Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1887)
- Date
- 1887-12-08
- Page
- Seite 770 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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770 ein anderes sein und ich glaube, daß die Angelegenheit das Interesse weiterer Kreise beanspruchen darf, weil sie einerseits eine Phase unserer vaterländischen Ideale schildert, deren Lehren für die Zukunft, wenn diese Ideale vielleicht wieder vor die nationale Phantasie treten, lehrreich sein werden, und andererseits die Theilnahme der Leser im übrigen Europa, wo die Judenfrage lebhaft discutirt wird, beansprucht. Uns Spaniern geschieht es häufig, daß wir nicht die nöthige Sorgfalt anwenden, um dem Auslande unsere Fortschritte und die Errungenschaften der Civilisation während der letzten Jahrzehnte in unserem Vaterlande darzustellen, und so geschieht es, daß man uns mit erschrecklicher Naivität sagt, wir wären fanatisch, wie vor zwei Jahrhunderten, arm wie nach unseren Bürgerkriegen und hinsichtlich unserer Ehrenhaftigkeit und Charakters, wie uns unglückliche Chronisten und phantasiereiche Berichterstatter zu schildern belieben. Und wir schweigen gewöhnlich dazu, wie Jemand, der vom tiefen Jrrthum der Beschuldigung überzeugt ist und sich nicht die Mühe nehmen will, dieselbe zu wiederlegen. Wenn nun die Gelegenheit kommt, uns an der Seite der übrigen Völker Europas zu zeigen, erinnert man uns an jene Anklagen, die unwiderlegt geblieben waren, als ob das Beweismaterial wäre, das weitere Einsprüche unmöglich machte. Im vorliegenden Falle ist es durchaus angezeigt, darzulegen und zu beweisen, daß in Spanien ebensoviele religiöse und sociale und selbst politische Freiheiten existiren, wie bei den liberalen Nationen Europas; und das zwar heute und gemäß den bestehenden Gesetzen, ohne die demokratische öffentliche Meinung zu berücksichtigen, die unser Volk mit jedem Tage in seinen Bestrebungen und Wünschen weiter vorwärts drängt. Als Belehrung für uns selbst wird das Nachstehende über den von uns gemachten Versuch die einst aus Spanien vertriebenen Juden wieder zurückzurufen nicht ohne Nutzen sein. Zum Mindesten ist der Gegenstand neu und als solcher schon nicht ohne Reiz für die Leser. Es handelte sich darum, die jüdische Bevölkerung spanischer Abkunft, welche heute aus Rußland, Rumänien und aus dem östlichen Europa im Allgemeinen bald nach Nord- Amerika, bald nach Italien und England auswandert, nach Spanien zu lenken, immer aber mit Ausnahme der ganz unwissenden und völlig unbemittelten Elementes) Der Gedanke entsprang dieses Mal durchaus spontan der Initiative der israelitischen Presse selbst, und ich sage dieses Mal, denn wie später erwähnt werden soll, war die Idee nicht völlig neu, 1) Auch wir wünschen, daß namentlich in den ersten Zeiten die einwandernden Juden sich in anständigster Erscheinung dem spanischen Volke darstellen. Aber wissen mochten wir, auf welche Weise der Herr Senator „unwissende und unbemittelte" Juden an der Einwanderung verhindern will, wenn die gesetzliche Freiheit allaemein constatirt ist? Redact. wenngleich politische Erwägungen und nicht nationale Nützlichkeitsbestrebungen und das Ideal ein großes Unrecht der Vergangenheit zu sühnen, den Impuls gaben, wodurch tüchtige Kräfte und schätzenswerthe Energien resultatlos verbraucht wurden. Gegenwärtig wäre es möglich gewesen, ohne den Mechanismus der politischen Bestrebungen und Jntriguen in Rechnung zu tragen, durch die treibende Macht der öffentlichen Meinung allein unterstützt, die Einwanderung der Juden in Spanien zu verwirklichen. Die Bewegung wäre einfach die Schlußfolgerung, der auf ihre Wahrheit geprüften und als richtig befundenen Prämissen gewesen: die Möglichkeit der Rückkehr der im Jahre 1492 vertriebenen Juden und der von vielen der Nachkommen dieser Juden geäußerte Wunsch, die Rückkehr in ihr Vaterland zu bewerkstelligen, wobei also philanthropische Motive nicht ausschließlich zur Geltung kamen. Die erstere Voraussetzung, d. h. die Möglichkeit der Judeneinwanderung, bezog sich natürlich auf alle Juden ohne Unterschied des Ursprunges, deßgleichen existirten die verschiedenartigsten Beweise des Wunsches nach Spanien zu kommen. Es war also nicht anders möglich, als zugleich mit der Einwanderung der spanischen Israeliten den Juden verschiedener Abkunft dieselbe Vergünstigung zu gewähren. Jede eigens in eine Richtung geleitete Einwanderung erfordert einen gewissen Apparat, dessen Zweck ist, die einwandernde Bevölkerung mit derjenigen, welche ausgesprochen oder stillschweigend zu erkennen gegeben hat, daß sie aus der Einwanderung Vortheile erwartet, in Beziehung zu setzen, wobei der vermittelnde Faktor in dieser interessanten socialen Operation fähig sein muß, sorgfältig und überlegt den zweckmäßigsten Weg auszuwählen und einzuschlagen. Als der Gedanke, die Judenbevölkerung nach Spanien herüberzuleiten in die Oeffentlichkeit drang, bestand immerhin noch nicht der Vorsatz, eine Einwanderungsgesellschaft zu gründen, wie solche Körperschaften in der Regel gebildet zu werden pflegen. Das Verfahren war anders. Der Zweck dieser Aufsätze ist es, nun alles das zusammenzufassen, was in dieser Angelegenheit geschehen ist: die Materialien herbeizutragen, auf welchen künftige Versuche weiterbauen können; die bei dieser Gelegenheit geäußerten Ansichten von Bedeutung der Vergessenheit zu entziehen; die Urtheile der öffentlichen Meinung und berufener Persönlichkeiten aneinanderzustellen und schließlich den jüdischen Charakter zu schildern, wie er sich uns während dieser Arbeiten und Erfahrungen dargestellt hat. Soviel ich kann, werde ich die Erklärung der Thatsachen vermeiden, da es nicht auf meine Ansicht ankommt und es mir schwerlich gelänge, den Vorwurf der Parteilichkeit von mir abzuwenden, auch wenn ich zu derselben in keiner Beziehung Motive hätte."