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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-08 · Heft 49 (8.12.1887) · p. Seite 782

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 49 (8.12.1887)
Date
1887-12-08
Page
Seite 782 (sequence 14)
Language
German
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782 Freundschaft in allen späteren Lagen. — So standen wir vier Waisen auf einem jähen Abhang, um entweder immer tiefer und tiefer zu sinken bis zum Untergang, oder hinauf zu klimmen zu einem sonnenbeschienenen Plateau. Daß wir vor dem ersieren verschont blieben, verdankten wir allein dem Heldenmuth unserer Mutter. Ihr unerschütterliches Gott- Vertrauen, ihre unerschöpfliche Mutterliebe und das ihr geheiligte Andenken an den früh verlorenen Gatten befähigten sie zu dem zwiefachen Kampfe gegen Noch und Bedrängniß und uns zu.ehrenwerthen Berufen zu erziehen. Sie besaß nur die Durchschnittsbildung der damaligen jüdischen Frauen; aber alle Versuchungen, uns abzugeben oder selbst gegen Entschädigung zu einem der unteren jüdischen Lebenswege zu bestimmen, wies sie mit dem Ausspruch zurück, die Söhne Moses Philippson's sollen keine Ladendiener oder Hausirer werden. Diesen Gedanken hielt sie bei allen Schwierigkeiten fest, und fand immer neue Auskunftsmittel, ihren Zweck zu erreichen. Ihre Erziehung wußte von Strenge, von Strafmitteln und Züchtigung nichts; ihre Waffe war die Liebe, und einige Worte, welche auf ihre und unsere Lage hinwiesen, genügten, um uns zu gewissenhaftem Gehorsam und treuester Hingebung zu bewegen. Ja, die Liebe waltete in unserem Hause, die Mutter- und die Geschwisterliebe. Wir hielten durch das ganze Leben eng zusammen, und so konnte ich noch im späteren Alter in der Widmung einer Schrift meinen älteren Bruder anreden: „Meiner Jugend Leiter, meines Lebens Vorbild, meines Herzens Liebling", und einer anderen Schrift, Widmung an meinen jüngeren Bruder das Wort des Spruchredners vorsetzen: „Eine dreifache Schnur zerreißt nicht leicht." Nur der Tod vermochte dies. — Das Nächste, was meine Mutter unternehmen mußte, war der Verkauf der Bücher. Es waren glücklicher Weise lauter gangbare Artikel, denen jedoch der gewöhnliche buchhändlerische Weg nicht offen stand. Sie hatte vielmehr die Leipziger Messe mit den Büchern zu beziehen, wo sich die jüdischen Bücherhändler (Mockre Sepharim) einfanden. In meiner Erinnerung leben die Wochen, in welchen meine Mutter, gewöhnlich von meinem älteren Bruder begleitet, in Leipzig verweilte, als sehr traurige. Das erste Mal freilich nicht; es bildet dies meine früheste Erinnerung. Ich wurde einer Nachbarin, die mir sehr zugeneigt war, übergeben, der Gattin eines bedeutenden Pferdehändlers. Es machte einen großen Eindruck auf mich, wenn ich durch die Einfahrt den Zug schöner Pferde nach dem Hofe und in die Stallungen ansah; auch war da ein gewaltiger Hund vorhanden, mit dem ich bald vertraulich spielte. Die Frau war sehr gütig gegen mich und! wachte mir sogar einen schönen Anzug, um meine Mutter i damit zu überraschen. Kaum war diese aber angekommen,! so eilte ich zu ihr und betrat das Haus des Pferdehändlers niemals wieder. Kinder haben einen sehr scharfen Blick für diejenigen, welche ihnen freundlich gesinnt sind, aber ein sehr schlechtes Gedächtniß für die Wohlthaten, die man ihnen erzeigt. Später wurden ich und mein jüngerer Bruder bei solcher Gelegenheit befreundeten Familien in Pension gegeben. Aber wir fühlten uns sehr traurig, verlassen und hockten gewöhnlich in einer Ecke beisammen, bis die Rückkehr der Mutter eintrat. Ein Mal, ich war wohl kaum vier Jahre, nahm mich meine Mutter, weßhalb weiß ich nicht, mit nach Leipzig. Wir logirten in einem großen Zimmer nach dem Brühl hinaus im „rochen Stiefel". Viel gewahrte ich von der Messe nicht, denn wenn die Mutter in Geschäften ausging, wurde ich eingeschloffen, wozu mir dann schönes Spielzeug geschenkt ward. Des Abends wurde ich in das große Gastzimmer mit hinunter genommen, wo wir ein frugales Abendbrot verzehrten, Einmal saß mir ein fremder Mann gegenüber, der sich wohl an meinem kindlichen Geschwätz ergötzte. Er rief mich zu sich und bot mir eine gebratene Taube an, die ich jedoch verweigerte, weil ich „dies nicht essen dürfe", der Mann schien davon betroffen. Am andern Tage stellte er sich meiner Mutter als ein reicher griechischer Kaufmann aus Constantinopel vor. Er sei kinderlos, hätte mich in sein Herz geschlossen, wolle mich mit sich nehmen, als Sohn adoptiren, aufs Sorgfältigste erziehen und zu seinem Erben einsetzen; er erbot sich, meiner Mutter die unverdäch tigsten Zeugen zu stellen und ihr ein reiches Geschenk zu machen. Meine Mutter wies den Mann aus Stambul rundweg ab: sie werde sich niemals von einem ihrer Kinder trennen und keines in eine ferne Gegend zu einer ungewissen Zukunft von sich lassen. Es machte mir später noch oft Spaß zu denken, welchen verschiedenen Lebensweg ich zu beschreiten gehabt hätte, wenn meine Mutter nicht allen diesen Verlockungen widerstanden, denn der Grieche wiederholte seinen Antrag noch einmal. — Ich muß frühzeitig lesen gelernt haben. Im Jahre 1817 kehrte das anhaltische Corps, das unter Napoleon in Spanien gekämpft und dann zur Oecupationsarmee in Frankreich gehört hatte, zurück. Die Zahl dieser Tapferen war sehr zusammengeschmolzen, und zog durch die Stadt in sehr zerschlissenen Uniformen. Ich saß vor der Thür unseres Hauses, als sie vorüberzogen und las in einem Buche, dessen kurioser Inhalt mir noch genau in der Erinnerung ist. Es waren Lustspiele aus dem 18. Jahrhundert. Das eine derselben betitelte sich: „Die Insel der Buckligen". Auf einer Insel wohnten nur Bucklige, und als ein gerade gewachsener Mann durch Sturm dahin verschlagen worden, geriethen die Bewohner in große Aufregung, betrachteten es als einen Hochverrath und führten ihn zum Könige, der das Todesurtheil sprechen sollte. Da gewahrte ihn die Prinzessin, verliebte sich in ihn und überredete ihn, sich vorn und hinten einen gewaltigen Buckel einzupolstern. Alsbald schrien die Bewunderer „Wunder!" und die Männer

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