Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 767 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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767 Vorschriften, kümmerte sich dann weiter nicht um das Schreiben, las uns aber klassische Dichtungen vor und das bildete unser deutsches Sprachgefühl aus. Denn von deutschen Aufsätzen war in der ganzen Schule keine Rede, nur lernten wir fleißig aus der deutschen Sprachlehre von Heinsius ausgewählte Paragraphen auswendig. Dem Hebräischen waren wöchentlich elf Stunden, dem Französischen sechs gewidmet. Wir brachten es im Uebersetzen der heil. Schrift recht weit, im Mischna und Schulchan-Aruch kamen nur Einige vorwärts. Wir übersetzten aus dem Deutschen in's Hebräische, wobei der betr. Lehrer anfänglich die deutschen Worte mit dem bezüglichen hebräischen Genus angab, z. B.: „Der Schlange ging in den Garten". Auch in das Neuhebräische wurden wir eingeführt; und so las uns z. B. der sel. Wolf Stellen aus Wessely's Mosaide (rrt-tsn im Original vor, die einen tiefen Eindruck auf uns machten. An die Stelle des verstorbenen Rabbi Samuel im Beth Hamidrasch kam ein modern gebildeter Lehrer, der uns in zweckmäßiger Weise in den Talmud einführte. Geschichte und Geographie wurden so detaillirt gelehrt, daß wir über kleine Perioden der Geschichte und der Erdbeschreibung nicht hinauskamen. An Aufgaben für das Haus dachte allein der treffliche Lehrer des Französischen. Und wie geringfügig war das Lehrmaterial, wie wenige gedruckte Schulbücher wurden uns in die Hand gegeben! Und doch bewiesen die zahlreichen öffentlichen Prüfungen, welche sehr feierlich vor einem zahlreichen Publikum, bisweilen erschien sogar der Herzog in Person, während anderthalb Tagen abgehalten wurden, wie bedeutend die Resultate des Unterrichts waren. Was die Disciplin betrifft, so war sie während des Unterrichtes bis auf wenige Lehrer ganz angemessen; desto lockerer außer der Unterrichtszeit. Wir balgten uns aus Herzenslust herum, die Klassen bildeten Parteien und führten Krieg, und dennoch kamen wirkliche Schäden nicht vor, höchstens ein abgerissener Rockflügel, wie es auch mir einmal erging, denn ich gehörte nicht zu den Zahmen. Während meiner Schulzeit milderten sich die Strafmittel. Noch stand auf dem Schulhofe ein scharfkantiger hölzerner Esel, auf welchen ein ausbündiger Schlingel gesetzt werden sollte; ich sah dies niemals, und der Esel verschwand, wahrscheinlich im Ofen des Professors. Als ich eben in die fünfte Klasse gekommen, ward ich eines Tages in die vierte gerufen, um zu sehen, wie mein älterer Bruder auf Erbsen kniete, weßhalb, weiß ich nicht. Bei seinem Anblick erhob ich ein solches Zetergeschrei, daß Alles zusammenlief und. der Lehrer schnell meinen Bruder und mich entließ. Ich hatte meinen Bruder im vollen Sinne des Wortes losgeschrien. Das Erbsenknieu hörte auf. Dafür wurden recht oft die Hosen straff gezogen und tüchtige Schläge auf einen gewissen Körpertheil applicirt. Wie viele Knabenstreiche lustiger aber harmloser Art könnte ich erzählen, aber dazu ist der Platz hier nicht. Kurzum, trotz aller dieser Umstände, über welche jetzige Schulmänner lächeln und spötteln mögen, gelangten wir in dieser Schule zu einer tüchtigen Bildung: sie wirkte besonders anregend auf den Geist, vermied jenen durch strenge Schuldisciplin und pedantisches Treiben in dem Kinde so leicht zu erweckenden Widerwillen gegen das Lernen, und weckte vielmehr den Trieb, sich fortzubilden und weiter zu arbeiten. Doch hiermit ist wohl der Boden, auf welchem ich erwuchs, genügend geschildert, und will ich nun zur Beschreibung meines eigenen Lebens übergehen. (Fortsetzung folgt.) Nachtrag. Deutschland. Berlin, 25. November. (Privatmitth.) Bei den nun stattgefundenen Wahlen des Drittels unserer Stadtverordnetenversammlung hat die Fortschrittspartei gesiegt, und zwar in mehreren Bezirken mit größeren Majoritäten als 1883. Die Cartelparteieu mit ihrem Antisewitenanhang haben trotz der großen Anstrengungen, die sie machten, nicht durchdringen können; sie haben von ihren vier Sitzen zwei verloren und nur einen gewonnen. Hat diese Wahl eine politische Färbung, so ist sie doch zugleich ein Zeugniß für die günstige Beurtheilung, welche die hiesige Bevölkerung über die bisherige Stadtverwaltung hegt. Die völlige Ohnmacht der Antisemiten und Christlich-Socialen hat sich wieder einmal glänzend geoffenbart. Die Conservativen und Nationalliberalen können sich doch endlich überzeugen, daß die Antisemiten für sie nur ein Ballast sind und ihnen mehr schaden als nützen. — Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat schnell wieder eine Nummer, nämlich Nr. 18 seiner „Mittheilungen", folgen lassen. Sie enthält den Bericht des Ausschusses, erstattet durch den Vorsitzenden, Geh. Sanitätsrath Dr. Krysteller. In nächster Nummer d. Ztg. soll Näheres daraus folgen. Großbritamen. London, 24. Nov. (Privatmitth.) Im Octoberheft der Dublin Review, einer toryistischen Zeitschrift, ist ein Artikel über die französischen Juden enthalten, der an Schmählichkeiten Alles übertrifft, was je bisher geschrieben worden, und das will doch viel sagen. Es ist unbegreiflich, wie gerade dieses Blatt dazu kommt, einen solchen niederträchtige» Aufsatz aufzunehmen. Gespannt muß man aber sein, ob die jüdischen Parlamentsmitglieder der Torypartei sich solches gefallen und nicht ungerügt vorübergehen lassen. Dies hoffen wir.