Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 766 (sequence 14)
- Language
- German
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766 ihr heiliges und beschwerliches Amt nach alter Sitte gewissenhaft und hingebend aus. Sobald Jemand in der Gemeinde schwer erkrankt war, leistete sie bei ihm die Krankenwacht, die, sobald die Agonie eintrat, durch mehrere Mitglieder verstärkt ward. So bald es in der Gemeinde hieß: bei dem und dem ist die Chebra, so wußte man, daß es zum Sterben gehe. Bei langwierigen schweren Kranken wurde die alte Sitte der Verleihung eines anderen Namens für den Patienten in der Synagoge ausgeführt, und ebenso wurden für schwer Erkrankte daselbst Psalmen gebetet. War der Tod eingetreten, so eilte man mit der Bestattung, welche in der Regel noch an dem Tage des Verscheidens stattfand. Ich habe es selbst erlebt, daß Leichen derer, welche des Morgens verschieden waren, Nachmittags schon beerdigt wurden. Die alte Vorschrift, welche Jeden verpflichtete, dem Leichenbegängniß anzuwohnen, wurde sorgfältig beobachtet. Man sammelte sich in Haufen vor dem Sterbehause; der Todtengräber ging in einen schwarzen Mantel gehüllt dem Trauerzuge voran, die Bahre wurde auf den Schultern getragen, wobei die Träger unterwegs oft wechselten; hinter der Bahre wogte die Menge in ungeordneter Folge und in den buntesten Alltagsgewändern. Es vereinigte sich hier das wärmste Mitgefühl mit allem Mangel an Anstandsgefühl. In einem besonderen Metaherhaus wurde auf dem Friedhofe die Leiche gewaschen und bekleidet und unterdeß bereitete man die wenigen Bretter, welche statt des Sarges in dem Grabe angebracht wurden, vier Bretter an den vier Seiten, weiter nichts, nur die Cohanim erhielten ein Brett obenauf. Ich erwähne dieß, um den jüngeren Lesern zu zeigen, wie weit man aus diesen alten Gebräuchen vorwärts zu schreiten hatte, denn wir haben es doch hier mit einer Gemeinde zu thun, in deren Mitglieder zu einem großen Theile die moderne Bildung schon eingedrungen war. — Die einzige Entschädigung außer dem Bewußtsein erfüllter Pflicht war für die Männer und Frauen der Chebra — die jährliche Chebraßude, d. i. das Festmahl der Genossenschaft am 7. Adar, getrennt für Männer uud Frauen. Da herrschte eine ungebundene Fröhlichkeit und die „Clesmerim", d. i. die jüdische Musikbande, spielte lustige Weisen. Denn eine solche, bestehend aus ganz tüchtigen Spielern, einer Violine, einer Bratsche, einer Baßgeige, einer Flöte und einem Horn, gab es noch, und sie wurde auch häuflg von den Bauern in den Dörfern berufen. Jedes Jahr gab es einige aufsässige Mitglieder, die dem Gastmahl nicht beiwohnen wollten. Dann kam die Musikbande, spielte in dem Hause des Widerstrebenden gewisse Melodien und führte ihn siegreich zum Festmahle. Bei diesem gab es dann wieder, wenn der Wein gewirkt, einige Streitigkeiten, die bis zum nächsten Festmahle ihre ungefährlichen Wirkungen ausdehnten. Uebrigens liefen den ganzen Abend Boten von dem Lokale nach den Häusern der Mitglieder geschäftig hin und her, denn die zu Hanse weilenden Kamilienglieder sollten doch auch etwas von den Leckerbissen erhalten. — In der Gemeinde gab es auch heitere Feste, namentlich das Purimfest. Hatte man am Tage den Armen Geldgeschenke geschickt, die nach dem Vermögen der Spender und nach der Bedürftigkeit bemessen waren, hatte man unter Freunden gegenseitig leckeres Backwerk versandt, so waren am Abend bei den Bemittelten die „guten Stuben" hell erleuchtet, die Tafeln brachen unter der Last der Punschbowlen und aufgehäuften Backwerks, alle maskirten Personen und einige gewerbsmäßig lustige Leute hatten freien Zutritt und wurden reichlich bewirthet. Das Maskiren war eine Lust, besonders der jungen Leute, das Erkennen der verstellten Personen, die der Hausbewohner. Feinere Masken, aus mehreren Personen bestehend, fuhren in Wagen von Haus zu Haus. Was ist von dieser Purimlust übrig geblieben? Für die Kinder war das Simchath Thora-Fest eine große Lust. Wir Knaben zogen mit Fahnen aus Gold- und bunten Papieren und Wachslichtern an der Spitze in die Synagoge, wo die letzteren angezündet wurden! und hinter dem Zuge der Thorarollen einher. Ein Mal noch, erinnere ich ich mich, wurden von den Frauengallerien Rosinen und Mandeln auf die Knaben hinabgestreut. Dieser Gebrauch kam aber ab, wahrscheinlich weil er allzugroße Unordnung unter den Knaben veranaßte. — So hätte ich diesem allgemeinen Bilde nur noch die Schule einzufügen. Die Erinnerung an sie ist eine durchweg ungetrübte, ja fröhliche, denn sie hat nicht wenig zur Lust und Freude der Knabenwelt beigetragen. 1799 von jungen Männern als „Freischule" gegründet, leistete sie alsbald so Treffliches, daß die begüterten Gemeindemitglieder die Aufnahme ihrer Kinder in dieselbe verlangten und sie bald darauf zur „herzoglichen Franzschule" erhoben wurde und einen ausgezeichneten Ruf bis in ferne Länder erwarb, aus welchen ihr Schüler zukamen. Für die schlecht besoldeten Lehrer waren diese Pensionäre eine gute Einnahmequelle. Die Schule hatte viele Eigenthümlichkeiten. Ich bemerke vorweg, daß wir allesammt in dieser als Bürger- und Handelsschule zu bezeichnenden Lehranstalt recht Vieles gelernt haben und zahlreiche tüchtige Männer aus ihr hervorgegangen. Und dieses Resultat ward erzielt, ohne daß in derselben eine wirkliche Methodik befolgt ward. Jede der fünf Klassen hatte zwar ein gewisses Lehrziel; sonst aber verfuhr jeder Lehrer wie er wollte, und die meisten — ohne alle Methode. Wie machten die besten Fortschritte im Hebräischen, Französischen, Rechnen und Schönschreiben. Unser Rechenlehrer zeigte von jeder Rechnungsart ein paar Beispiele an der Tafel, ohne uns das Wesen derselben zu erklären; dann wurden fort und fort nach diesen Beispielen Aufgaben gegeben und gerechnet: wir wurden Meister im praktischen Rechnen. Der Lehrer im Schönschreiben liniirte die Schreibhefte, spitzte die Gänsefedern, gab uns