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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-24 · Heft 47 (24.11.1887) · p. Seite 743

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 47 (24.11.1887)
Date
1887-11-24
Page
Seite 743 (sequence 7)
Language
German
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743 der bloß formalen Beobachtung der Gebote und ebenso der Heuchelei der Weg abgeschnitten, jedenfalls im Geiste der Talmudisten. Hier könnte nun Jemand auf die Folgerung kommen, daß ein Mensch, der zu einem hohen sittlichen Charakter gelangt ist, dieser Gebote und Vorschriften ent« rathen könne. Dies wäre jedoch ein voller Widerspruch mit den Talmudlehrern. Denn diese sind von der menschlichen Schwäche so durchdrungen, daß sie keinen Sterblichen über Versuchungen und Prüfungen erhaben glauben, so daß auch der edelste und geweihteste der plötzlich über ihn gekommenen Leidenschaft unterliegen könne, und deshalb einer beständigen Selbstwacht und zwar am besten durch treue Erfüllung der Gebote bedarf. Der Midrasch stellt dies in vielen schönen Erzählungen und Legenden dar, und die Größe eines Rabbi besteht nicht bloß im Umfang seines Studiums und seines Wissens, sondern auch in seiner Frömmigkeit, d. h. in strenger Erfüllung der Gebote und Vorschriften. Gerade auf diesem Hintergründe erhält der von uns angeführte Ausspruch sein volles und charakteristisches Licht. Literarischer Wochenbericht. Groß-Kanisza, 13. November. Fast klingt es unglaublich, daß es die ungarische Judenheit noch immer nicht zu einer ungarischen Uebersetzung der Bibel gebracht hat. Seit Jahrzehnten wird in mehreren ungarischen Synagogen in ungarischer Sprache gepredigt, fast in sämmtlichen Volks¬ und Mittelschulen der Religionsunterricht in ungarischer Sprache ertheilt, ohne daß es bis heute gelungen wäre, durch eine Uebersetzung jenes Buch der Gemeinde zugänglich zu machen, das in anderen Ländern längst ein unentbehrlicher Hausrath geworden uud in keiner Familie vermißt wird. Leopold Löw hat bereits vor mehreren Jahrzehnten die Anregung zu einer ungarischen Uebersetzung der heiligen Schrift gegeben, aber der gänzliche Mangel an geeigneten Kräften ließ auch keinen Augenblick an einen günstigen Erfolg denken. Und so befinden wir uns noch heute dort, wo wir vor einem halben Jahrhundert gestanden. Die Pentateuchübersetzung des ungar.-israel. Lehrervereines ist das einzige Resultat, das wir aufzuweisen vermögen, und in Ermangelung einer besseren, hat ja auch diese Arbeit eine Lücke ausgefüllt, freilich ohne auf den Rang einer guten Uebersetzung Anspruch zu erheben oder eine solche entbehrlich zu machen. Der Mann, der berufen gewesen wäre, eine ungarische Bibel zu schaffen, hat unsere Reihen längst verlassen, und steht im Dienste einer anderen Fahne, die ihn als einen ihrer vornehmsten Träger betrachtet. So ist denn die Bibelübersetzung M. Bloch's (jetzt Ballagi) ein Torso geblieben und jeder jüdische Prediger muß sich selbst die Schrift übersetzen und nach Kräften über alle Schwierigkeiten hinweghelfen. Daß von einem gedeihlichen Religionsunterricht unter solchen Verhältnissen keine Rede sein kann, ist wohl selbstverständlich, — die Quelle ist sowohl Lehrern als Schülern verschlossen, was frommen da Compendien und Katechismen, die zumeist aus secundären Quellen schöpfen und den Lehrer auf Schritt und Tritt im Stiche lassen. Dieser große Uebelstand hat die Redacteure der ungarischjüdischen Revue (magyar-zsidö szemle) veranlaßt, eine jüdisch-ungarische Bibelübersetzung in Anregung zu bringen. Die Idee wurde mit Begeisterung begrüßt, die geeigneten Kräfte, fast ausschließlich Rabbiner, waren bald gefunden, und die meisten Mitarbeiter bestrebten sich auch, die ihnen zugewiesenen Theile bis zum festgesetzten Termine zu vollenden. Hierüber ist nun schon ein ganzes Jahr hingegangen und wir sind vielleicht berechtigt zu hoffen, daß die allerdings mit bedeutenden Schwierigkeiten verbundenen Revisionsarbeiten einen raschen Fortgang nehmen und auch die erforderlichen Geldmittel in kurzer Zeit beschafft sein werden, ohne welche solch' ein großes Unternehmen nun einmal nicht zu Stande kommen kann'). Es ist die Aufgabe und unabweisliche Pflicht einer jeden jüdischen Gemeinde in Ungarn, ihr Schärflein beizutragen, der Redaction thatkräftig unter die Arme zn greifen, die Sache der so schmerzlich entbehrten und sehnsuchtsvoll erwarteten Bibelübersetzung nach Kräften zu fördern. Während wir aber der in Aussicht gestellten ungarischen Bibel noch mit Hangen und Bangen entgegensehen, berichten wir mit um so größerer Freude von einem anderen literarischen Ereignisse, das in allen Kreisen freudig begrüßt, unserer jungen ungarisch-jüdischen Literatur zur Ehre gereicht und uns mit Stolz erfüllt. Die zwei ersten Theile der ungarischen Uebersetzung und Erklärung des Pentateuch's von Herrn Heinrich Deutsch liegen uns vor. Der um das ungarische Judenthum so hochverdiente Director der israel. Landes-Lehrer-Präparandie, der auch an der Rabbinerschule eine ersprießliche Lehrthätigkeit entfaltet, hat in dem vorliegenden Werke eine Arbeit geleistet, wie wir sie nur von einem solchen Manne erwarten konnten. Wer einmal zu den Füßen dieses in ununterbrochener, unermüdlicher Arbeit ergrauten Lehrers gesessen, wird in diesem seinen jüngsten Werke das treueste Abbild seines Wesens erkennen. Der Schwerpunkt der Bedeutung des Buches liegt l) Das wäre gewiß zu wünschen. Wer aber hat in Deutschland für die Bibelwerke von Solom Cohn, Philippson, Solomon, Herxheimer, Zunz und Genossen, Fürst, Unterstützungen beansprucht und gegeben'? Und doch hat z. B. das Philippson'sche, trotz hohen Preises (72 M.), drei Auflagen erlebt und ist jetzt im Buchhandel längst nicht mehr zu haben. Redact.

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