Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1887)
- Date
- 1887-12-08
- Page
- Seite 772 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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772 urkomisch zu finden, — (man beachte die hervorgehobenen Worte und eomponire sich aus denselben die Situation) — so wenig bestreite ich ihm wieder das Recht, Zunzen's Verse unschön zu finden. Aber auch hier wird der Standpunkt künstlich gewendet, damit für die Jnvectiven gegen Zunz der Boden gewonnen werde. Wer nur einen Blick in die „Synagogale Poesie" wirft und richtig urtheilen will, wird erkennen, daß der Autor seine Uebersetzung nicht zu sprachlichen Zwecken gegeben hat, in welchem Falle allerdings eine wörtliche Uebersetzung erforderlich gewesen wäre, sondern daß es ihm darauf ankam, denen, die die Originale nicht kennen und nicht zu lesen im Stande sind, einen Begriff zu geben von der Gefühlsgluth, der Tiefe der Empfindung, die diese Gebete durchströmt, von der Begeisterung und religiösen Innigkeit, die sich in ihnen ausspricht. Da war nur eine sinngemäße Uebertragung, keine philologische Jnterlinearversion am Platze. Die Gedichte bilden gewissermaßen nur eine Illustration des Textes, der einerseits die Entwicklung der synagogalen Poesie, andererseits die Leiden des jüdischen Volkes, über welche hier der Schmerzensschrei zu Gott sich erhebt, schildern will. Das Alles könnte Herr de Lagarde so gut wissen, wie jeder Andere; aber er decretirt ein anderes Urtheil, demgemäß er Zuuz nur die Wahl stellt, ob er als „Schwachkopf" oder als „Fälscher" gelten will, — tertium non datur, avTog ecpa — ersteres, weil er keine bessere Auswahl getroffen, letzteres, weil er hier und da einzelne Worte unübersetzt gelassen hat. Wie es zu machen gewesen wäre, zeigt der strenge Richter durch eine Parallel-Uebersetzung, die unter dem Striche gegeben wird. Auf die verschiedenen, höchst ergötzlichen Unglücksfälle, die ihm dabei in der Deutung des hebräischen Textes passirt sind, wollen wir später noch zurückkommen; hier wollen wir nur einige Proben des „verbesserten" Zunz vorführen. Zunz „seiner Ringe Siegel den Sternen leihet Flügel" lautet „verbessert": „blicke auf deren Sterne, seine Siegel, die Pitschierarbeit seiner Ringe", — Zunz „der Bruder, der mich legt auf den Scheiterhaufen" lautet „verbessert": „wie sollte . . . ein Bruder mich auf einen Kohlentopf legen", — Zunz „Gebete herzusagen dürfte wagen, der an Sünden schwer?" lautet „verbessert" : „Wie soll ich ein meine Lippen Aufthuender sein, ein eine Bitte, die um Gnade fleht, Aufschreiender zu sein?" und dann heißt es weiter in unnachahmlicher Schönheit: „Krampf ist in meinen Knochen aufsprießend, verfettet ist mein Herz, hoch ist Sündigen und Treulossein wie ein fliegender Vogel"!! Nachdem also gezeigt worden ist, wie es Zunz eigentlich hätte machen müssen, wird in ebenso komischer als widerwärtiger Weise der Spieß umgedreht, und das Judenthum gegen die „Asiaten" Kaufmann, Ziemlich, Berliner rc. re. vertheidigt, welche „nicht so viel jüdisches Nationalgefühl haben, um bei Zunz die Zionide Halevi's (die in jedem übersetzten Rituale für den 9. Ab zu finden ist) zu vermissen!" „Warum nichts von Harizi?" ruft de Lagarde aus (daß dieser kein synagogaler Dichter ist, ist für ihn nebensächlich), „warum nicht wenigstens '*111 (das schon Andere verdeutscht haben, und das in jedem übersetzten Gebetbuche zu finden ist). — „Derartiges nicht vermissen", fährt Herr de Lagarde fort, „erweist eine Unfähigkeit zu empfinden und zu urtheilen, welche Deutschen empfehlen wird, die sie in der ungescheutesten Rücksichtslosigkeit offen darlegenden Fremdlinge als des Aufenthalts in Deutschland unwürdig über die Grenze zu befördern. Diese Sorte von Juden ist nur eine Last für uns, ... die nur durch Abschaffung beseitigt werden kann!!" Nachdem so das Ausweisungsdecret für uns Alle erflossen ist, geht es an eine Würdigung der literarischen Thätigkeit des „verstorbenen Lipman Zunz". Ich würde dem Andenken des Mannes, den wir als Schöpfer der neueren jüdischen Wissenschaft verehren, der ein ganzes langes Leben in der selbstlosesten Weise seinem Volke widmete und nichts dasür erntete, als die Anerkennung, die ihm in seinen letzten Lebensjahren zu Theil wurde, zu nahe zu treten glauben, wenn ich de Lagarde gegenüber, dem gerade diese Anerkennung die Galle gerührt hat, ihre Berechtigung Nachweisen, oder Zunz gegen den Vorwurf der „Methodelosigkeit" — (bei Rückert wird S. 91 über diesen Mangel hinweggesehen —) vertheidigen wollte, d. h., genauer gesagt, gegen den Vorwurf, daß er nicht die Methode eingeschlagen hat, die Herr de Lagarde als die einzig richtige hinstellt, weil er, im Besitze der Resultate Zunz'scher Forschung, keine Ahnung davon hat, wie unmöglich eine solche Methode früher war. Zunz selbst stellt sich in rührender Bescheidenheit (Literaturgeschichte VI.) nur als „ Erzschm'elzenden" hin, der „künftigen Goldarbeitern" das Material liefert. Auf den übrigen Inhalt der Schrift, in welcher der berühmte Gelehrte — er nennt sich selbst S. 160 „ein Mann meines Ranges" — so ganz vergißt, was er diesem Range, den ihm auf seinem Gebiete gewiß Niemand streitig macht, schuldig ist, gehe ich weiter nicht ein. Wenn der Professor der Theologie sich Aeußerungen gestattet, wie die folgenden: „Sie (die Juden) haben sich also eingegraben, vermutlich mittelst der aus dem V. Buche ihres Gesetzes 23, 13 so bekannten, von ihrem Gotte allerhöchst selbst verordneten Schaufeln" — „Der Wucher ist den Juden in der allbekannten Stelle ihres Gesetzbuches V. 23, 20. 21. von ihrem Gotte in allerhöchst eigener Person an ihr hartes Herz gelegt worden", — wenn der Mann, dem das „Mitzulieben bin ich da" so schön gefällt, der Aufzählung der entsetzlichen Leiden und Qualen, welche die Juden im Laufe der Jahrhunderte zu erdulden hatten, und welche ja auch die christliche Geschichtsforschung nie in Abrede gestellt hat, mit dem,