Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 758 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227712--44894-3267200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
758 erkannte sofort, daß Techen dasselbe nicht gewagt hätte, wenn er sich nicht auf seinen Meister de Lagarde gestützt hätte, welch' letzterer zwar immer so thut und sich geberdet, als ob in einer Zeit allgemeinen Verfalls die Vorsehung ihm das “]T nnn nxin übertragen hätte, aber trotzdem nicht zu wissen scheint, daß der Prophet als eines der schlimmsten Merkmale einer solchen das ]pn nrjT hin stellt. — Herr Prof. Kaufmann in Pest übernahm es in der „österreichischen Monatsschrift für den Orient", dem Organe des orientalischen Museums in Wien, Techen die verdiente Züchtigung zu ertheilen, der ihm das freilich in kaum glaublichem Maße leicht gemacht hat. Techen macht nämlich überall, wo ihn Zunz im Stiche läßt, oder, was noch öfter der Fall ist, wo er das Richtige bei Zunz nicht zu finden wußte, weil er eben dessen Schriften nicht studirt, sondern nur nachgeschlagen hat, die lächerlichsten Fehler und Verstöße, und zeigt auf Schritt und Tritt, wie wenig er von den Dingen weiß, um die es sich da handelt. Was soll man von einem Menschen sagen, der Zunz meistert und die Abbreviatur ‘üb“ nicht zu deuten versteht, der den hebräischen Wortschatz mit dem Monstrum bereichert, weil er das Richtige „t nrcn" nicht lesen kann, der Selichot behandeln will und die Bedeutung der Worte nicht kennt re. rc. In energischen Worten giebt Prof. Kaufmann seiner Entrüstung darüber Ausdruck, daß etwas Derartiges unter der Aegide der philosophischen Facultät in Göttingen geschehen konnte und. fragt mit vollem Rechte: „wie wohl mit einem Jünglinge verfahren würde, der ohne Vorbereitung Einiges aus Grimm und Lachmann sich angeeignet hätte, um dünn mit pietätloser Dummdreistigkeit über die allverehrtesten Meister herzufallen". Wie man mit einem solchen Jüngling verfahren würde? Nun, das kann ich Herrn Prof. Kaufmann für den Fall, daß der Thäter ein Jude wäre, ganz genau sagen: „Semitische Frechheit" würde es heißen, und hat es auch in einem concreten Falle, der aber nicht im Entferntesten mit der causa Techen zu vergleichen ist, wirklich geheißen. Als nämlich der verstorbene Dr. Herzfeld in den letzten Jahren seines Lebens sein Buch „Einblicke in das Sprachliche der semitischen Urzeit" veröffentlicht hatte, da gestattete es sich Herr Nestle, und, was viel schlimmer war, gestattete Herr Prof. Zarncke es Herrn Nestle, im literarischen Centralblatte von „semitischer Frechheit" zu sprechen, weil, nach dem Urtheile des Recensenten, Dr. Herzfeld nicht all' die Idiome, die man heutzutage zur Vergleichung heranzieht, in gleichem Maße beherrsche. Zugegeben; aber hat wirklich niemals ein „Arier" ein schlechtes Buch geschrieben und Gegenstände behandelt, denen er nicht vollkommen gewachsen war? Aus unzähligen Beispielen für letzteres seien hier nur zwei hervorgehoben. Herr Prof. Siegfried in Jena hat eine „Grammatik der neuhebräischen Sprache" veröffentlicht. Von vornherein konnte jeder Kundige wissen, daß der verdienstvolle Gelehrte sich hier auf ein Gebiet gewagt hat, das er nicht im gleichen Maße beherrscht, wie die übrigen Felder seiner wissenschaftlichen Thätigkeit, da das Lesen, zumal das richtige Lesen unpunktirter Texte für die Nichtjuden mit Schwierigkeiten verbunden ist. Und in der That hat der Lector am Wiener Bet-Hamidrasch, Herr I. H. Weiß, einer der besten hebräischen Stilisten der Gegenwart, in einer Recension in der Zeitschrift „Bet-Talmud" Herrn Pros. Siegfried eine Reihe schwerer Verstöße nachgewiesen, ohne sie zu erschöpfen. Aber man lese dort, mit welcher Achtung und Schonung in der Form der Recensent Herrn Prof. Siegfried begegnet. — Herr Dr. Wünsche hat eine deutsche Uebersetzung der agadischen Theile des Talmud begonnen und dabei gleich im I. Theile so deutlich bewiesen, daß er auf diesem Gebiete sich nicht ohne Stützen bewegen kann, daß er selbst sich veranlaßt fand, den II. Theil vor seinem Erscheinen jüdischen Gelehrten zur Revision zu übergeben. Aber ist es irgend einem jüdischen Beurtheiler des erwähnten 1. Bandes auch nur in den Sinn gekommen, den Fall zu verallgemeinern und etwa von „deutscher Büchermacherei" zu sprechen? Sowie jedoch aus unserer Mitte ein schlechtes Buch erscheint, wird es sofort der Allgemeinheit zugeführt und als Racenprodukt hingestellt; und zwar geschieht das vorzugsweise von Seiten der sogenannten liberalen protestantischen Theologen, bei denen überhaupt der Judenhaß in der allerabstoßendsten und nebenbei, — insbesondere, wo es sich um jüdisches Schriftthum und jüdische Lehre handelt — auch in der allerlächerlichsten Form sich geltend macht. Es ist, als ob die Herren für das, was sie durch Leugnung der orthodoxen Glaubenssätze dem Christenthume abziehen, durch gleichzeitiges Herabzerren des Judenthums Absolution zu erlangen suchten. *) 1) Ein eelatantes Beispiel für diese Art des Vorgehens berichtet Stade in seiner „Geschichte des Volkes Israel". So heißt es dort S. 467, wo von dem Teraphim-Dienste die Rede ist: „Welch weiter Weg von solchen Vorstellungen bis zu der neutestamentbchen Erkenntniß, daß Gott nicht in Tempeln wohnt, gemacht von Menschenhänden! Apostelgesch. 17, 24." Bei etwas besserem Willen würde Herr Stade auf diesem „weilen Wege" die Stelle Könige I. 8. 27. entdeckt und erfahren haben, daß diese Erkenntniß „alttestamentarisch" ist. S. 489 heißt es: „Gerade in den Vorstellungen vom Gebete steht Israel aus dem Standpunkte der Naturreligion (vgl. fatigare deos) und in vollem Contrast zum Christenthum, in welchem das Gebet eine Bezeugung des Gottvertrauens, der Demuth und Ergebung in Gottes Willen darstellt"!! Man vergleiche mit dieser Charakteristck jene Gebete, die in der Bibel Vorkommen, z. B. Genesis 32, 10 ff., Numeri 12, 13., Sam. I. 2, 1 ff. rc., um die Unwahrheit dieser Behauptung zu erkennen. S. 510 wird es als ein „durch seine Unverfrorenheit auffallendes Beginnen" und S. 400 als ein „Versuch, dem Publicum Sand in die Angen zu streuen," hingestellt, wenn man die „Vorschriften des Alten Testamentes über den Verkehr mit den Görim auf das Verhalten zu der nichtjüdischen Menschheit zu beziehen sucht". Gestützt wird diese Behauptung durch die ad hoc gegebene Erklärung des Wortes Gör, wonach dasselbe nicht den Volksfremden, sondern den Stammessremden bedeutet, so daß demzufolge beispielsweise ein Ephraimite in Juda als Ger galt. Aber daß Leviticus XIX. 34. das Gebot, den Gör zu lieben, durch den