluß zu ziehen auf die Gesinnung der Samaritaner ini Gegensatz zu der der Juden, ist sicherlich gefehlt, und alle, die es thun, auch Schack, zeigen, daß sie die Parabel nicht verstanden haben, daß diese bei jenen ihren Zweck verfehlt und nur zu einem neuen Jrrthum Veranlassung gegeben hat. Und selbst wenn diese Parabel auf einem Factum beruhte, was bewiese ein einzelner Vorgang? Die Wirklichkeit in der Geschichte lehrt uns vielmehr nichts, als daß die beiden Völkerschaften sich gegenseitig feindlich gesinnt waren. Daß gerade bei den Juden die Wohlthätigkeit eine hohe Entwickelung erreicht hat, dafür ist eine Beweisführung unnöthig. Aus jenen längst vergangenen Zeiten Sympathien und Antipathien zu schöpfen und die Schuld jener noch den heutigen Juden zuznrechnen, das ist nur dem Vorurtheile möglich, von welchem einmal die Nichtisraeliten in Beziehung auf uns sich nicht frei machen können.

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