Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1887)
- Date
- 1887-12-08
- Page
- Seite 774 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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774 Schrift Berliner vorwirft: „Widerlegen ist seine Sache nicht; es fehlt ihm das ruhige Blut und die innere Zucht, welche allein die Wahrheit zu suchen und zu finden ermöglicht", dessen macht er sich in dieser Schrift in ungleich höherem Maße schuldig. Die Methode, sich und seine Angelegenheiten mit dem deutschen Reiche, dem deutschen Volke, der deutschen Wissenschaft, kurz mit Allem, wozu man nur füglich das Epitheton „deutsch" setzen kann, zu identificiren, wird auch hier bis zum Ueberdrusse angewendet, aber über die eigentliche eausu litis wird auch hier wieder rasch hinweggeschlüpft. Von der ganzen 89 Seiten umfassenden Schrift enthält der bei weitem größere Theil Gezanke mit Or. Berliner über dessen Targum-Ausgabe und antisemitischeHerzensergießungen; der Widerlegung Kaufmann's, auf die es, wenn man den Ausgangspunkt des ganzen Streites in Betracht zieht, hauptsächlich ankam, sind 11 Seiten gewidmet, und daß diese Widerlegung gelungen sei, wird außer de Lagarde kein Mensch auf Erden behaupten. — Einen einzigen schwachen Punkt bot die Schrift Kaufmann's, und aus diesen wirft sich auch de Lagarde nüt aller Kraft. Dieser letztere hatte gesagt: „Daß die meisten dieser Dichtungen nicht in den Gottesdienst, sondern in eine Bierzeitung gehören, ist wenigstens mir nicht zweifelhaft. Ich finde für Leute, die diesen Unrath bewundern, keinen Platz in Deutschland"!! Statt nun diesen unwürdigen, empörenden Ausdruck energisch zurückzuweisen, gleichgiltig, welchem synagogalen Dichter er gelte, begeht Herr Kaufmann die Unvorsichtigkeit, auszurufen: „Herr des Himmels, es sind Gedichte Juda Halevi's und Jbn Esra's darunter!" Das greift Herr de Lagarde, der diese beiden Dichter von seinem Verbiete ausgenommen wissen will, sofort auf, um seiner, das Subjective immer verallgemeinernden Methode getreu, das Gebot zu erlassen: „Kein Jude sollte wagen, über die Arbeiten von Nichtjuden sich zu äußern, bevor er sich den Zusammenhang des von solchen Nichtjuden Geschriebenen gehörig klar gemacht hat!" — Was Kaufmann sonst vorbringt, all' die niederschmetternden Beweise mangelnden Verständnisses übergeht de Lagarde fast ganz; er gesteht wohl zu, daß er Manches aus diesem Büchlein gelernt, daneben auch erfahren habe, daß er sich „in Einzclnheiten in der Eile versehen habe" — dieses Mal sind es nicht Druckfehler, — aber darauf komme es ja gar nicht an, sondern darauf, ob Herr Kaufmann erstens Zuitzen's Methode, zweitens dessen Uebersetzungen, drittens dessen Auswahl gerechtfertigt habe. Nein und tausendmal nein; Kein jüdischer Gelehrter hat Zunz aus falscher Pietät geschont, wo es galt, einen Jrrthum zu berichtigen; ich verweise beispielsweise nur auf den großen Catalog Steinschneider's, eines seiner treuesten Verehrer und Freunde, wo an unzähligen Stellen gegen Zunz polemisirt wird; aber das wird ihm Niemand aus unserer Mitte anthun, daß er die Anlage und den Inhalt seiner Schriften gegen solche gehässige Angriffe vertheidigt, deren Motive die Worte: „Das Alles zu sagen war nothwendig, da die Herren Juden ihren Zunz über alles Maß hinaus in die Höhe loben", genügend beleuchten. Kaufmann hat ganz Recht gethan, daß er diese Zumuthung mit wenigen kräftigen Worten (S. 16) zurückweist. Für die Uebersetzungen ist Kaufmann nicht cingetreten, und wird auch Niemand eintreten; er sagt ganz richtig: „Zunz wäre der Erste gewesen, der in dem Streite um die jüdische Poesie seine Uebersetzungen preisgegeben hätte, wenn Jemand um ihretwillen den Originalen zu nahe zu treten sich vermessen haben würde." Und wenn vr. Berliner auf Anregung des Vorsitzenden der Zunz-Stiftung zum 90. Geburtstage des Verfassers die ungedruckten oder wenig zugänglichen hebräischen Texte der Zunz'schen Uebersetzungen herausgiebt, so wird Jeder, der eben nicht von gehässigen Gesinnungen geleitet wird, zugeben, daß der Wiederabdruck dieser Uebersetzungen durch die Veranlassung der Schrift geboten war und keinerlei Rückschlüsse gestattet. Was endlich die Auswahl betrifft, und die Anklage, daß Zunz das Beste nicht bringe, so zeugt es entweder von üblem Willen oder von üblem Verständniß, wenn Herr de Lagarde sie auch jetzt noch aufrecht hält, nachdem Kaufmann ihm mitgetheilt hat, daß Gedichte Gabirol's, Halevi's und Jbn Esra's, die er vermißt, schon in trefflicher Weise von Dr. M. Sachs, dem Zunz selbst die Meisterschaft auf diesem Gebiete zuerkannt hat — und außerdem auch von Geiger — übersetzt worden sind, daß also für Zunz keine Nöthigung vorlag, diese Gedichte noch einmal zu übertragen. Seine Aufgabe war es vielmehr, den Lesern Unbekanntes oder wenig Bekanntes vorzuführen. So kehrt sich also der Anwurs de Lagarde's: „mit dem beliebten Verfahren, einem gerechten Tadel dadurch zu begegnen, daß man behauptet, an dem Tadelnden sei Weniges oder Vieles zu tadeln, ist ... . nichts gewonnen. Und auch damit kommen wir nicht weiter, daß nian von der Hauptsache durch Behandlung von recht vielem Nebensächlichen die Aufmerksamkeit der Leser ablenkt", wie in der ersten, so auch in der letzten Phase dieses Streites nur gegen ihn selbst; e r ist es, der durch allerlei Nebensächliches die Aufmerksamkeit von der Niederlage abzuwenden sucht, die er durch Kaufmann's Kritik erduldet hat. So unter anderem in etwas kindlicher Weise durch die Mittheilung, daß auch jüdische Gelehrte Fehler gemacht haben, daß sie aber von ihren Glaubensgenossen milder bemtheilt werden, als Andersgläubige. Kennern der modernen jüd. Literatur brauche ich das total Unrichtige dieser Behauptung nicht erst zu erweisen. Die jüdischen Gelehrten lassen bei der gegenseitigen Beurtheilung ihrer Leistungen an Schärfe, Rücksichtslosigkeit, stellenweise selbst an Gehässigkeit der Kritik nichts zu wünschen übrig,