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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-08 · Heft 49 (8.12.1887) · p. Seite 781

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 49 (8.12.1887)
Date
1887-12-08
Page
Seite 781 (sequence 13)
Language
German
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781 kämpfend zogen, auf welchen die Macht des großen Usurpators gebrochen werden sollte. In Dessau hat sich die Meinung erhalten, daß die Franzosen im Ganzen sich recht gut benommen hätten. Einzelne Ausschreitungen waren nicht ausgeschlossen, und es ging z. B. die Sage, daß die Frau des damaligen Profoßes unserer Schule ein paar französische Wütheriche erschlagen und ans dem Schulhofe vergraben hätte, was uns Knaben nur mit Gruseln des Abends über den Schulhof gehen ließ. In einem benachbarten Dorfe benannte man einen kleinen Hügel Napoleonsberg, weil hier der Kaiser einen französischen Soldaten, der einer armen Bauersfrau ein Huhn mit Gewalt entrissen, an dieser Stelle habe erschießen lassen. Dagegen hinterließen die Bayern einen üblen Ruf wegen ihrer harten Behandlung der Einwohner; man sagte ihnen nach, daß sie ein großes Gebäude absichtlich in Brand gesteckt hätten. Auch Baschkiren und Kalmücken machten in meiner Vaterstadt Halt; sie hielten jedoch strenge Manneszucht und waren besonders Kinderfreunde. So erzählte man mir, daß die bei uns einquartirten Baschkiren mit mir gespielt- und mich auf ihren Armen geschaukelt hätten; ich habe sie „Awas" genannt — Kinder erfinden sich immer Bezeichnungen für ihnen noch fremde Dinge — und habe sie an ihren langen und wirren Bärten gezaust. Meine Mutter war darüber entsetzt, denn sie besorgte, daß ich von den Mitbewohnern dieser Helden aus der Steppe einige abbekommen würde. — Aber wenn die Weltereignisse mit ihrem schwarzen Gewölk am Himmel der Völker und Staaten hinziehen, so fallen stets viele ihrer Blitze auf die friedlichen Häuser und Hütten, die mit jenen gar nichts zu schaffen haben. Im Gefolge der russischen Heersäulen fand sich der Typhus ein und richtete starke Verheerungen auch in unserer Stadt an. Ein Opfer derselben wurde mein Vater, der, 39 Jahre alt, Ostern 1814 erkrankte und nach wenigen Tagen verschied. Meinen älteren Bruder hatte während der Krankheit des Vaters eine Tante zu sich genommen. In der Nacht, in welcher mein Vater starb, erhob sich der Knabe plötzlich weinend und schreiend aus seinem Bettchen und ries: „Mein Vater ist gestorben!" Es geschah dies in derselben Stunde, wo mein Vater den letzten Seufzer ausgehaucht. Die Personen, die in demselben Zimmer mit den Kindern schliefen, traten für die Wahrheit dieses Vorfalles stets ein. Es blieben auch später einige ähnliche Vorkommnisse in meiner Familie nicht aus; ich berichte nur völlig Zweifelloses. Am Tage der Beerdigung übergab man mich der Obhut einer zwölfjährigen Cousine und diese ließ mich auch wirklich die ganze steile Treppe hinunterfallen. Ich schrie gewaltig, meine doch so schmerzlich ergriffene Mutter stürzte herbei, aber ich war schon aufgestanden und ballte das Fäustchen gegen die jammernde Cousine. Es war mir nichts geschehen. Man weiß ja, wie oft ein Schutzengel über Kinder wacht. — So waren wir denn Waisen, mein ältester Bruder noch nicht sieben Jahre, meine Schwester fünf, ich zwei und ein Viertel und mein jüngster Bruder noch an der Mutterbrust, neun Wochen alt! Ich brauche über meinen Vater hier nichts zu sagen. Bald nach seinem Tode schrieb Gotthold Salomon seine Biographie, und mein ältester Bruder eine zweite Lebensbeschreibung im zweiten Hefte seiner „biographischen Skizzen". Sie gaben beide ein getreues Abbild des ausgezeichneten Mannes. Er war einer der verdientesten ersten Lehrer an der Franzschule, trat als Schriftsteller mit bestem Erfolge auf, regte seine Freunde zu gleicher Thätigkeit auf, errichtete durch einen Buchdruckereibesitzer eine hebräische Buchdruckerei und gab eine Reihe hebräischer und deurscher Bücher heraus. Sie bewegten sich auf den verschiedendensten Gebieten, auf dem der Jugendschriften, der Bibelexegese, der neuhebräischen Poesie, Sittenlehre und selbst der Astronomie. Erwägt man, wie damals im Innern des Judenthums Alles schlief, selbst die von Mendelssohn ausgegangene Anregung geschwunden war, von Außen die furchtbaren Kriege alle literarische Thätigkeit lähmten, und das Publikum von jedem Betracht literarischer Erzeugnisse abwandte: so wird man den kühnen, rastlosen und unternehmungsfrischen Geist meines Vaters bewundern, der nun in der Blüthe des Mannesalters mitten im regsten Schaffen abberufen worden .. . Von seiner äußeren Erscheinung habe ich niemals eine Vorstellung erhalten, da er sich niemals hatte porträtiren lassen. Es war dies für mich ein tief empfundener Verlust. Mein Vater hatte etwas Vermögen hinterlassen, aber es steckte in den immerhin noch zahlreichen Exemplaren der von ihm herausgegebenen Schriften. Was zu jener Zeit für die Juden sehr im Argen lag, das waren die Vormundschaftsangelegenheiten. Regierung und Gesetzgebung überließen auch hierin die Juden sich selbst. Der Sterbende oder die Familie desselben wählten zwei Vormünder und dann kümmerte sich Niemand mehr darum. Unsere Glaubensgenossen hatten eine recht tiefe Empfindung für Waisen, aber ihnen fehlte damals noch jede Fähigkeit für Organisation. Waisenanstalten gab es nicht. Häufig genug wurde über Veruntreuung des Vermögens von Mündeln durch ihre Vormünder geklagt. Uns geschah dergleichen nicht; dagegen kümmerten sich unsere beiden Vormünder, von welchen der eine bald von Dessau verzog, niemals auch nur im Geringsten um uns. Ich glaube, sie wußten weiterhin nicht einmal, ob wir noch existirten. Ob die schwierigen Weltverhältnisse, die noch lange wirkenden Folgen der furchtbaren Volkskämpfe und der dann eingetretene mehrjährige Mißwachs Schuld daran hatten, die zahlreichen Freunde meines Vaters hatten sehr bald die Erinnerung an seine Hinterlassenen verloren, nur eine Familie, die der Bondi's in Dresden, machte eine Ausnahme und bewährte uns ihre (

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