Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1887)
- Date
- 1887-11-24
- Page
- Seite 745 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227711--44880-3267185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
745 Arbeiter sehr harmloser Natur — Wohl nur der Zusammenkünfte wegen — besteht, deren Organ das zitirte, wenig beachtete ist. Redaet.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 15. November. (Privatmitth.) Nichts kann den Menschenfreund mehr interessiren als das Schicksal jenes Theiles der studirenden Jugend, welche mit Noth und Entbehrung schwer zu kämpfen hat, bevor er sich zu dem ersehnten Ziele durchgerungen hat. Wir gesellen deßhalb zu den früheren betr. Berichten einen Blick auf den 26. Jahresbericht des „Vereins zur Unterstützung mittelloser israelitscher Studirender in Wien". Einerseits hat der Verein im verflossenen Jahre recht dankenswerthe Spenden erhalten, z. B. das Legat des sel. Moritz Goldberger von 2000 fl., welchem auch das k. k. Central-Taxamt die Gebühren erlassen hat. Andererseits hat sich die Zahl der Mitglieder nur um 6 vermehrt, so daß deren nur 132 mit Jahresbeiträgen von fl. 1449 zählten. Bon den 535 Petenten konnten deßhalb nur 292 Gesuchsteller bedacht werden und zwar 190 Mediziner, 56 Juristen, 21 Techniker, 21 Thierarzneistudirende, 2 Studenten der Philosophie und 2 Pharmazeuten. Von diesen waren nur 13 aus Wien und 3 aus Niederösterreich, 88 aus Ungarn, 76 aus Galizien, 54 aus Mähren, 26 aus Böhmen, 13 aus Rumänien u. s. w. Es lassen sich hieraus mancherlei Bemerkungen ziehen; am auffallendsten aber ist die Gleichgültigkeit jener Länder für den Verein, aus welchem die meisten Petenten stammen. Die Provinzen gewähren nichts und erhalten fast Alles. Jedenfalls macht es den Wiener Wohlthätern Ehre, sich von diesem Umstande nicht beirren zu lassen. Der Makel fällt eben auf unsere Glaubensgenossen in den Ländern des österreichischen Kaiserthums. Die Einnahmen beliefen sich auf fl. 4361, von welchen ein Saldovortrag von fl. 292 übrig blieb. Möge der Eifer der Männer, welche der Leitung des Vereines ihre Kräfte widmen, niemals erlahmen. Frankreich. Paris, 13. November. Ueber die große Schenkung des Barons Moritz von Hirsch enthält, den Dementis gegenüber, ein Pariser Tageblatt Folgendes: „Informationen aus bester Quelle besagen, daß der Baron nicht allein die Absicht hat, die man gemeldet, sondern daß er statistische Erhebungen für seinen Zweck in der ganzen Welt machen läßt; er wird die Summe seiner Schenkung definitiv feststellen, wenn ihm die genauen Resultate dieser Erhebung vorliegen. Wie man sagt, ist es die Lage der Juden in Rußland, welche in ihm diesen philanthropischen Gedanken hat erstehen lassen. Da er aber fürchtete, daß seine Absicht von der russischen Regierung mißverstanden und vielleicht denen selbst schädlich werden könnte, welchen er helfen wolle, hat er sich entschlossen, seinen großmüthigen Beschluß zu generalisiren. Uebrigens ist Herr Benezialli, der Bevollmächtigte des Barons, bereits in Petersburg angelangt und hat eine Audienz bei dem russischen Finanzminister gehabt. — Während im monarchischen Staat so viel auf die Ansichten des Fürsten ankommt und man deßhalb auf dessen Aeußerungen ein großes Gewicht zu legen hat, liegt der Schwerpunkt in einer Republik, besonders in einer parlamentarischen, im Ministerium. Allerdings ist dieses dem Wechsel der Person nach den Stimmungen der Volksvertretungen unterworfen; dennoch aber macht sich in den Grundsätzen der Regierung eine gewisse Stetigkeit geltend. Bei den auch in Paris nicht mangelnden antisemitischen Auslassungen wird daher Folgendes interessiren. Bei der Anwesenheit des jetzigen Unterrichtsministers Spuller in Lille gelegentlich der Einweihung der Universität, erschien bei der Vorstellung der Behörden auch der Großrabbiner E. Cahen, welcher in seiner Anrede hervorhob, daß bei dem Israeliten Religion und Vaterland unzertrennliche Begriffe seien. Spuller erwiderte: er wisse sehr wohl, wie sehr die französischen Israeliten den Institutionen ihres Vaterlandes anhängig sind; er kenne ihren Eifer und ihre Hingebung für alle Werke und Thaten, welche zur Gröste Frankreichs beitragen. „Wollen Sie," sagteer zum Schluffe, „der Dolmetscher meiner sympathischen Gefühle und der der Regierung bei Ihren Glaubensgenossen sein". — Die Alliance isr. univ. hat auch für das nächste Jahr die Summe von 30,000 Fr. zur Unterstützung der russisch-jüdisch Studirenden an europäischen Universitäten bestimmt. Rußland. Lodz, 9. November. (Privatmitth.) Im „Woschod" ist nachfolgender Senats-Ukas abgedruckt, der die Rechte der jüdischen Handwerker zum Aufenthalt außerhalb der Rayons ihrer Ansässigkeit fixirt. Die Entscheidung ist auf Anlaß der Klage eines jüdischen Handwerkers Namens Liebmann über die Tiversche Gouvernements-Regierung gefällt worden und lautet: „Bei Einsicht der Umstände der vorliegenden Klage fand der Senat, daß unsere Gesetzgebung den hebräischen Handwerkern das Recht zugestanden hat, in ganz Rußland zu wohnen, falls dieselben von ihrem Handwerk Gebrauch machen und sich damit beschäftigen. Auf Grund von Punkt 3 des Artikels 17 des'Passustaws sind jüdische Handwerker, die, gestützt auf dieses Recht, außerhalb des Rayons ihrer Ansässigkeit 47