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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-08 · Heft 49 (8.12.1887) · p. Seite 773

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 49 (8.12.1887)
Date
1887-12-08
Page
Seite 773 (sequence 5)
Language
German
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773 auch sprachlich musterhaften Satze entgegentritt: „Was die von den Juden erlittenen Verfolgungen anlangt, so ist es doch sehr ungerecht, ohne die von den durch Zunz und seine Genossen so hart angeklagten Christen gegebene Darstellung auch nur zu kennen, den oft kläglich veranlagten Verfolgten allein das Wort zu gönnen", und als Gegenrechnuug einige Zeitungsartikel und eine Rede Bismarck's vorführt, so mag er das vor sich selbst verantworten; die jüdische Presse hat Wichtigeres zu thun, als auf derartige Erzeugnisse sinnlosen Hasses weiter einzugehen. — Daß die im Vorstehenden charakterisirte Brandschrift in jüdischen Kreisen die höchste Entrüstung hervorrief, ist ebenso selbstverständlich, als daß sie nicht ohne Erwiderung bleiben durfte. Zunächst antwortete Herr Dr. Berliner, welchen de Lagarde ganz ohne Noth und bloß deshalb in den Bereich seiner Jnvectiven mit einbezogen hatte, weil er zum 90. Geburtstage des Dr. Zunz die theils ungedruckten, theils wenig zugänglichen hebräischen Texte zu einigen von dessen Uebersetzungen, und bei dieser Gelegenheit diese selbst zum Abdrucke gebracht hatte. Aber, da diese Schrift *) sich hauptsächlich mit der Widerlegung der gehässigen Kritik, welche de Lagarde über die Targum-Ausgabe Berliners schon früher veröffentlicht hatte, beschäftigt, kann sie hier nicht weiter berücksichtigt werden. Auf den Kern der Frage ging die Gegenschrift des Prof. David Kaufmann in Pest ein, ein wahres Prachtstück scharfer und doch würdiger Polemik. 2) Wenn Kaufmann nichts Anderes geschrieben hätte, als diese eine kleine Broschüre, so würde sie allein schon ausreichen, um ihm seinen hervorragenden Platz in der jüngeren Gelehrtengeneration zu sichern. Nicht ein verletzendes Wort wird gegen den Mann gebraucht, „der sich selber wohl zu vergessen das Recht hat, aber von Anderen fordern darf, daß sie seine Bedeutung nicht vergessen", und doch ist die Widerlegung eine geradezu vernichtende. De Lagarde hatte bei Zunz die „unehrenhafte Vermeidung aller Citate aus Fürst's Orient" gerügt, und den Grund dafür in dem persönlichen Hasse gefunden, „an welchem bei Zunz und seines Gleichen kein Mangel ist". „Die verblüffende Bestimmtheit", mit welcher diese Behauptung auftrat, mußte unbedingt den Glauben an ihre Richtigkeit erwecken; und doch ist kein wahres Wort' daran! Die „Synagogale Poesie" allein hat an mindestens zehn Stellen Citate aus dem „Orient"! Zu fünf Stücken hatte de Lagarde eine „verbesserte" Uebersetzung herausgegeben; nicht weniger als 25 Fehler weist Kaufmann derselben in unwiderleglicher Weise nach, abgesehen von den anderen Fehlern, welche in dem übrigen Inhalte der Schrift 1) Professor Paul de Lagarde, nach seiner Natur gezeichnet, von Dr. A. Berliner. Berlin, Benzian. 2) Paul de Lagarde's jüdische Gelehrsamkeit. Eine Erwiderung von Prof. Dr. David Kaufmann. Leipzig, Schulze. de Lagarde's Vorkommen. Näher darauf einzugehen, verbietet der Raum; nur zwei Prachtexemplare sollen hier vorgeführt werden. Zu den Worten: „Uns sie auf dem Rücken breite Furchen ziehen möchten", macht de Lagarde die Bemerkung: „Gramgefurchte Gesichter kennt man wohl, aber gefurchte Rücken? Es muß ein Palästinismus sein!" „Ich kann", erwidert Kaufmann, „von der Thatsache nichts abmarkten lassen, daß Herr Prof, de Lagarde hier den Psalmvers 129, 3 übersehen hat, wo bereits das alte Israel klagt: Meinen Rücken haben Pflügende durchfurcht"! —In einem Gedichte Juda Halevi's räth der Dichter, den Frommen zu folgen, nimci -pn mm vni mbr.n üjwbz -wn, was natürlich für Jeden, der Hebräisch versteht, nichts Anderes bedeuten kann, als: auf deren Zungen Lobgesänge sind, ohne das ihr Juneres Betrug und Hinterlist ist, d. h. deren Gesinnungen mit ihren Aeußeruugen übereinstimmen. De Lagarde übersetzt: „auf deren Zungen Psalmen waren, und in deren Mitte kein Betrug und keine Gaunereien", und macht auch gar kein Geheimniß daraus, warum ihm gerade diese Uebersetzung so gefällt. In einer Anmerkung nämlich heißt es: „Der Dichter will sagen: Ihr beschäftigt Euch, meine Stammesgenossen, mit Betrug und Gaunereien, während denen, derer ihr Euch rühmt, ganz andere Dinge am Herzen liegen; diesen Ahnen sollt ihr nacheifern"! Und nachdem er also glücklich ein Zeugniß aus dem 12. Jahrhundert für den Antisemitismus des 19. zu Wege gebracht hat, fährt er fort: „Charakteristisch ist, daß Vers 22 von Zunz weggelassen worden ist. Es war natürlich das Einfachste, diese aus jüdischem Munde stammende Kritik der um 1125 in Spanien lebenden Juden todtznschweigen"! Ja, ja, charakteristisch ist etwas an diesem Casus, nur nicht das, was Herr de Lagarde dafür hält! Auf die Haltung de Lagarde's der ^geradezu vernichtenden Kritik Kaufmann's gegenüber durfte man gespannt sein. Hätte man voraussetzen dürfen, daß er sich selbst mit demselben Maße messen werde, wie Andere, so hätte man ein einfaches „Ich habe gefehlt und geirrt" erwarten können Sagt er doch selbst Symmicta II. 115: „Oeffentliche Abbitte ist in meinen Augen das einzige Mittel, Unrecht gut zu machen und Beleidigte zum Schweigen zu bringen." Aber schon vor; Jahren hat Prof. A. Weber in Berlin de Lagarde's Haltung 'in dieser Beziehung in folgender Weise gekennzeichnet: „De Lagarde ist parteiisch in der Beurtheilung der eigenen und fremden Fehler. Der Mitforscher wird wegen eines leichten oder schweren Fehlers mit unerbittlicher Strenge an den Pranger gestellt, und es werden die weitestgehenden Folgerungen aus diesem Fehler gezogen; die eigenen Fehler weiß der Verfasser als Schreib-, Druck- oder Gedächtnißfehler zu entschuldigen." Diese Charakteristik rechtfertigt de Lagarde in seiner letzten Schrift „Juden und Jndogermanen" wieder einmal aufs Glänzendste. Was er im Eingänge seiner

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