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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-24 · Heft 47 (24.11.1887) · p. Seite 750

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 47 (24.11.1887)
Date
1887-11-24
Page
Seite 750 (sequence 14)
Language
German
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750 welche eine ganze andere Welt bedeutete. Sie trug über dem schwarzen Anzug über dem Rücken einen schmalen schwarzseidenen Streifen — wie ihn früher die reformirten Prediger trugen und in der Synagoge bei den Kantoren und dem Küster üblich war; unter dem Kinn aber weiße Bäffchen, eine kleine schmächtige Gestalt mit sehr markirtem Gesichte, auf welchem sich aber Intelligenz und Freundlichkeit ausprägten. Es war der Prediger Joseph Wolf, zugleich unser Religionslehrer an der Schule und Seeretär an der Gemeinde. Dies war eben das neue Element in der stabilen Masse der Gemeinde. Er war der erste jüdische Prediger in Deutschland und zwar seit 1805. Ich brauche ihn nicht zu schildern. Das hat mein sel. Bruder in seinen „Biographischen Skizzen" (Hest II) meisterhaft gethan. Er predigte regelmäßig, doch nur jeden ersten Festtag und am Col-Nidre-Abend. Seine weiche, anmuthende Stimme und der sentimentale Geist seiner Predigieit zog das Publicum sehr an, namentlich den jüngeren weiblichen Theil, daß bei jeder Predigt die Gallerten überfüllt waren. Außer der Predigt hatte er auch die Confirmation der Knaben eingeführt, und die Gemeinde war damit einverstanden. Der Confirmationsunterricht war allerdings ein mangelhafter; er diktirte uns ein kleines Heft, das wir auswendig lernen mußten, und dann mußte jeder Confirmand zu einem formulirten Glaubensbekenntniß ein Gebet ausarbeiten, das die Familienverhältnisse berührte und das Jeder nach der Prüfung hersagen mußte, und dies machte den Reiz der ganzen Handlung aus. So kam es, daß z. B. ich zu meiner Bar-Mizwa bei Reb Falk meine Paraschah vortragen lernte und von dem Prediger Wolf confirmirt ward. — Doch wie sollte mir nicht auf der anderen Seite, auf dem Sitze dort an der Wand der geliebte und verehrte Großvater erscheinen, dessen Wandel allein schon in dem kindlichen Gemüthe das religiöse Feuer entzündete. Ach, er war so gut und lieb, und sein milder, fragender Blick ersetzte allein schon eine etwa nöthige Strafrede. Eigentlich war unter allen Enkeln mein älterer Bruder sein Liebling, und um diesen abzuwarten, kam er oft Nachmittags vor dem Schluffe des Unterrichts in die Schute, mit einer Düte Kirschen oder dergl. versehen. Am Sabbath-Vormittag ging ich regelmäßig, so lange Großvater lebte, vor Schluß des Gottesdienstes aus der Knabenabtheilung zu seinem Sitze, mein Bruder war dann bereits mit Kameraden zur „Wachtparade" auf dem Schloßplatze gegangen. Dann segnete mich der Großvater, nahm mich an der Hand und mit sich nach seinem Hause. Unterwegs blieb er vor einem Bäckerladen stehen, und fragte mich, ob ich einen Zwieback oder ein Brötchen haben wolle? Er hatte Credit da, denn es war ja Sabbath. Dann ging es zu ihm, wo sich bald alle Enkel versammelten. Der Großvater sagte seine Gebete ab, machte Kiddusch und gab einem jeden ein Stückchen Honigkuchen in Liqueur getaucht. Meine Großmutter, eine stattliche und etwas vornehme Frau, übrigens eine Wohlthäterin aller Armen, der Hülfsengel in allen Wochenstuben, und zwar ohne .,confessionelle Berücksichtigung", hielt streng auf Ordnung. Wir mußten an dem grünsammtenen Sofa nacheinandergereiht stehen. Wir waren deßhalb ganz froh, wenn wir nun entlassen wurden und zum Spielen auf die Straße springen konnten. Meine Großmutter und die des jetzigen Grafen Cohn in Berlin, des Hofbanquiers unseres Kaisers, waren die letzten Frauen in der Gemeinde, welche eine aus Goldstreifen geflochtene und vorn mit Brabanter Spitzen besetzte „Haubenmütze" trugen. Seitdem war letztere verschwunden. — Die Vorstellungen des Geistes gehen schnell vorüber, und so vieles ich auch von den früheren Gestalten in dieser Synagoge erzählen könnte, mußte ich mich doch zusammenfassen und meine Trauerrede beginnen. Auf Manches werde ich noch zurückkommen. Zu jenen beiden Elementen der neuen Zeit, Predigt und Confirmation, gesellte sich als Hauptbildungsmittel die Schule. Zu dieser werde ich gelangen, nachdem ich noch Einiges von den inneren Zuständen und Einrichtungen der Gemeinde werde besprochen haben. (Fortsetzung solgt.) Vermischtes. Bekehrungen. Kürzlich fand die Generalversammlung der englischen Missionsgesellschaft statt. In dem daselbst verlesenen Berichte wurde mitgetheilt, daß im verflossenen Jahre 685 Neger zum Christenthume bekehrt wurden. Nach dem Etat der Gesellschaft kostete daher jeder Neger ca. 2000 Mark. Während derselben Zeit sollen nach dem Berichte 600,000 Neger zum Islam übergetreten sein. Mag diese Zahl auch zu hoch gegriffen sein, jedenfalls bestätigt sie die bereits von so vielen Reisenden gemachte Beobachtung, daß der Islam in den orientalischen Ländern riesige Fortschritte macht, namentlich in Indien und China, während das Christenthum verhältnißmäßig nur einen sehr geringen Anhang erwirbt. Je mehr die staatliche Macht der Mohamedaner sinkt, desto weiter dehnt sich ihre religiöse Machtsphäre aus. Wenn von Europa aus die neue Welt, also Amerika und Australien, dem Christenthume gewonnen worden, so darf man von kulturhistorischem Standpunkte aus nicht übersehen, daß zu diesem Zwecke die beiden Welttheile mit Europäern selbst, zu einem geringeren Theile von Negern bevölkert wurden, während der Islam neue Völker in Asien und Afrika gewinnt.

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