Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1887)
- Date
- 1887-12-08
- Page
- Seite 779 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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779 Wahrnehmungen gemacht worden sind, welche nach Ansicht des Rabbinates eine Aenderung oder Ergänzung der hinsichtlich der Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichts bestehenden allgemeinen Anordnungen wünschenswerth erscheinen lassen, oder von den zu der jährlichen Conferenz der Oberschulbehörde mit den Kreisschulräthen in Gemäßheit des §. 34 der Verordnung Großh. Ministeriums des Innern vom 1. Oetober 1869 (Beilage zum Verordnungsblatt von 1885, Seite 32) diesseits abgeordneten Commissären zur Sprache zu bringen wären." — Es ist auffallend, daß bei den sonstigen guten Einrichtungen unserer Glaubensgenossen im Großherzogthum Baden es noch gänzlich an der nöthigen Fürsorge für Waisenkinder fehlt. Im nichtamtlichen Theile des gedachten „Verordnungsblattes" wird nun mitgetheilt: „Das Rabbinat und der Synagogenrath in Bruchsal haben in den jüngsten Tagen einen an die Rabbiner und Synagogenräthe im Großh. Baden gerichteten Aufruf versendet, in welchem sie zur Bildung eines die sämmtlichen israelitischen Gemeinden des Landes umfassenden Vereins für Gründung eines israelitischen Waisenhauses auffordern und die thatkräftige Förderung des Unternehmens der Theilnahme der Israeliten Badens anempfehlen. Sie begründeten das Bedürfniß der Errichtung einer solchen Anstalt durch Hinweis auf das traurige, bemitleidenswerthe Loos früh verwaister israelitischer Kinder, welche, wegen Mittellosigkeit ihrer verstorbenen Eltern und ihrer nächsten Verwandten dem Mangel und Elende preisgegeben, ihren Gemeinden Zur Last fallen und der Kostenersparniß wegen in der nothdürftigsten und ungenügendsten Weise versorgt zu werden Pflegen, wobei am meisten zu beklagen ist, daß solche Kinder gar zu oft der nothwendigen Erziehung entbehren, welche sie in den Stand setzen würde, einst eine ehrenhafte Stellung im Leben einzunehnien, für ihre Lebensfristung unabhängig von ihren Mitmenschen zu sorgen und tüchtige, achtungswerthe Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft zu werden." Möge dieses edle Unternehmen den erwünschten Erfolg haben! — — Nach dem neuesten statistischen Jahrbuche zählt unser Großherzogthum 1,601,255 Einwohner, darunter 1,004,276 Katholiken, 565,232 Protestanten und 27,104 Israeliten. — Aus Bayern, 1. December. (Privatmitth.) Ich las jüngst in einem Blatte, daß eine kleine jüdische Gemeinde als solche aufgelöst wurde. Es hatte sich die Mehrzahl der früheren Mitglieder von dem betreffenden Orte entfernt, um theils nach einer größeren Stadt zu ziehen, theils nach Amerika auszuwandern. Man braucht nur nach dem schnellen Wachsthum der jüdischen Gemeinden in den großen Centren, in den volksreichen Berkehrsstädten zu blicken, um diese Wandelung zu gewahren. Wenn man durch die verschiedenen Landschaften Deutschlands von Ort zu Ort zu reisen Veranlassung hat, so gewahrt man häufig an Orten, wo früher Mittel- oder kleine Gemeinden bestanden, jene zusammengeschrumpft, diese dem Verschwinden nahe. Gemeinden, die früher eine blühende Cultur- und'Cultusstätte bildeten, Zeigen nur noch geringe Reste auf, denen die Kraft zum Weiterstreben fehlt. Man wird nun denken, daß 'große Städte, Mjttelpunkte des Verkehrs einen größeren Spielranm für civilisatorische und patriotische Bestrebungen bieten, und daß sie durch Vereinigung größerer Mittel auch bedeutendere Anstalten für Cultus, Unterricht und Wohlthätigkeit ermöglichen. Andererseits aber leidet in ihnen die Einfachheit und Einfalt der Sitten, besonders das innige Familienleben, nach und nach fühlbaren Abbruch, eine Einfachheit und ein Familienglück, welche in den kleineren Städten und Gemeinden eine große Dauerhaftigkeit bewiesen. Insbesondere die aufwachsende Jugend folgt dem verlockenden Beispiel, daß um sie her ihr gegeben wird, und jene sittlichen Eigenschaften, welche selbst unsere Feinde dem jüdischen Stamme nachrühmten, bröckeln allmalig ab. Andererseits ist nicht zu verkennen, daß das Aaschwellen der jüdischen Bevölkerung in gewissen Städten den Antipathien, die zwar immer vorhanden, doch aber schon abgeschwächt waren, Veranlassung und Nahrung zuführt. Ich weiß sehr wohl, daß mit solchen Bedenken der herrschenden Zeitströmung kein Damm entgegengesetzt wird. Die Einen glauben eben in großen Städten einen größeren Spielraum für ihre Thätigkeit, einen leichteren Erwerb zu gewinnen; die Anderen wollen das erworbene Gut in größerer Genossenschaft und unter vielfachen Annehmlichkeiten, welche eine große Stadt bietet, besser genießen. So Ziehen die begüterten Mitglieder aus den mittleren und kleinen Gemeinden fort, und diese verlieren an Zahl und Mitteln immer mehr. Oesterreich-Ungarn. Wierr,I5. Nov. (Privatmitth.) Man wird sich erinnern, daß vor Kurzem in St. Pölten durch die Verbindung der Clericalen und Antisemiten ein Antisemit in den Reichsrath gewählt worden ist. Dasselbe fand nun gestern hinsichtlich der Wahl eines Abgeordneten für den Landtag statt und mit gleichem Erfolge: Die Liberalen unterlagen. Hierüber kann doch keine Illusion mehr herrschen — in Preußen die sog. Conservativen, in Oesterreich die Clericalen! Wien, 29. Nov. Auf Veranlassung des Unterrichtsministers forderte der Statthalter Possinger als Vorsitzender des Landesschulrathes den Bürgermeister Uhl auf, in Betreff des städtischen Gymnasialprofessors und antisemitischen Abgeordneten Fiegl, welcher als Secundant Luegers den Abgeordneten Wrabetz herausforderte, Erhebungen zu pflegen und die gefaßten Beschlüsse dem Landesschulrathe bekannt zu geben, 49*