Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1887)
- Date
- 1887-12-08
- Page
- Seite 775 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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775 und wenn sie darin Herrn de Lagarde noch immer nicht genügen, so liegt es daran, daß er vielleicht in diesem Punkte Ansprüche erhebt, denen nur seine, in vieljähriger unausgesetzter Polemik geübte Kraft gewachsen ist. Von den eigentlichen Aussetzungen Kaufmanns sucht de Lagarde nur eine einzige zu entkräften — und blamirt sich dabei neuerdings aufs Gründlichste. Wir haben oben eine falsche Uebersetzuug eines Verses von Juda Halewi angeführt, welche Kaufmann rügt. Sei es, daß de Lagarde dessen Worte einfach nicht verstanden hat, oder daß ihm die gleichfalls oben angeführten gehässigen Deductionen, die er an diese Verse knüpft, zu werthvoll sind, um sich davon zu trennen, genug, er bleibt dabei, daß „dieser Vers genau das bedeute, was er ihn habe bedeuten lassen", und nennt Kaufmanns Kritik „wissentliche Täuschung des Lesers". Was soll man da weiter sagen? Daß der Dichter, wenn er das hätte sagen wollen, cz'nz i'N' hätte sagen müssen? Es würde nichts nützen, denn Herr de Lagarde läßt eben die hebräischen Worte das bedeuten, was er souverän verfügt, so beispielsweise die Worte: □•rv 7-1 >o yi; -nt „er möge Samen sehen, der Tage lang macht!" Gegen subjective Willkür ist nicht aufzukommen, und jeder Streit ein vergeblicher! Auf die Polemik gegen Herrn Dr. Berliner gehen wir, da sie mit der Tendenz dieses Artikels nicht im Zusammenhänge steht, nicht weiter ein. Nur ein einziger Punkt soll hier hervorgehoben werden, weil er für den moäns xroeedendi des Herrn de Lagarde im höchsten Grade charakteristisch ist. Im II. Bande der Deutschen Schriften S. 25 hatte dieser eine im literarischen Centralblatte erschienene und mit M. L. gezeichnete Kritik über Graetz ohne Weiteres „dem bekannten Popular-Philosophen Moritz Lazarus" zuerkannt, und noch im Jahre 1884 diese Behauptung wiederholt. Inzwischen war es bekannt geworden, daß nicht Lazarus, sondern Max Lehmann, der Verfasser dieser Kritik sei. Trotzdem figurirt, wie Berliner hervorhebt, in der 3886 erschienenen zweiten Ausgabe der Deutschen Schriften an der betreffenden Stelle wiederum Moritz Lazarus als Verfasser; Und wie rechtfertigt de Lagarde ein solches Vorgehen, gegen das er, wenn es sich ein Anderer hätte zu Schulden kommen lassen, er nicht genug sittliche Entrüstung hätte aufbringen können? Da er, so erklärt er, in seinem Texte nichts Wesentliches habe ändern wollen, so habe er sich nicht befugt geglaubt, den Namen zu streichen, und nur in der Vorrede die falsche Angabe corrigirt. — Ich denke, hier ist jeder Commentar überflüssig! Der übrige Theil der Schrift ist, wie bereits im Eingänge gesagt wurde, unverfälschtes Hep-Hep. Wer die früheren Schriften de Lagarde's kennt, wird gewiß auf starke Dinge gefaßt sein; aber er wird hier Alles überboten finden, was er zu hören erwartete. Bon der jüdischen Literatur des Mittelalters heißt es S. 272: „Die Juden sind damals mit den Schätzen Griechenlands, welche sie von den Arabern bezogen hatten, durch Europa hausiren gegangen; da wir jetzt unsere Kenntniß der griechischen Wissenschaft aus erster Hand erhalten können, ist die Zeit der Hausirer vergessen, und ist die Geschichte jenes Hausirhandels uninteressant"! Eleganter kann man sein mangelndes Verständniß (s. Kaufmann) nicht rechtfertigen. — S. 330 wird dem Antisemitismus eine Gloriole verliehen durch den Satz: „Der Jnstinct des Volkes hat das Wort geprägt, und darum ist auch die dem Worte zu Grunde liegende Anschauung richtig; sie ist aus der Psyche der Nation hervorgegangen". Daß das einfach nicht wahr ist, werden auch Nichtjuden zugestehen, wenn sie mit unbefangenem Blicke den Ursprung und Verlauf der antisemitischen Bewegung verfolgt haben. Diese ist von Professoren, Geistlichen, Lehrern, Literaten rc. in's Leben gerufen und erst nach und nach in die Bevölkerung hineingetragen worden; und wer die ursprünglichen Motive bei den Urhebern dieser Bewegung kennt, wird zugeben, daß die „Psyche" dabei sehr wenig, und die Materie, die grobe Materie, sehr viel mitgewirkt hat. — Weiter heißt es auf derselben Seite: „Ein Volk, das Jahrtausende hindurch für die Geschichte einen Ertrag nicht abgeworfen hat, untersteht sich, den Jndogermanen Europa's, die geradezu Alles erarbeitet haben, von dem wir leben, in das Gesicht zu schreien, daß es ein Lieblingsvolk des Schöpfers sei". So schlimm ist es Gottlob mit der deutschen Geschichtsforschung noch nicht bestellt, daß wir nöthig hätten, unsererseits Derartiges zu widerlegen. — S. 331 heißt es: „Die erste Bedingung, zum Frieden mit den Juden zu gelangen, ist die auf den Standpunkt vor der Emancipation zurückzutreteu"; so ist also Herr de Lagarde glücklich bei Herrn von Schönerer angelangt, der bekanntlich im österreichischen Abgeordnetenhause diese Zurückschraubung nur als eine Frage der Zeit hingestellt hat; ja selbst bis zu Rohling gelangt er, indem er S. 332 gleich diesem Delitzsch zum Juden stempelt, und dessen Protest dagegen nicht beachtet. Doch genug und übergenug! Wenn die beiden Schriften de Lagarde's nicht noch Anderes enthalten hätten, um dessen Willen auf sie eingegangen werden mußte, um dieser antisemitischen Auslassungen Willen hätten wir gewiß nicht zur Feder gegriffen. Sie stehen auf keinem höheren Niveau als die Hetzreden Stöckers und Böckels unb verdienen ebensowenig eine Widerlegung, wie diese.