Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1887)
- Date
- 1887-12-15
- Page
- Seite 787 (sequence 3)
- Language
- German
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787 in religiöser Beziehung; der Cultus des einzigen Gottes verschmolz mit den polytheistischen Bräuchen. So verschärfte sich der Gegensatz schon als das Reich Juda noch bestand, und der König Josias eroberte und zerstörte die Stadt Samaria abermals und zertrümmerte viele Altäre im Lande. Als nun die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrten und anfingen, Jerusalem wieder zu erbauen und den Grundstein zum Tempel zu legen, erboten sich die Samaritaner mit den Zurückgekehrten sich zu vereinigen. Die Juden aber wiesen dies ab. Die Gründe zu dieser Zurückweisung sind sehr einleuchtend. Abgesehen von dem alten Gegensatz, waren die zurückgekehrten Juden die eifrigsten Anhänger des reinen Monotheismus. Sie waren von dem Geiste beseelt, welchen Jesaias II zum beredtesten und innigsten Ausdruck gebracht hat; sie verabscheuten jede heidnische Färbung und hatten ihren Sinn fest auf die Wiederherstellung des Tempelcultus gestellt. In diesem Sinne mußten sie eine Verschmelzung mit den halb heidnischen Samaritanern, die so viele fremde Elemente in sich ausgenommen, fürchten und mit Bestimmtheit zurückweisen. Die ganze Rückkehr dieser Männer aus Babylon hätte sonst gar keinen Sinn und Zweck gehabt. Es giebt Verhältnisse, in welchen die Prophylaxis eine strenge Abschließung gebietet, die sonst nicht vernünftig erscheint. Der Arzt muß eine drohende Gefahr durch Vorsichtsmaßregeln abwehren. Eine neu erstandene Industrie bedarf der Schutzzölle, um zur Blüthe zu gelangen, die, wenn sie sich entfaltet hat, jene Abgrenzung überflüssig, ja schädlich macht. Nicht minder war es der jungen Colonie, welche die Heimstätte des reinen Monotheismus werden sollte, nothwendig, sich vor dem Eindringen fremder Elemente zu schützen. Die abgewiesenen Samaritaner rächten sich alsbald, indem sie durch Denunciationen bei den Beherrschern von Persien den Tempelbau zu verhindern suchten, so daß dieser erst 21 Jahre später wirklich in Angriff genommen werden konnte. Ebenso verleumdeten sie die Juden am persischen Hofe, um die Errichtung von Mauern um Jerusalem zu verhindern, und schoben den Judäern feindliche Absichten gegen die persische Herrschaft unter. Bei dem Ansehen, welches Nehemia bei seinem Könige genoß und durch die Energie desselben scheiterten die feindseligen Absichten der Samaritaner. Hiermit war der Zwiespalt zwischen Samaritanern und Juden für immer begründet. Es kam oft genug zu Feindseligkeiten. Bei dem Sturme der Syrer gegen die Juden leisteten die Samaritaner den Syrern Beistand, obschon diese den Tempel zu Samaria dem Zeus gewidmet hatten. Johann Hyrkan eroberte und zerstörte nochmals Samarien; aber Herodes baute es von Neuem aus und nannte es zu Ehren des Augustus Sebaste (Augusta). Nachmals blühete Naplus, welches das alte Sichem einschloß, auf, Sebaste verfiel und besteht nur noch auf dem Gipfel des Berges in einem kleinen Dorfe gleichen Namens. Die Samaritaner hatten sich längst nach Sichem, d. h. Nablus, gezogen, mit gutem Grunde, denn sie hatten, dem Berge Zion mit seinem Tempel gegenüber, den Berg Garizim als den wahrhaft heiligen nach alter Tradition erwählt und einen Tempel darauf gebaut, in welchem sie ihre Opfer darbrachten. Sie waren längst keine jüdische Secte mehr, sondern eine gesonderte Religionsgenossenschaft. Dies ist der geschichtliche Boden, auf welchem die Gegensätzlichkeit zwischen Samaritanern und Juden erwachsen war. Auch noch unter der Römerherrschaft kam die Feindseligkeit zwischen Beiden zu thätlichen Ausbrüchen. Samaritanische Banden gingen oft zu Raub und Mord über die jüdischen Grenzen, und die Juden vergalten ihnen dies in vollem Maße. Kein Jude durfte sich im Lande der Samaritaner blicken lassen, ohne schwer mißhandelt zu werden. Wenn sich Juden aus dem Norden auf die Wallfahrt nach Jerusalem zu den Festen begeben wollten, mußten sie um das Land Samaria herumziehen, weil sie sonst ihres Lebens und Eigenthums nicht sicher waren. Bei Gelegenheit wollten dann die Juden Vergeltung üben, und der römische Proconsul mußte dies mit bewaffneter Hand abwehren. Mit dem Falle Jerusalems und der Zerstreuung des jüdischen Volkes hörte diese thatsächliche Begegnung auf. Die Samaritaner hatten auch ihrerseits Colonisten bei Gründung Alexandriens abgegeben. Auch dorthin hatten sich die Streitigkeiten verpflanzt, und unter Ptolomäus Philometer soll vor dem Könige selbst eine Religionsdisputation, wohl die erste ihrer Art, zwischen jüdischen und samaritanischen Gelehrten stattgefunden haben. Wie immer schrieb sich jede Partei den Sieg zu. Was die Lehre der Samaritaner betrifft, so sind die wiederholten Behauptungen, daß sie eine metallene Taube und andere Götterbilder verehrten, durchaus unerwiesen. Sie besaßen und anerkannten von der h. Schrift nur die 5 Bücher Moses und das Buch Josua; sie hielten sich streng an den Buchstaben der Schrift, gaben diesem eine Auslegung nach ihren Zwecken und wiesen alle Tradition zurück. Dies verstärkte die Aufmerksamkeit der Talmudisten auf die Samaritaner, so daß sie nicht wenige Vorschriften aufstelllen, um jede Berührung mit denselben, die sie nach einem der Ursprungsorte der nach dem Lande Israel verpflanzten Colonien, Cuthäer nannten, zu vermeiden. Die Samaritaner erkennen das Dasein des einzigen Gottes, die Vorsehung, die Offenbarung durch Moses und die Göttlichkeit des Gesetzes an. In späterer Zeit schlossen sie auch den Glauben an Engel, an gute und böse Geister, an Belohnung und Bestrafung der vom Körper geschiedenen Seele und an eine dereinstige allgemeine Auferstehung an. Den letzteren Glauben haben sie jedoch aus dem Islam gezogen, wie auch den an ein 50*