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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-01 · Heft 48 (1.12.1887) · p. Seite 755

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 48 (1.12.1887)
Date
1887-12-01
Page
Seite 755 (sequence 3)
Language
German
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755 sich bemüht, die große Gestalt Moses' bei Seite zu schieben. Hier wäre doch seiner Einbildungskraft und seinem geistreichen Pinsel ein schöner Spielraum gegönnt gewesen. Wer den Lauf der historischen Ereignisse kennt, weiß, daß eine unorganisirte und unter dem Joch der Knechtschaft seufzende Masse sich zu einer bestimmten That, zu Aufstand und Rettung zu vereinigen nicht vermag, ohne einen Führer zu haben, der sie aufregt, vereinigt, den Plan der Rettung entwirft und Befehle ertheilt. Diese nothwendige Bedingung läßt Renan unbeachtet, weil sich ihm sonst die mächtige Persönlichkeit Moses' von selbst aufgedrängt hätte. Daß Moses in gerechtem Unwillen einen egyptischen Vogt erschlagen, hält Renan für unwahrscheinlich (warum?),, obschon er dies zu einem vorläufigen Aufstand hätte verbrauchen können. Er spricht nur von einer „Verschwörung" der Israeliten. Er läßt diese „fliehen", und leugnet doch den Versuch der Egypter, sie mit Waffengewalt zurückzuhalten und zurückzuführen, wie überhaupt die Vorgänge am Schilfmeere. Dennoch weiß er, daß die Israeliten sich Werthsachen von den Egyptern „geliehen" und mit sich genommen hätten. Ist das nicht bloße Laune und Willkür? Der Schrift gemäß giebt er die Gründe an, warum sie nicht den Weg längs des Mittelmeeres, sondern in die Wüste der sinaitischen Halbinsel hinein gewählt haben, läßt sie jedoch Sandbänke und Lagunen, von denen freilich jetzt keine Spur mehr, benutzen, um an das Gestade der Wüste zu gelangen. Sicherlich wird es wenige unterrichtete Leser geben, die dem Gemälde Renans Geschmack abgewinnen und darin einen Spiegel der Geschichte erblicken werden. Nach Renan stand das Wesen der hebräischen Stämme dem der Egypter so entgegen, daß diese auf jene keinen eigentlichen Einfluß übten. Die Israeliten blieben ohne Einfluß seitens der Egypter auf ihre Sitten und Einrichtungen; die egyptische Religion widerstand ihnen, und von der egyptischen „Weisheit", von den priesterlichen Mysterien wurden sie nicht berührt. Dagegen sollen sie von den eultuellen Formen der Egypter Mehrfaches entlehnt haben, wie „die Lade", „das Priesterthum" und— im Widerspruch mit seiner ersten Bemerkung, nicht aber in Widerspruch mit der Schrift — die Hinneigung zu egyptischen Götzenbildern in der Masse des Volkes. Da bleiben in der That mehrfache Fragen von Renan unbeantwortet. Bei den Semiten hatten die Familienväter und die erstgeborenen Söhne das priesterliche Amt, eine geheiligte Sitte, wie sollten nun diese, den egyptischen Einrichtungen widerstrebenden „Hirten" doch zu einer, den Cultus allein verwaltenden Priesterkaste gekommen sein? Die Schrift erklärt uns dies, weil nämlich diese Erstgeborenen sich nicht geeignet zeigten, Lehre und Gesetz treu zu erfüllen; es kostete einen Aufstand (Korach), um die Anerkennung der Priesterfamilie seitens des Volkes zu erwirken, und die Machtsphäre der Priester, die nun einmal zur Erhaltung des Cultus unentbehrlich waren, wurde aufs Aeußerste beschränkt. Noch jetzt ziehen die Trümmer der egyptischen Tempel wegen ihrer monumentalen Größe die Bewunderung auf sich. Wie sollten die Semiten, dem Tempel während der patriarchalischen Zeit abgeneigt und bis zu Salomon ohne Tempel verbleibend, das tragbare Heiligthum von den Egyptern entlehnt haben?! — Trotzdem kommt Renan zu dem von uns so oft ausgeführten Schluffe: „Der Zusammenhang zwischen der Bibel und der egyptischen Weisheit muß entschieden verneint werden" (p. 144). So können wir mehrere Male mit dem Anfangs- und Endpunkte Renan's übereinstimmen, ohne das Mittelfeld irgend wie mit der historischen Wahrheit und Glaubwürdigkeit im Einklang zu sehen. Die drei Schlußcapitel des ersten Buches, den Aufenthalt Israels in der Wüste befassend, sind inhaltlich unbedeutend, wenn auch in sehr schöner Sprache abgefaßt, besonders die Schilderung der sinaitischen Halbinsel mit ihrem Gebirge. Von Gesetzgebung, von Decalog kein Wort. Dagegen benutzt Renan den Raum, um die Marotte, in dem Gottesnamen den aller beschränktesten Gottes begriff als Nationalgott zu finden, recht ausführlich aus einander zu setzen. Er benutzt dazu eine Anzahl Stellen aus dem Pentateuch, die aus ihrem Zusammenhänge gerissen werden, aus dem Zusammenhänge, der sie als subjective, von den Umständen bedingte Aussprüche erkennen läßt. Diejenigen Stellen aber übergeht er, die sich geradezu als Definitionen dieses Goltesnamens zu erkennen geben, so 2. Mos. 3, 14 ff., wo der metaphysische Inhalt desselben, und 2. Mos. 34, 5 ff., wo der ethische Begriff desselben bestimmt wird, und die beginnt: „Er rief aus den Namen des Ewigen: der Ewige, der Ewige, Gott, barmherzig und gnädig ff." Diese objectiven Stellen zeigen hinlänglich, wie allgemein und absolut der Gottesbegriff in diesem Namen verstanden ist, wie fern von der Beschränktheit, die ihm diese Kritiker beilegen, und wie er durch das Wort selbst bestätigt wird. Sonderbar ist es eben, wie diese Herren Gewicht auf einzelne secundäre Ausdrücke legen, während sie die anderen unberücksichtigt lassen, weil sie nicht für ihre Voraussetzungen brauchbar sind, diesen vielmehr widersprechen. Hört man sie dann, so schreiben sie diese Stellen einer späteren Zeit, jene, die ihnen in den Kram passen, der früheren Zeit zu. Dies ist aber wahrlich keine gesunde, keine wissenschaftliche Kritik. Von Moses weiß Renan auch hier nicht viel zu sagen. Je mehr Jener in der biblischen Erzählung zu einer gewaltigen Persönlichkeit verdichtet auftritt, desto mehr löst ihn Renan in Nebel auf, ja, er geht noch einen Schritt weiter und macht ihn zu einer Carricatur! Auch Josua scheint ihm sehr zweifelhaft; natürlich, denn da das Buch Josua aufs Engste mit dem Pentateuch verbunden ist, so muß es dasselbe Schicksal 48*

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