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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-01 · Heft 48 (1.12.1887) · p. Seite 756

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 48 (1.12.1887)
Date
1887-12-01
Page
Seite 756 (sequence 4)
Language
German
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756 mit diesem theilen. Man muß sich wirklich ftmftM'ft, wre sich Renan trotz seiner reichen Phantasie die lange Wänderung Israels durch die Wüste gedacht habe; wie diese ungeregelte, selbst aus verschiedenen Elementen, die sich Israel beim Auszuge angeschlossen hatten, bestehende Masse ohne Führer, ohne eine energische, willenskräftige und zielbewußte Persönlichkeit sich durch die pfadlosen Wüsten fortbewegt haben soll. In der That würde uns eine solche nicht hinreichend gezeigt sein, müßten wir sie uns erdenken, und warum hat dies Renan nicht gethan? Er hat doch sonst eigene Combinationen zur Hand, z. B. die Israeliten hätten erst nach längerer Wanderung, als sie bei EzjowGeber stationirten, den Gedanken gefaßt, nach Canaan zu ziehen, und dieses zu ihrem Wohnsitz zu erobern; bis dahin wußten sie von einem solchen Plane nichts. Da hat aber Renan vergesse», daß er selbst — der Schrift gemäß — den Israeliten beim Auszuge aus Egypten die Erwägung zuschreibt, ob sie längs des Meeres oder durch die Wüste nach Canaan ziehen sollten! Ein Kritiker muß ein gutes Gedächtniß haben, sonst wird er sich oft widersprechen. Kurz, überall hier greift Renan einzelne Angaben der Schrift als historisch heraus, während er andere als unhistorisch beseitigt oder ganz unerwähnt läßt. Wird ein solches Verfahren betreffs eines und desselben Buches ausgeführt, so erscheint es uns als Willkür und Laune. Wir schließen hier mit dem ersten Buche diesmal unsere Besprechung. Wir sahen, daß, von allen Details abgesehen, Renan drei Momente als sein Resultat kundgiebt: daß schon in den Patriarchen der Monotheismus der beherrschende Gedanke war, daß das Volk Israel weiterhin Träger dieser Lehre wurde und hierdurch der Menschheit und der Civilisation einen eminenten Dienst geleistet. Wenn die beiden letzteren Punkte allgemein anerkannt sind, so ist der erstere bei den Kritikern selten zu finden, und verdient Renan durch die energische Ausführung unseren Dank. Sonst, müssen wir gestehen, halten wir den Versuch des ausgezeichneten Schriftstellers, eine „Geschichte des Volkes Israel" zu schreiben, für verfehlt. Nachschrift. Es wird die Frage interessiren, welche Aufnahme dieses neueste Werk Renan's in Frankreich findet? Selbstverständlich werden zahlreiche Dilettanten um des schönen Stils, der treffenden Schilderungen, der geistreichen Bemerkungen, der Pointen und Antithesen willen das Buch gern lesen. Aber was sagt die französische Kritik, die wissenschaftliche Welt in Frankreich dazu? Wir haben bereits eine Antwort auf diese Frage in einem ausführlichen Artikel der „Temps" vom 18. November, unterzeichnet „Scherer". Seit den 25 Jahren, welche vom Erscheinen des „Lebens Jesu" von Renan verflossen sind, hat sich auch im Leben Frankreichs vieles geändert. Auf allen Gebieten haben sich die gegensätzlichen Parteien bis zu schroffen Extremen entwickelt, aüf dM die religiösen und philosophischen, auf dem politischen und socialen, wie in Wissenschaft und Kunst. Auf der einen Seite die Partei der Buchstaben-Gläubigen , auf der anderen die der radicalsten Kritik. Renan versucht offenbar eine Vermittelung und Ausgleichung, von der einen Seite zerklopft er das vvrhandme Material mit dem Hammer der Kritik, auf der andere» ballt er die ausgewählten Stücke mit dem Cement seiner Phantasie, seiner Hypothesen, seiner schöpferischen Malerkraft zusammen und sucht nach einer Jörnt, tti welcher es sich gefällig darstellt. Hiermit aber hatte er Wohl vor einem Vierteljahrhundert bei den Franzosen Glück und brachte es verdientermaßen zu einem Sitze unter den Unsterblichen der Acadeinie. Jetzt ist es anders. Daß die gläubige, clericale Seite ihn zurückweist, ist natürlich. Aber ebenso beseitigen ihn die Männer der radikalen Kritik aus ihren Reihen. Schon daß Renan ein spiritnalistisches Glanbensbekenntniß ablegt, muß ihnen ein Greuel sein. Ihre Bibelkritik will tabula rasa haben, für Renan ist „eine weiße Seite" widerwärtig. Jene haben gar keine Geschichte des Volkes Israel mehr, und werden nächstens ebenso die babylonische Gefangenschaft für eine Legende erklären, weil die babylonischen Inschriften nichts darüber mittheilen, wie sie längst den Aufenthalt Israels in Egypten für fabelhaft halten, weil sie darüber noch keinen hieroglyphischen Bericht gefunden haben. — Renan aber erkennt zwar im Ganzen den hebräischen Monumenten einen legendenartigen Charakter zu, benutzt jedoch nach Auswahl eine Masse einzelner Daten, um daraus zu generalisiren und zu individualisiren. So ist jenen das Resultat Renan's in dem ersten Buche seines neuen Werkes zuwider, welches in der patriarchalische» Zeit, also in der Kindheit des Volkes Israel einen strengen monotheistischen Geist anerkennt, da die Herren Kritiker von der Voraussetzung ausgehen, daß auch die Hebräer und das aus ihnen hervorgegangene Volk Israel lange Zeiten hindurch polytheistisch gewesen. Der schöne sprachliche Beweis, welchen Renan heranbringt, verfängt bei ihnen nicht, obschon sie sonst ihre Hypothesen so gern auf linguistische Prämissen bauen. Daß Renan die Wunder beim Auszuge aus Egypten und in der Wüste auf dem allerdings breitgetretenen und wissenschaftlich aufgegebenen Pfade rationalistischer Deutung zu erklären sucht, ruft ihren Unwillen um so mehr hervor, als damit doch die Authenticität der biblischen Berichte anerkannt wird. Kurz, sie sehen Renan als einen Gegner an, den sie zurückweisen müssen. Alle diese Punkte führt Herr Scherer mit scharfen Worten' aus. Ein Franzose, wenn er tadelt, ist immerhin höflich, und hüllt selbst eine vernichtende Kritik in ein Gewand, das der Lichtseiten noch viele zeigt. In Deutschland aber besteht eine Mittelpartei, und für diese wird das Werk Renan's mancherlei Anmuthendes enthalten.

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