Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1887)
- Date
- 1887-11-24
- Page
- Seite 741 (sequence 5)
- Language
- German
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741 haupten müssen, was im vorigen Jahre von sonst achtungswerther Seite in dieser Zeit, widersprochen wurde, daß die gesetzliche Fassung des Zustandes, daß in Tirol für alle Zeiten nur der Vertreter der katholischen Religion im Landesschulrathe sitzen dürfe, schon eine starke Preisgebung des Princips des Staatsgrundgesetzes bedeutet, denn ein Anderes ist die Frage, ob heute, wo Tirol nur eine Handvoll Juden zählt, ein Vertreter im Landesschulrathe sitzen soll, ein Anderes die gesetzliche Ausscheidung eines solchen für alle Zeiten, auch dann, wenn in Tirol sich ansehnliche Gemeinden gebildet hätten. Da nun der Herr Unterrichtsminister so viele andere Sorgen hat, so ist es wohl gar nicht zu erwarten, daß das so oft verheißene und in nahe Aussicht gestellte Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden in dieser Sitzungsperiode zur Verhandlung komme. Wir sind dagegen so stumpf geworden, wie es Kompert betreffs des Messias- Glaubens in der köstlichen Figur eines Trödlers schildert, der am Sederabende die Thüren öffnet, um den Propheten Eliabu zu empfangen, da er aber nicht sofort kommt, werden die Thüren geschlossen und der Hausherr sagt achselzuckend: „Kommt er nicht, ist mir auch recht." Unter diesen Verhältnissen ist es von Interesse zu beobachten, wie sich unsere Freunde benehmen. Die Deutsch- Oesterreicher, unter denen sich die meisten jüdischen Abgeordneten befinden, haben in Sternberg einen Parteitag gehalten, bei dem die zahme Resolution angenommen wurde: „Die Versammelten machen es allen Stammesgenossen zur Pflicht, die deutschmationale Gesinnung über Alles zu fördern, mit Hintansetzung aller Sonderbestrebungen." Diese Sonderbestrebungen sind in der Person des Abgeordneten Wenzlitschka vertreten, des einzigen mährischen Abgeordneten, welcher aus dein deutschen Club ausgetreten ist und sich der deutsch-nationalen Vereinigung angeschlossen hat. Und dieser Herr mit slavischem Namen und deutschem Herzen ist aus dem Bezirke gewählt, in welchem zwei große jüdische Gemeinden sich befinden, die trotz der entschiedenen Gehässigkeit, welche ihnen ihre deutsche Gesinnung bei ihren nächsten Nachburen einträgt, muthig für diesen Abgeordneten und das Deutschthum eingetreten sind. Zürn Schluffe möge noch die merkwürdige Thatsache hier erwähnt werden, datz die Herren Antisemiten schon viel gesprochen haben in dem neuen Reichsrathe, aber bei allen ihren Reden, während sie sonst doch um die Veranlassung nicht bange sind, über die Juden geschwiegen haben. Nur Herr Türk hat gleich in der ersten Sitzung sich nach dem Schicksale jener Anträge erkundigt, die er in der abgelaufenen Periode gestellt hat, und dazu gehört auch die Forderung nach Beschränkung der Einwanderung russischer Juden, für welche auch schon ein Referent in der Person eines bisher nur wenig bekannt gewordenen Abgeordneten bestellt wurde. Die erste Rede in dem wieder zusammengetreteuen Reichsrathe hielt ein Jude Neuwirth über das Postsparkassengesetz, wo er und zwei Andere, gleichfalls jüdische Abgeordnete, Gomperz und Leon, vor Verbreitung der kapitalistischen Geschästsgebahrung in dieser Anstalt warnten, während die Herren Antisemiten gerade wünschten, daß das Wechselgeschäft am meisten berücksichtigt werde. Wollen wir im Interesse Oesterreichs stets hoffen, daß diese Männer zu schwarz gesehen haben. Unsere Klerikalen wiederum haben sich die Mühe nicht verdrießen lassen, die wohlthätige Action zu Gunsten der hungernden Schulkinder möglichst anzuschwärzen, indem sie behaupteten, die Juden hätten sich an diesem guten Werke nur betheiligt, um sich recht hervorzuthun, und überdies seien auch die hungernden Schulkinder zumeist Juden, was einein Wiener Witzblatie Anlaß giebt zu dem gelungenen Verse: „Und hungrigen Judenkindern steht's Hungern gar so gut, da hat Gott eine Freude, wenn er das sehen thut." Bonn, 21. Nov. Zur mesftanischen Zeit. Bekanntlich finden wir in den prophetischen Büchern sowohl den Gedanken an eine messianische Zeit, als auch die Vorstellung von einem persönlichen Messias ausgesprochen, so jedoch, daß der erstere auch der ältere ist, indem er schon in dem alten, von Jesajas und Micha citirten Propheten spruch vollständig ausgestaltet erscheint. Die Vorstellung von dem Erscheinen eines persönlichen Messias hat seit der Zerstörung Jerusalems die Oberhand gewonnen. In unserer Zeit ist sie aber im Bewußtsein der Bekenner des Judenthums wieder zurückgedrängt worden, und die neueren Lehrer desselben haben sich wieder dem älteren Prophetengedanken zugewandt, ja, wir finden, daß sie den Lehrsatz von einer messianischen Zeit sehr oft zum Ausdruck bringen, und ihn als einen Grundgedanken unserer Lehre hinstellen. Wie immer zur Neugestaltung und Feststellung einer Lehre mehrere Factoren wirksam sind, so auch hierbei. Dem modernen Geiste und der wissenschaftlichen Auffassung entspricht die Vorstellung eines persönlichen Messias, eines Mannes, der die ganze menschliche Gesellschaft mit einem Male umwandelt, nicht. Vielmehr liegt im Jdeengang des gegenwärtigen Menschen die Ansicht der fortschreitenden Entwickelung der Menschheit, wie sie auch von jeder gesunden Geschichtsauffassung bestätigt wird, einer Entwickelung, als deren Ausgang, wenn wir ihn auch noch nicht zu erschauen vermögen, nur eine „messianische Zeit" sein kann. Diese bezeichnen schon die Propheten als eine Zeit allgemeiner und wahrhaftiger Gotteserkenntniß,