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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-24 · Heft 47 (24.11.1887) · p. Seite 739

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 47 (24.11.1887)
Date
1887-11-24
Page
Seite 739 (sequence 3)
Language
German
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739 und Haran — der Schrift gemäß — kommen. Wieso sie dahin gelangt seien, sei nicht zu bestimmen. Die Assyrer hatten bereits eine bedeutende Cultur, gleich Egypten, waren Semiten, ihre Sprache aber konnten die hebräischen Semiten nicht verstehen. Diese assyrische Cultur stammte aber von einem früher ansässigen Volke her, das weder semitisch noch arisch war, von den sog. Turanern, welche in vielen, den sog. akkadischen Inschriften uns so viele bis jetzt unlösbare Räthsel hinterlassen haben. Bekanntlich haben die Assyriologen aus den assyrischen Inschriften Erzählungen herausgefunden, welche mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte Aehnlichkeiten haben sollen, mit der Geschichte der Sintfluth! vieles Gleiche besitzen. Wir sagen hinsichtlich der Schöpfungsgeschichte „haben sollen", denn im Grunde sind die assyrischen Mythen überaus verschieden von der mosaischen Schöpfungsgeschichte. Dort herrscht der phantastischeste Polytheismus. Die Wesen werden von zahllosen Göttern und Göttinnen willkürlich und planlos geschaffen. Dennoch will Renan, daß die hebräischen Semiten den Inhalt jener zwölf Capitel von den Assyrern entlehnt und nach ihrem Geiste umgearbeitet hätten. Die Unrichtigkeit oder doch Unerwiesenheit dieser Annahme hier auszuführen, halten wir nicht für nöthig, noch dazu, wenn wir das Resultat Renans (p. 80) betrachten. Er sagt: „Die schöne Stelle, im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde, war wie der Mistral, der den Himmel gereinigt hat, der aus unserem Horizont die Chimären verjagt hat, welche ihn verdunkelten. Ein freier Wille, wie der, welchen das Wort „schuf" enthält, an die Stelle von zehntausend phantastischen Willen gesetzt, ist ein Fortschritt in seiner Weise. Die große Wahrheit der Einheit der Welt und der absoluten Solidarität aller ihrer Theile, mißverstanden von dem Polytheismus, ist in den Erzählungen (der Schrift) klar beobachtet, da in ihnen alle Theile der Natur durch die Thätigkeit desselben Gedankens und die Wirkung desselben Wortes hervorgehen. Der nomadisirende Hirt hätte diese erstaunlichen Berichte nicht erfunden, aber er sicherte ihnen den Erfolg. Die chaldäische Kosmogonie hätte niemals die Welt erobert in der ausschweifenden Form, welche sie in den assyrischen Texten hat; die Vereinfachung, ivelche das semitische Genie übte, fand gerade das, was der menschliche Geist bedurfte, als er klare Ideen verlangte über das, was man niemals klar wissen kann. Die einfache und gemäßigte Vorstellungskraft (imagination) Israels hat dieses Wunder bewirkt." Mit diesem Resultate als einer geschichtlichen Anschauung von dem Geiste und der Wirksamkeit unserer Patriarchen können mir zufrieden sein, ohne die nebensächlichen Fragen und deren Beantwortung durch Renan zu beachten. Alle Künste der Kritik, welche an der Geschichte der israelitischen Patriarchen geübt worden, verhindern schließlich die Anerkennung ihres welthistorischen Werthes und Verdienstes nicht, und daß das alte prophetische Wort in Erfüllung ging: durch Abraham sollen alle Völker gesegnet werden. Brüx, 10. Nov. 1887. Politische Lrieft aus Oesterreich. Bon vr. G. Deutsch. Mit dem Beginne des Herbstes entfaltet die Gesellschaft ihr ernstes und fröhliches Treiben. Jetzt beginnt die Saison für Jagden, Bühne und Politik. Merkwürdigerweise fängt man in unseren Kreisen an, sich auch für Jagden und ähnlichen aristokratischen Chic zu interessiren, und ein jüdisches Blatt hat neuerdings einen Artikel über den Rennsport gebracht, obwohl dieser bisher noch in keine theologische Encyklopädie ausgenommen wurde. Wir sind nicht der Meinung, daß es gut wäre, mit dieser Art von Vergnügungen unsere Leser zu unterhalten. Gerade im Gegentheil sollte man meinen, daß wir noch immer auf demselben Standpunkt stehen wie der Talmud, der sich über Vergnügungen an den Leiden der Tyiere mit den Worten ausdrückt: „Wer nicht fühlt mit den Geschöpfen Gottes, der gehört nicht zu Abrahams Nachkommen." Noch immer stehen wir gerne ein für diese Ansicht, die selbst in den Zeiten der tiefsten Verbildung des Judenthums im 18. Jahrhundert, also zu einer Zeit, wo die Wortklauberei und der Witz das Hauptelement in der Theologie der Inden waren, in der Zeit des äußersten Verfalles hochgehalten wurde. Rabbi EzechielLandau, der erbittertste Feind Mendelssohn's, erklärte, vom streng gesetzlichen Standpunkte sei die Jagd dem Juden gestattet, doch zieme sich ein derartiges Vergnügen nicht für Israeliten, das Volk der Barmherzigkeit. Das Theater bietet noch viel weniger Anlaß, daß wir uns hier dafür interessiren, es wäre denn, daß wieder einmal das Judenthum in einem neuen Stücke auf die Bühne gebracht würde, was seit Langem nicht vorgekommen ist. Auch ein Zeichen der Zeit, die nicht mehr gestaltet, leidenschaftslos die Stellung des Judenthums in der Gesellschaft zu behandeln. Bleibt also nur die Politik, die jetzt aus ihrem langen Sommerschlaf zu erneuter Thätigkeit erwacht ist. Seit wir Antisemiten haben, denen es nur in den Parlamenten gestattet ist, unaufmerksame Zuhörer für ihre oratorischen Schmerzenskinder vor sich zu sehen, während ihnen der passendste Schauplatz ihrer Thätigkeit» die Kneipe, behördlich entzogen wird, ist die Eröffnung des Parlaments ein Ereigniß, dem wir mit Spannung entgegensehen dürfen. Und dieses Mal hatte man erst recht meinen sollen, daß wir manche Ueberraschung erfahren werden. Zunächst hatten wir während der abgelaufenen Sitzungsperiode die Herren 47

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