Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 765 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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765 ferungen abwarten, um sich ein Urtheil zu bilden. — In einem öffentlichen Vortrage stellte Herr vr. M. Jutrosinski, Direktor des Reichenheim'schen Waisenhauses zu Berlin, „die Waisenpflege in der jüdischen Gemeinde" dar, und ist dieser Vortrag im Berlage der Stuhr'schen Buchhandlung erschienen (uns jetzt erst zugekommen). Der Vortrag ist trefflich geschrieben und bietet ein erfreuliches Bild. Die Organisation der Waisenpflege schreibt sich in der jüdischen Gemeinde zu Berlin vom Jahre 1829, nämlich von der Feier des 100jährigen Geburtstages Mendelssohn's her, und ist in steter Entwickelung begriffen. Der Redner ist für mehrere Waisenhäuser mit mäßiger Zahl von Zöglingen. Das ist gewiß richtig, aber um Vieles kostspieliger. Aeuil Aus meiner Lnabenzeit. in. Innerhalb der jüdischen Gemeinde gab es in jener Zeit zwei sehr verschiedene Parteien, die eine gehörte der alten, die andere der neuen Zeit an. Die ältere Generation stammte aus dem vorigen Jahrhundert und hatte von der neueren Bildung noch nichts angenommen; die jüngere, zumeist durch die Wirksamkeit der Franzschule, liebte die deutsche klassische Literatur, namentlich Schiller, war in der französischen bewandert, sprach ein correctes Deutsch, kümmerte sich um Theater und Coneert. Aber gerade durch das pietätvolle Verhältniß zwischen Eltern und Kindern und in dem allgemein glücklichen Familienleben war von einem Gegensätze auch nicht die geringste Spur. Die Eltern freuten sich der wachsenden Bildung der Jugend, und es kam so weit, daß sich auch die älteren Personen von den jüngeren gern namentlich Romane vorlesen ließen, von welchen die von August Lafontaine am besten gefielen. Auch hatte man von dem, was man später Reform nannte, noch keine Vorstellung. Es machte sich Alles wie von selbst. Der Bildungskeim war in einen fruchtbaren Boden gefallen und entwickelte sich unter dem Sonnenschein der Liebe und des Friedens langsam zu gesunden Schößlingen. Die Organisation der Gemeinde stand daher noch ganz auf dem alten Fuße. Die Regierung kümmerte sich um die Angelegenheiten der Gemeinde garnicht, nicht einmal um den Etat derselben, so daß die Gemeinde auch nicht das Executivrecht besaß. Wer mit seinen Beiträgen im Rückstände blieb, dem wurde das Ostermehl, welches unter den Auspizien der Gemeinde gemahlen wurde, versagt, und dies reichte hin, um die Zahlung zu erhalten. Diese Beiträge waren aber auch nicht groß, denn die Hauptquelle der Einnahmen bestand in dem sog. Pardon, einem Aufschläge auf das koschere Fleisch, der freilich die armen Mitglieder schwerer traf als die bemittelten. Auch waren die Ausgaben nicht allzu hoch, denn die Gehälter der Beamten t e t o n. waren so gering, daß man jetzt darüber zu lächeln geneigt wäre. Außer den vier geistlichen Lehrern, deren ich schon erwähnt habe, hatte die Gemeinde zwei Cantoren, von welchen der erste ein ausgezeichneter und musikalisch gebildeter Vorsänger war, der bei besonderen Feierlichkeiten auch einen Chor zu leiten verstand, der andere, minder begabte, war zugleich Schächter, und hatte als solcher ein mühseliges Amt, da er bei seiner Gewissenhaftigkeit mit den Fleischern, namentlich den beiden jüdischen, nicht selten einen Kampf zu bestehen hatte, der auch vor Thätlichkeiten nicht immer zurückscheute. Der Vorstand der Gemeinde war souverän; er sollte zwar einen Beirath von „achtzehn Notablen" haben, die aber höchst selten um ihren Rath gefragt wurden. Die Richtung des Vorstandes war im Laufe der Zeit schwankend. Nach dem Tode des streng orthodoxen Rabbiners wurde die Stelle längere Zeit garnicht besetzt, und nach dem Tode Wolf's predigte eine Zeit lang dessen Sohn. Aber die Heftigkeit desselben in einer Col-Nidre-Predigt veranlaßte seine Entlassung. So blieb auch dieses Amt unbesetzt, bis man endlich wieder einen Rabbiner berief, welcher der kabbalistischorthodoxen Richtung angehörte und von der modernen Bildung kaum eine Ahnung hatte. Da er nur auf drei Jahre bestellt war, entfernte man ihn in nicht gerade feiner Weise nach Ablauf dieses Termins. Die weitere Zeit gehört nicht mehr hierher. Die Schule, welche unter der unmittelbaren Aufsicht der Regierung oder vielmehr unter dem persönlichen Schutze des Herzogs stand, und den Titel „Herzog!. Franzschule" erhalten hatte, auch eine jährliche Subvention an Geld und Feuerungsmaterial erhielt, war von der Gemeinde gänzlich unabhängig, die für sie auch keinerlei Leistung übernommen hatte. Aus der Mitte der Gemeinde waren einige hervorragende Männer zu Schulvorstehern gewählt, von welchen einer die Rendantur der Schule besorgte. — Am auffallendsten war der noch ganz alte Zustand bei der Beerdigung der Todten. Selbstverständlich übte eine Chebra- Kadischa, und zwar eine Männer- und eine Frauen-Chebra