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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-08 · Heft 49 (8.12.1887) · p. Seite 780

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 49 (8.12.1887)
Date
1887-12-08
Page
Seite 780 (sequence 12)
Language
German
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780 Frankreich. Paris, 2. December. (Privatmitth.) Aus dem in vor. Nr. berichteten Umstande, daß der französische Antisemitismus seine Zuflucht nach Irland genommen und in der Dublin Review sich Luft gemacht hat, kann man schließen, daß er allhier an Terrain verloren hat und sich hierfür rächen will, indem er die französischen Zustände recht arg schildert. Man glaube aber nicht, daß dieser Hauch aus den mittelalterlichen Grüften bloß auf die Schätze der Dutzend jüdischer Banquiers losstürme: die hervorragende Stellung, welche einige Juden in den westlichen Ländern Europa's erlangten, haben in talentlosen Menschen die heftigste Mißgunst erweckt, einen Neid, den sie in ihren kleinen Seelen nicht zu überwinden vermögen. Als in diesen Tagen der Präsident der Republik ein neues Ministerium bilden wollte, lud er Herrn Raynal, der unter Gambetta Handelsminister gewesen, nach dem Elysee ein, ihm die Bildung eines neuen Ministeriums anzutragen; dieser lehnte es ab, wie alle thaten, welche zu demselben Zwecke in das Elysse berufen worden. — Baron Henry d e Worms, das Mitglied des englischen Parlamentes, gegenwärtig Direktor im Handelsamte, präsidirt der jetzt in London tagenden internationalen Conferenz der Großmächte bezüglich der Zuckerprämien. — Die italienische Regierung hat den ausgezeichneten Deputaten Luzzatti nach Wien und Paris gesandt, um die Verhandlungen über Handelsverträge einzuleiten. Die Vereinigten Staaten Nordamerika's haben einen Israeliten als ihren Gesandten nach Cvnstantinopel geschickt, und wurde dieser vom Sultan mit Auszeichnung empfangen. Ich führe diese Beispiele, die ja leicht auch aus anderen Ländern, z. B. Holland, vermehrt werden könnten, nur aus dem gegenwärtigen Momente an und weise nur auf die nicht kleine Reihe höherer Beamten in Militär, Verwaltung und Justiz hin, um meine These zu erhärten, daß die Befähigung und die durch diese erlangte Stellung verhältnißmäßig vieler Juden dem Antisemitismus zur Geburtsstätte dient. Selbstverständlich darf dieß unter unseren Glaubensgenossen Niemanden abschrecken, seinem Vaterlande mit allen seinen Kräften Dienste zu leisten und hierzu nach seiner Tüchtigkeit nach einer höheren Stellung zu streben. In Deutschland fand dasselbe, wenn auch in anderer Weise statt. Zu einflußreichen Beamtenstellen werden daselbst die Juden garnicht zugelassen; nur auf dem parlamentarischen Felde konnten sie wirksam sein. Dieß geschah, und der antisemitische Lärm wurde darüber in heftigster Weise geschlagen. Jetzt ist auch dieß vorbei und die deutschen Juden sehen dieß wahrscheinlich gern. Lasker, Straßmann, Ludwig Löwe — der früheren nicht zu gedenken — sind tobt, und nur der einzige ist geblieben, Ludwig Bamberger, der jedoch wohl manchmal einen Eindruck macht, doch niemals Einfluß übt. Hoffen wir, daß dieser ausschließliche Geist, von welchem vor wenigen Jahrzehnten nur ein geringer Rest noch vorhanden war, sich wieder verlieren werde. In unserer Zeit braucht der Staat viel mehr bedeutende Kräfte als früher; mit dem gewöhnlichen Beamtenthum in dessen ausgetretenen Geleisen kann er für die zahlreichen neuen Funktionen und in den beständigen, Geist und Anstrengung erfordernden Schwankungen, nicht mehr auskommen, und schade ist es deßhalb um jede brachliegende Kraft. Schließlich wird das Bedürfniß über diese Ausschließung siegen, wie dieß z. B. auf wissenschaftlichem Gebiete schon öfter vorgekommmen. Rußland. Nikolajew, 18. Novemb. Mehr als 300 ausländische Juden, meist Kaufleute, müssen unverzüglich unsere Stadt verlassen. Bonn, 4. December. (Notizen.) Wie man uns aus Berlin mittheilt, hat das Curatorium der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" an Stelle des verstorbenen Rabbiner Dr. Frankl den Rabbiner Dr. May bäum zum Docenten an dieser Anstalt gewählt. — Der fanatische Antisemit Dr. Jerusalem aus Leipzig, der flüchtig gewordene Direktor der Discontobank, hat sich, wie man aus München schreibt, daselbst in einem Hotel erschossen. — Aus Wien wird geschrieben: Der Oberstlieutenant Adolf Beer, ein Israelit, der sich im bosnischen Feldzuge ausgezeichnet hat, wurde zum Oberst und Commandanten des in Laibach garnisonirenden Artillerie-Regiments ernannt. — Aus Pest wird? uns mitgetheilt: Rabbiner Marmorstein, der aus Schild-; berg (Pr. Posen) ausgewiesen worden ist, wurde zum Rabi biner in Szemnitz gewählt. I e u i l i c t o n. Aus meiner Knabenzeit. iv. Also am 28. December 1811 erblickte ich zu Dessau das Licht der West. An meiner Wiege zogen die Heersäulen der großen Armee vorüber nach Rußland; an meiner Wiege vorüber flohen die Reste derselben aus den russischen Eisfeldern zurück. Noch zählte ich keine zwei Lebensjahre, als die Franzosen und nach ihnen die Alliirten, theilweise auch durch Dessau, nach den Schlachtfeldern von Leipzig

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