Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 759 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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759 Nun gehört zwar Prof, de Lagarde durchaus nicht zu den liberalen Protestanten, — freilich auch zu keinem anderen der in Deutschland vertretenen Glaubensbekenntnisse, er bekennt sich eben ausschließlich zu der undefinirbaren Confession de Lagarde, — aber in diesem einen Punkte geht er nicht nur mit ihnen, sondern übertrifft sie weitaus an Schroffheit und Feindseligkeit des Auftretens. Und doch hatte ich ihm gegenüber niemals dieselbe Empfindung, wie gegen seine theologischen Collegen. Es war ja kaum zu erwarten, daß der Mann, der Jahr aus Jahr ein mit aller Welt in Fehde liegt, vor dessen Augen nicht so leicht Jemand Gnade findet, dem zwar in Florenz der Anblick der einzigen Handschrift des Sophokles die Thränen in die Augen treibt (Mittheilungen I. 2), weil sie uns das schöne Wort der Antigone, „nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da", erhalten hat, der aber, wie kaum ein Zweiter, praktisch das Wort in umgekehrter Richtung anwendet, — daß dieser Mann, sage ich, gerade vor einem so beliebten Objecte des Haffes, wie es Juden und Judenthum zu allen Zeiten waren. Halt machen sollte. Aber auch noch aus einem anderen Grunde. Bei aller Entrüstung, die ich bei der Lectüre der „Deutschen Schriften" de Lagarde's empfand, hatten doch einzelne Stellen, wie beispielsweise der schöne Satz I. 249, der das Echte über das Gute stellt, mich warm berührt und ein Echo in mir gefunden, so daß ich es nicht über mich gewinnen konnte, ihn mit den übrigen Antisemiten auf einen Haufen zu werfen und eine mala üäss vorauszusetzen. — Aber diese Illusion wurde gründlich zerstört, als ich die Gegenschrift in die Hand bekam, mit welcher Prof, de Lagarde für seinen Schüler Techen einzutreten für gut fand. Schon der Titel „Lipman Zunz und seine Verehrer" bereitet darauf vor, daß der Verfasser dieses Mal in die alleruntersten Regionen des Antisemitismus hinabgestiegen sei. Zunz hat dort, wo er seinen Namen ganz unterschrieb, sich Leopold, und sonst überall Dr. Zunz genannt; was berechtigt Herrn de Lagarde, den Satz begründet wird, „denn ihr wart selbst Gärim im Lande Egypten", daß also hier der Ger nur der Volkssremde sein kann — hat das Herr Stade wirklich übersehen, oder wollte er es bloß nicht sehen? Da das letztere das Gravirendere wäre, so wollen wir lieber das erstere annehmen, zumal da Herr Stade auch sonst Manches in der Bibel versieht, so z. B. S. 4u4 die Kalbe, der das Genick gebrochen wird, Deut. 21, 6, mit der „rothen Kuh" aus Rum. IX. 2. verwechselt. Ganz Unerhörtes aber wird uns auf S. 422 geboten, wo es als ganz unbezweifelbar hingcstellt wird, daß das „correcte Judenthum" bis auf unsere Tage auf Abfall die Todesstrafe setzt", und diese kühne Behauptung durch den Mordversuch, der 1870 in Rußland gegen einen Convertiten unternommen worden sein soll, begründet wird. — Angenommen, daß da? Factum wahr ist, wie soll man es qualificiren, wenn das, was allenfalls bei fanatischen russischen Chassidim möglich ist, die bekanntlich gerade von den streng orthodoxen Talmudisten aufs Schärfste bekämpft werden, als „correctes Judenthum" hingestellt wird? Was würde Herr Stade sagen, wenn wir die Behauptung des Pastors Knack und seiner Anhänger, daß die Sonne sich um die Erde drehe, als „correctcs Protestantenthum" hinstellen wollten? Namen eines Verstorbenen nach seinem Belieben umzuändern? Wenn ich das einfach unanständig nenne, so habe ich dafür Herrn de Lagarde gegenüber einen ausgezeichneten Gewährsmann, — ihn selbst. Er kann es nämlich noch heute nicht verschmerzen, daß im Register der Heidelberger Jahrbücher vom Jahre 1866 sein Name mit veränderter Orthographie „De la Garde" geschrieben ist, wirkt in seiner soeben erschienenen Schrift „Purim" S. 4 dem Verfasser vor, daß er „von den allerelementarsten Regeln guter Sitte keine Ahnung habe" und fährt dann fort: „Man schreibt den Namen eines Mannes so, wie dieser selbst ihn schreibt". Gilt das bloß „Ariern" gegenüber? Auch an Zunzen's Doctortitel nörgelt er wie ein akademischer Detective herum, will genau wissen, von welcher Facultät er sei, und versieht ihn überall, wo er ihn anführt, mit Gänsefüßchen, was in dem Leser natürlich den Glauben erwecken muß, daß es damit irgend einen Haken habe. Was berechtigt Herrn de Lagarde zu solcher ebenso lächerlichen als boshaften Insinuation einem Verstorbenen gegenüber? Aber weit Schlimmeres noch als der Ttiel brachte der Inhalt der Schrift; für den, der, wie ich, auf eine zwar derbe und gehässige, aber doch immerhin gerade und ungewundene Polemik gefaßt war, war die Enttäuschung eine gründliche. Polemische Fechterstückchen, Scheinparaden, geschicktes Ausweichen und Hinübergleiten über den Gegenstand des Streites — damit ist der Inhalt gekennzeichnet. Einer der Recensenten hatte, zum Glücke für de Lagarde, das Techen'sche Opus eine „liturgische" Arbeit genannt; daran klammert er sich mit der ganzen Kraft eines Rettungsbedürftigen. „Techen will kein Liturgiker sein", das ist das Um und An der Vertheidigung. Als ob es darauf ankäme, was Techen sein oder nicht sein will. Techen hat den Inhalt von Machsor-Handschriften beschrieben und besprochen; Machsorim aber enthalten Liturgien, folglich hat Techen über Liturgie» geschrieben, folglich ist auch der Anspruch gerechtfertigt, daß er etwas von diesen Dingen verstehe, und nicht über die ersten Elemente, die da in Betracht kommen, strauchle. Wie sagt doch sein Lehrer und Meister, Herr de Lagarde Mittheilungen I S. 169: „Ueber eine Literatur darf nur urtheilen, wer die Sprache der Literatur fließend liest und womöglich schreibt"! Der eigentlichen Widerlegung der Kritik Kaufmannes sind von der ganzen 54 Seiten fassenden Schrift nur 4 Seiten gewidmet; einiges wird einfach übergangen, bei anderem auf mildernde Umstände — „Druckfehler eines zum ersten Male Druckenden"0 — plaidirt und dort, wo das nicht an- 1) Daß q-dion für □’Dioy (S. 78) und für auch auf Setzertücke zurückzuführen sei, wird wohl kaum Jemand glauben; d e Verwechselung des n mit y war immer eine Domäne des Am-Haarez.