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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-24 · Heft 47 (24.11.1887) · p. Seite 740

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 47 (24.11.1887)
Date
1887-11-24
Page
Seite 740 (sequence 4)
Language
German
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740 Antisemiten bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit eine Judenhekatombe geschlachtet, einerlei, ob es sich um gleichmäßigere Besteuerung, um das Hausirergesetz, um Börsensteuer, um Einrichtung von Arbeiterkammern handelte, das Ende war immer, wie ein geistreicher Abgeordneter sagte: ganz so wie im Wurstelprater, wo seit Jahren das Ende einer pantomimischen Vorstellung, welche als Zuschauer Soldaten und Vaganten aller Art versammelt, ist, daß ein Jude todtgeschlagen wird. In den Ferien hatten die Herren Antisemiten fleißig Wanderversammlungen gehalten. Die deutsch-nationale Bereinigung, das ist die Abzweigung des deutschen Clubs, welche sich von dem Stamm der Partei deswegen trennte, weil diese der Schönerer'schen Petition gegen die Einwanderung der russischen Juden nicht beitreten wollte, hatte einen sehr gewichtigen Zuwachs an Doctor Knotz, dem berühmte» „groben Knotz" des deutschen Clubs erhalten, derselbe, der in den gehässigsten Farben schon einmal die Zustände in der officiösen Presse Prags zeichnete, wo er darauf hinwies, daß der Statthalter von Böhmen, bekanntlich ein getaufter Jude, den ihm verwandten Josef Graf, seinen Oberschmock, zum Mitregenten habe. Der Uebertritt dieses Herrn ist um so bezeichnender, weil er bis vor Kurzem Vorstandsmitglied des deutschen Clubs war. So besieht die deutsche Opposition aus drei Parteien, von denen nur der deutsch-österreichische Club diejenigen Liberalen in sich faßt, welche einst für die Gleichstellung der Kulte und für die Freiheit des Gewissens in die Schranken getreten sind, während der deutsche Club schon opportunistischer gestimmt ist und die Antisemiten unter sich duldet, wenn dieselben nur nicht ihre Principien in das Club- Programm ausdrücklich ausgenommen wissen wollen. Dann kommt die deutsch-nationale Vereinigung, welche die eben gekennzeichneten antisemitisch angehauchten Secessionisten enthält, und endlich der Verband der Deutsch-nationalen, welcher die entschiedenen Antisemiten in sich faßt. Diese letztere Partei hat gerade bei Beginn der Saison einen Zuwachs erhalten, indem sie mit Hilfe der Klerikalen das Reichsrathsmandat in St. Pölten erlangte. Diese Wahl zeigt uns deutlich, was sonst gerne verkannt wird, daß die Klerikalen weit entkernt davon sind, das Princip der Duldung zu befolgen, das sie sonst so gern im Munde führen. Sie, welche vorgeben, die Vorkämpfer des Idealismus zu sein, sie welche nicht genug Worte des Tadels wissen, wenn in der liberalen Partei ein Mann mit etwas bemakelter Vergangenheit auftritt, tragen keine Scheu, sich rücksichtslos mit denen zu verbinden, die ihnen zu ihrer ehemaligen Machtstellung verhelfen könnten. Die Herren behaupten, das Christenthum sei die reine Menschenliebe, und verbinden sich mit Leuten, die erklären, eine Rasse habe das Recht und die Pflicht, mit allen Mitteln der Gewalt und der List eine andere zu vernichten. Sie verbinden sich mit jenen Männern, welche ihre Grundsätze aus den von den frommen Herren so sehr verabscheuten Werken Darwin's, Schopenhauers und v. Hartmann's holen, — sie verbinden sich endlich mit denjenigen, welche das Judenthum nicht als Religion, nicht als das Princip der Seligkeit, welche aus frommem Thun stammt, verdammen, welche es nicht deswegen verwerfen, weil es die Erfüllung der messianischen Weissagung in Christus nicht anerkennen will, sondern deswegen, weil es die Zeit der Erfüllung in dem ewigen Weltfrieden, in dem friedlichen Zusammenwohnen zwischen Wolf und Lamm .lehrt, welche also in gleicher Weise das Christenthum als eine semitische Erfindung verwerfen. Sie thnn heute dasselbe, was der fromme König Franz I. von Frankreich that, als er sich mit den Ungläubigen gegen einen katholischen Herrscher verbündete. Allerdings fehlt es nicht an Strömungen selbst in den Reihen des Klerus, die ein solches Thun als verwerflich bezeichnen, aber die werden väterlich ermahnt, daß sie doch bedenken sollten, daß die Antisemiten, wenn auch nicht an allen, so doch an den meisten Punkten zu billigen seien, und nützt diese Verwarnung nichts, so wird durch eine oberbehördliche Verordnung den Gottlosen der Mund gestopft. Die Sorge dieser Herren geht zunächst auf die confessionelle Schule; damit begnüge» sie sich nun freilich nicht, sondern ihr letztes Ziel können sie nur in der völligen Aufrichtung der Staatskirche erblicken, aber mit sich handeln lassen, ist gerade nicht den Juden am eigenthünilichsten, mau nimmt auch bei diesen Herren einen Finger, wenn man die ganze Hand nicht bekommt. Nun hat aber der Herr Unterrichtsminister, auf den es dabei ankommt, vorläufig ganz andere Sorgen. Die Czechen wollen die Gymnasien zurückhaben, die wegen zu schwacher Frequenz durch kaiserliche Verordnung aufgehoben worden sind, — die Polen wünschen die Vervollständigung der Universität Lemberg und noch ein paar neue Gymnasien, — die Italiener wollen die Aufhebung der deutschen Schulen in Südtirol, die Slovenen die Auflassung des deutschen Sprachunterrichts in ihren Schulen, die Deutschen endlich wollen eine Trennung des Landesschulrathes in Böhmen, eine deutsche Kunstgewerbeschule in Prag und noch verschiedenes Andere. Also kann man dem Herrn Untecrichtsminister nicht zumuthen, daß er jetzt noch diese neue Sorge auf sich lade, nach der Uhr des Fürsten Lichtenstein zu sehen, in welcher dieser die Minuten abzählen will, bis dem katholischen Volke in Oesterreich sein Recht geworden. Herr v. Gautsch scheint vorläufig seine eigene Uhr zu haben, auf die er sich völlig verlassen kann. Er hat im vorigen Jahre doch auch während der Landtagsverhandlungeu in Tirol deutlich zu erkennen gegeben, daß er nicht gewillt sei, das Staatsgrundgesetz von der Gleichheit der Confessionen ohne Weiteres aufzugeben. Obwohl wir noch immer be-

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