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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-24 · Heft 47 (24.11.1887) · p. Seite 749

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 47 (24.11.1887)
Date
1887-11-24
Page
Seite 749 (sequence 13)
Language
German
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749 Jndeß, und ich will dies als charakteristisch hervorheben, lebte in unseren Glaubensgenossen in jener Zeit, selbst unausgesprochen, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, und so erklärt es sich, daß trotz aller Ungunst sich verhältnißmäßig und bald in wachsender Zahl, recht viele jüdische Knaben für den Besuch des Gymnasiums und der Universität bestimmte. Ob diese Hoffnung aus der allgemeinen Duldsamkeit, die sie gegen frühere Jahrhunderte jetzt erfuhren, oder aus ihrem eigenen Bildungstriebe, der sie ja nicht täusche» konnte, erwuchs, oder aus beiden Momenten zugleich, will ich nicht entscheide». — Die Niederlassung war als ein Recht nur den ältesten Söhnen jeder Familie gewährt. Die anderen Söhne konnten nur durch die Gnade des Herzogs ein Heim gründen. Hierzu wurde seitens der Regierung stets ein Gutachten des jüdischen Gemeindevorstaudes gefordert, und man kann nicht sagen, daß dieses Gutachten in der Mehrzahl der Fälle günstig ausffel. Es herrschten da mancherlei Rücksichten vor. Doch hielt sich der Herzog nicht streng an diese Gulachten. Der Glückliche erhielt einen „Judenschutzbrief", der — ohne Berücksichtigung seines Berufes — ihm gestattete, Geld anszuleihen und so und so viel Procent Zinsen zu nehmen, und zwar einen recht hohen Zins; auch Trödelhandel zu treiben berechtigte der Brief. — Alle diese und noch einige andere Beschränkungen wurde» vom Jahre 1848, bis wohin sie in Geltung geblieben waren, hinweggeschwemmt. — Doch werfen wir nun einen Blick in die inneren Zustände der Gemeinde. Ich versetze mich im Geiste in die schöne, gewölbte, lichthelle Synagoge, die dem Auge des Knaben groß und imposant erschien; bei späteren Besuchen wunderte ich mich, wie sehr die Dimensionen zusammenschrumpften. Wie überall damals kam man durch ein Vorderhaus, in welchem der Rabbiner wohnte und die Gemeindestube sich befand, über einen Hof zu einer Vor' halle und stieg dann fünf oder sechs Stufen in die Synagoge hinab. Links war ein Anbau, offen zur Synagoge, wo die Knaben unter Aufsicht des Professors der Schule ihre Andacht verrichteten; wir hieltet: uns tapfer zum Gebet und nur selten bedurfte es eines Verweises. Darüber war eine Gallerie für die Frauen, eine andere gegenüber der h. Lade. Beide Gallerien hatten nur eine gemeinschaftliche engeTreppc. An Feuergefährlichkeit eines solchen Ausganges dachte man zu jener Zeit niemals. Die Synagoge ist gefüllt, besonders am Freitag Abend und Sabbathmorgen; aber auch an den Wochentagen stark besucht. Au jenen fehlte fast Niemand aus der Gemeinde. Der Gottesdienst war in allen Stücken noch der alte, auch nicht an einen Buchstaben, an einen alten Brauch war die Hand angelegt. K'Immerhin wurden einige Männer als besonders eifrige Beter mit all' dem üblichen Schaukeln und Schreien bezeichnet. Es war für mich ein eigenes Gefühl, als ich Jahrzehnte später einmal von der Gemeinde berufen ward, bei einer besonderen Feierlichkeit, der Trauerfeier um die verstorbene Herzogin, die Predigt zu halten. Ich überblickte die ungemein zahlreiche Versammlung, aber die Mehrzahl derer, die ich dort als Knabe gesehen, war schon unter dem Rasen gebettet. Rechts von der h. Lade hatte der greise Rabbiner gestanden in einem sammetmanchestereu Gewandte, den Gebetmantel weit über den Kopf gezogen, mit strenger asketischer Miene. Ich hatte ihn nur einige Male „darschenen" gehört, in seinem reichsländischen Dialect, und wie sich an seinen Vortrag eine längere Disputation schloß. Da es an einem Sabbath-Nachmittag geschah, ein- oder zweimal des Jahres, so hatte man Zeit dazu. Milde waren die Entgegnungen des Rabbi nicht. Neben ihm stand der Beiß-Medrasch-Mann, der mir schon mehr bekannt war, ein nicht allein in der Hallacha, sondern auch in der Agada wohlbewanderter Gelehrter. Er hielt jeden Abend in seiner ruhigen, langweiligen Manier einen Vortrag, zu welchem die Leute gingen, nach dem alten Grundsatz „schon der Hingang ist eine verdienstliche Handlung". Sabbath Nachmittag hielt er einen Schiur, zu welchem ich bisweilen den Großvater begleitete. Er, der schlichte und tugendreiche, mit der jüdischen Gelehrsamkeit wenig vertraute, jedoch streng orthodoxe Mann verstand gerade so viel von dem Vorgetrageuen, wie der Enkel zu seiner Seite, und wir waren wohl Beide gleich froh, wenn der Kaddisch de-Rabbanan zum Schluffe angestimmt ward. Aber neben diesen taucht noch ein anderer kleiner Mann mit gutmüthigem Gesichte und einem dreieckigen Hute auf dem Kopf in der Erinnerung auf. Der war mir recht theuer. Es war der ausgezeichnete Bal- Kore, Reb Falk, zugleich Lehrer in Mischnajoth und Schulchan-Aruch in der Schule. Disciplin verstand er nicht aufrecht zu erhalten. In der Sekunda wie in der Prima waren es immer nur zwei oder drei — zu diesen gehörte auch ich — welche sich seinem Unterrichte Hingaben; die anderen trieben Allotria, tvas oft großen Lärm und viele komische Scenen mit sich brachte. In der Synagoge war er geehrt, weil er die Thora so trefflich vortrug und ein friedfertiger Mann bei all' seiner talmudischen Gelehrsainkeit war. Denn unter den verhältnißmäßig wenigen Talmudgelehrten in der Gemeinde gab es auch Streiter und Rechthaber im Herrn, von denen ich mich des rauhen, abschreckenden Aeußeren eines derselben, des bekannten Meier Elkan Fürth, erinnere, der fast gefürchtet ward. Er hatte einige nützliche Rechenbücher, auch Commentare über einige Halachoth geschrieben, besonders aber mehrere heftige Streitschriften gegen die Schule und ihre Lehrer. Sein Kopf war mit einer gelben Perrücke bedeckt, was ihn nicht amnuthiger machte. Aber von allen diesen, die strengste Orthodoxie vertretenden Männern abgesondert, sehe ich dort in einem Winkel neben dem Almemor eine höchst sympathische, von mir hochverehrte Gestalt stehen,

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