Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-01 · Heft 48 (1.12.1887) · p. Seite 757

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 48 (1.12.1887)
Date
1887-12-01
Page
Seite 757 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227712--44893-3267199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

757 Was uns betrifft, die wir »litten in der Geschichte Israels stehen, so erregen alle diese Vorgänge mannigfach unsere Theilnahme, auch ziehen wir daraus die möglichen Vortheile, ohne dabei in unseren Ansichten und Ueberzeugungen beirrt zu werden H. Wien, im November 1887. „Juden und In-ogermanen"?) Von Hg. So lautet der Titel einer Schrift, mit welcher Herr Prof, de Lagarde im Verlaufe einer muthwillig von ihm heraufbeschworenen literarischen Fehde zum zlveitenmale auf dem Kampfplatze erscheint. Obwohl es sich bei diesenr Streite um wissenschaftliche Dinge handelt, so ist doch der sachliche, auf die Einwürfe der Gegner eingehende Theil dieser Duplik geringere» Umfangs, der größere Theil ist reines, unverfälschtes „Hep Hep"; denn wo man nichts zu sagen weiß, da stellt zur rechten Zeit das Wort „Jude" sich ein, eine Methode übrigens, die nicht neu ist, und die schon vor mehr als einem halben Jahrhundert Börne mit den Worten charakterisit hat: „Jude, Jude, das ist der letzte Pfennig aus der Sparbüchse ihres Witzes"? — Aber nicht um diese, von maßlosem Hasse durchzogenen antisemitischen Auslassungen des Herrn de Lagarde vorzuführe» oder gar einer Widerlegung zu würdigen, ivill ich auf den Verlauf dieses Streites, von dem bisher nur die literarischen Kreise Notiz genomnien haben, hier näher eingehen, sondern weil derselbe typisch ist für die Haltung so vieler deutscher Gelehrten und, wie nicht leicht ein anderer, zeigt, bis zu welchem Grade den Antisemiten jeder Maßstab für Recht und Sitte abhanden gekommen ist, ganz besonders aber, weil es mir wichtig schien, daß auch das größere Lesepublieum erfahre, was man sich in dem Zeitalter, welches das Schlagwvrt der „Judenherrschaft" erfunden hat, uns gegenüber gestattet. Im Jahre 1884 erschien unter dem Titel „Zwei Göttrnger Machzorhandschriften" die Inauguraldissertation eines »r. L. Techen, zu welcher, wie dieser selbst am Schluffe mittheilt, Herr Prof, de Lagarde die Anregung gegeben hatte, und welche die Beschreibung zweier in der Göttinger Bibliothek befindlichen Machzorhandschriften enthält. Für die Leser 1) Es kann uns nicht beikommen, eine Kritik dieser Kritik des 'lei'rn Scherer zu schreiben, aber bemerken müssen wir doch, daß sie es sich sehr leicht macht, längst widerlegte Behauptungen zu wiederhole»,' die sie in einer solchen Besprechung nicht zu erweisen braucht, so j. B. daß die Propheten vom Gesetze nichts gewußt. Wir haben das Gegentyeil nachgewiesen: s. I. 1885, S. 729, 747, 765. 2, Von den Streitschriften der Herren Berliner, Kaufmann und Ziemlich gegen Techen und de Lagarde haben wir unsren Lesern nur Renntniß gegeben, weil wir nur sehr ungern in solche Polemik eingehen. Die letzte Schrift Herrn deLagarde's aber ist zu arg, als daß wir unsre Spalten nicht zur Abwehr öffnen müßten. Redaktion. dieser Zeitung brauche ich es kaum hervorzuheben, daß Niemand auf diesem Gebiete arbeiten kann, ohne Luzzato, Landshut und vor Allem Zunz in der ausgiebigsten Weise zu benutzen. Das thut natürlich auch Herr Techen, und man wird kaum irgendwo in seinem Buche zehn Zeilen hintereinander lesen, ohne einen dieser Namen, insbesondere aber den Zunzen's, ein oder mehrere Male citirt zu finden. Den Dank dafür stattet Techen dadurch ab, daß er alle die Werke, aus denen er sein Bischen Wissen geschöpft hat, als „im Wesentlichen verfehlt" hinstellt und insbesondere über Zunz mit einer geradezu verblüffenden Dreistigkeit abzuurtheilen sich gestattet. »Zunz überhäuft die Leser mit Citaten und Verweisen, die nichts helfen, mit Erklärungen, die keine sind, und den Unkundigen nur verwirren". „Die Uebersetzungen sollen wohl poetisch sein, sind es aber noch weniger als die Originale". „In der Kunst subjectiv Aufgefaßtes, Unbedeutendes, Nichtiges in schwülstigem Stile vorzutragen, steht Zunz nicht hinter dem hinlänglich bekannten Graetz zurück" re. rc. Dann belehrt der junge „Student, der ein erstes specimen eruditionis zu geben hatte", den greisen Zunz, wie er seine Werke hätte anlegen und einrichten müssen, damit sie — nun ja, sagen wir es nur ohne Umschweife, damit sie auch von jener Sorte unwissender Scribenten benützt werden könnten, für die das Register der Haupttheil derartiger wissenschaftlicher Werke ist, weil sie ihren Vorkenntnissen nach unfähig sind, dieselben gründlich durchzuarbeiten. Um um schließlich keinen Zweifel über die wahre Natur der Motive für ein so unerhörtes Auftreten zu lassen, fügt Techen in einer Anmerkung hinzu: „Es schien mir um so mehr angebracht, mit dem Urthcile über die Leistungen des Herrn Dr. L. Zunz nicht zurückzuhalten, als ganz neuerdings Herr P. F. Frankl — sau einem Orte, an welchem streng sachgemäß zu reden ganz besonders geboten um]1), in der Jubelschrift zum 90. Geburtstage des Dr. L. Zunz, es für angezeigt gehalten hat, in Bezug auf Herrn Dr. L. Zunz von klassischer Forschung zu reden".-) Natürlich erregte dieses Attentat auf den verehrten Mann allgemeine Entrüstung in jüdischen Kreisen, und man 1) Die eingeklammerten Worte hat Prof, de Lagarde hinzugefügt, und sie charakterisiren ihn vollständig. Alle andere Menschen, die nicht von blindem Hasse geleitet sind, werden wohl zugeben, daß das Entgegengesetzte der Fall ist und daß gerade eine Jubelschrist, mit der man einen um die Wissenschaft verdienten Greis zu seinem 9y. Geburtstage begrüßt, sich einen wärmeren Ton gestalten darf,— womit wir übrigens durchaus nicht zugestehen wollen, daß die Aeußerungen des Herrn Dr. P. F. Frankl wirklich nur eine enkomiastische Uebertreibung enthalten. 2) Ueber dieses Buch Techen's bringt das theologische Literaturblatt ein Reserat aus der Feder des Herrn Pros. Slrack in Berlin, in welchem es heißt: „Die F-ormulirnng des Urtheils über Zunz und Graetz veranlaßte den Nrierentcu, nachdem er das Vorstehende geschrieben, sich nach dem Verfasser zu erkundigen. Zu seiner lebhaften Freude ist ihm die Mittheilung geworden, der Verfasser sei Philologe lutherischen Glaubens." Diese Aeußeruna bedarf keines Commentars!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.