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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-24 · Heft 47 (24.11.1887) · p. Seite 742

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 47 (24.11.1887)
Date
1887-11-24
Page
Seite 742 (sequence 6)
Language
German
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742 und der aus dieser fließenden Uebung des Rechtes und der Liebe und hiermit eines allgemeinen Völkerfriedens. Hierzu kommt aber für die neueren Lehrer des Judenthums der Umstand, daß von Feinden der Juden diesen allzu oft der Glaube an einen persönlichen Messias zum Borwurf gemacht wird, indem sie insinuiren, daß dieser Glaube jeder echten Vaterlandsliebe und deren hingebenden Bethätigung entgegenstehe und widerspreche. Diesen Leuten zu demönstriren, daß dies nicht der Fall sei und daß ein actueller Patriotismus sich mit dem Glauben an einen in unabsehbarer Zukunft erscheinenden Messias gar wohl vertrage, wäre sehr erfolglos, da jene sich von solchen Entgegnungen nicht bekehren lassen. Anders aber liegt es, wenn die prophetische Weissagung auf eine messianische Zeit als der eigentliche Glaubenssatz des Judenthums hervorgehoben und die Vorstellung eines persönlichen Messias nur als eine zeitweise symbolische Verkörperung jenes Glaubenssatzes zum Tröste des Volkes in der Zeit des Unglücks betrachtet wird. Hiermit schwindet jener gegnerische Vorwurf vollständig; denn die Entwickelung der Menschheit identificirt sich leicht mit der Vaterlandsliebe, und deren Ausgang von religiösem Standpunkte bestimmen, ist für die Sittlichkeit nur förderlich. Die Religion hat den zwiefachen Beruf, jeden ihrer Bekenner zur Gotteserkenntniß und zu einem tugendreichen Lebenswandel, zur treuen Pflichterfüllung zu führen; dann aber auch auf die Gesammtheit zu wirken, diese immermchr nach den Grundsätzen des Rechtes und der Liebe zu gestalten. Halten nun auch Viele unter unseren Glaubensgenossen die Lehre von der messianischen Zeit für utopistisch, so ist dies für die Religion selbst und deren Wirksamkeit von keiner Folge, da hiermit ihr Einfluß auf das religiös-sittliche Bewußtsein und Handeln der Individuen nicht beschränkt wird. Hierbei wollen wir heute nicht weiter verweilen, sondern uns vielmehr einem besonderen Punkte zuwenden. Die Propheten ergehen sich in der Regel nur in allgemeinen Zügen des Gegenstandes, den sie besprechen; sie bringen ihre großen und tiefsinnigen Gedanken in deren Umrissen, theils abstract, theils in bildlicher Weise zum Ausdruck. Anders die Talmudisten, welche in ihrer Hinneigung zum Realen, viel mehr von dem Princip gleich auf die reale Gestaltung eingehen. Haben diese deshalb die Vorstellung von dem persönlichen Messias mannigfaltig und mit orientalischer Phantasie ausgestaltet, so fassen sie doch auch die messianische Zeit als solche auf und bezeichnen sie mit dem Ausdruck foi> -nny5> „in der kommenden Zukunft", und zwar an den meisten Stellen, wenn auch diese Worte bisweilen für das jenseitige Leben gebraucht werden. Fragen wir nun, wie sich die Talmudisten jene Zeit dachten? so fällt uns ein Zug als charakteristisch auf. Wir begegnen Nidda 61, 2. dem Ausspruch: jo;’ Tny^ mbaj rran „in der messtanischen Zeit hören die Gebote auf." Erwägt man, welche Bedeutung die Talmudisten dem Gebote beilegen, so daß sie alle Gebote, die großen, wie die kleinen von gleichem Werthe und zu unbedingter Erfüllung gegeben erachteten *), ferner daß sie der Durcharbeitung und genauesten Bestimmung derselben ihre ganze Geisteskraft widmeten: so wird uns die Wichtigkeit des obigen Satzes ersichtlich. Alle diese Gebote sind für den gegenwärtigen Israeliten nach ihrer Meinung die Bedingung seines Heiles und all' des Lohnes, dessen er sich zu gewärtigen habe; ihre Verletzung ist die Sünde, welcher die Strafe unausbleiblich folgt, wenn auch Lohn und Strafe erst vollständig im jenseitigen Leben erfließen. Der obige Satz drückt daher die Ansicht aus, daß in der messianische» Zeit aus der Tiefe der ganzen wahrhaftigen Gotteserkenntniß das Recht und die Liebe von allen Menschen frei und selbständig so geübt werden, daß es der Gebote nicht bedarf, daß diese Anleitung von oben her zum gerechten und liebevollen Lebenswandel überflüssig geworden, und gerade in der Freiheit der höchste Grad der Sittlichkeit erreicht ist. Dies setzt allerdings auch das Verschwinden jeder Leidenschaft, jeder niedrigen Neigung voraus, zu welcher allerdings in den, alsdann obwaltenden socialen Verhältnissen und Zuständen die Veranlassung fehlen würde. — Man wird zugestehen, daß in diesen wenigen nüchternen Worten eine ganze Welt von Idealen enthalten ist. Aber es scheint uns noch ein anderer Gedanke darin verborgen, der auch für die nichtmessianische Zeit fruchtbar ist, nämlich in negativer Weise, daß in allen Geboten und Vorschriften der Zweck liegt, den Menschen zur Sittlichkeit zu erziehen, anzuhalten und in ihr zu stärken, der Zweck, in allem Thun und Lassen, schwerem und leichtem, das religiös sittliche Bewußtsein zu wecken, zu erweitern und zu läutern. Im großen Ganzen tritt uns dies auch entgegen. Die Institution des Sabbaths z. B. hat nicht bloß die Ruhe zum Zwecke, sondern w~\pb, d. h. den Geist aus der materiellen Welt zu lösen und zu einer höheren seelischen Sphäre zu erheben; die Speisegesetze haben nicht bloß hygieinische Zwecke, sondern auch zur Mäßigkeit und Enthaltsamkeit zu erziehen, das Versinken in das Thierleben zu verhindern; die Reinigkeitsgesetze, den Menschen anzuhalten, auf die Reinheit seiner Seele und seines Leibes zu denken u. s. w. Die Uebung des Gesetzes, die Befolgung der Gebote und Vorschriften erfüllt nur dann ihren Zweck, wenn sie nicht bloß formaliter geschieht, sondern eben mit dem Bewußtsein einer sittlichen Pflichterfüllung und eines sittlichen Zweckes, weil sie sonst den Zweck des Gesetzgebers nicht erfüllt. Hierdurch wäre 1) Vgl. z. B.: P. A. II, l. Zer. Nidd. I, «I, b.

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