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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-24 · Heft 47 (24.11.1887) · p. Seite 738

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 47 (24.11.1887)
Date
1887-11-24
Page
Seite 738 (sequence 2)
Language
German
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738 ausgedrückte That vollbrachte. Für den Semiten hingegen haben alle Ereignisse, deren Ursache unbekannt ist, dieselbe Ursache. Alle Erscheinungen, insonders die der Meteorologie, welche so lebhaft die primitiven Völker beschäftigten, wurden auf dasselbe Wesen zurückgeführt. Wenn es sich um das Leben handelte, so belebte derselbe Hauch Alles. Der Donner war die Stimme Gottes; der Blitz sein Licht; die stürmische Wolke sein Schleier; der Hagel das Geschoß seines Zornes. Der Regen wird in allen primitiven Mythologien der indoeuropäischen Rasse als die Frucht der Umarmungen des Himmels mit der Erde dargestellt. In dem Gedichte Hiobs, das der Ausdruck einer sehr alten Theologie ist, ist es Gott, der die Schläuche des Himmels zersprengt, der den Regengüssen den Abfluß eröffnet, der die Thautropfen hervorbringt J). Die Morgenröthe ist in den arischen Mythologien der Gegenstand einer überraschend großen Anzahl von Mythen, in denen sie die Rolle einer Persönlichkeit spielt und verschiedene Namen annimmt. Sie ist die Tochter der Nacht; sie wird von der Sonne umarmt; sie gebiert Tithonos oder den Tag; sie liebt Kephalos (den großen Kopf, die Sonne); sie hat Procris (den Thau) zur Rivalin; sie flieht vor der Sonne und wird durch ihre Berührung vernichtet. In dem Buche Hiob hingegen befiehlt Gott dem Morgen, läßt die Sterne aufgehen oder siegelt sie fest, bezeichnet dem Lichte oder der Finsterniß ihre Grenzen." -) „Fast alle Wurzeln der arischen Sprachen enthielten so einen Gott verborgen, während die semitischen Wurzeln trocken, unorganisch und durchaus unfähig sind, einer Mythologie das Leben zu geben. Wenn man sich genau die Macht des Wortes div vergegenwärtigt hat, das den Glanz des reinen Himmels bezeichnet, so erklärt man sich sehr leicht, wie aus dieser Wurzel dies, divum (sub dio), Deva, Zeus, Jupiter, Diespiter, Diauspitar entstanden sind. Die Worte Agni (ignis) Varuna (Övqüvos) Ge oder De enthielten gleichfalls den Keim der Individualitäten, welche, indem sie sich mehr und mehr von ihrem primitiven naturalistischen Sinn entfernten, in der Folge der Jahrhunderte dahin gelangen mußten, nur noch abenteuerliche Persönlichkeiten zu sein. Vergebens würde man eine Theologie aus derselben Ordnung der wesentlichsten Worte der semitischen Sprachen zu ziehen suchen: or „Licht"; schamä „Himmel"; arz „Erde"; nar „Feuer" :c. Keiner der Namen der semitischen Götter heftet sich an solche Worte. Die Wurzeln in dieser Sprachenfamilie sind, wenn ich es sagen darf, realistisch und undurchsichtig; weder sind sie zur Metaphysik noch zur Mythologie geeignet. Die Schwierigkeit, im Hebräischen die einfachsten philosophischen Bemerkungen im Buche Hiob, in Kohe- 1) Hiob XXXVI, XXXVII, XXXVIII. 2) Hiob XI, 7; XXXVIII, 12—15, 19—20. leth zu erklären, ist wirklich erstaunlich. Das physische Bild, das in den semitischen Sprachen noch in voller Blüthe ist, verdunkelte die abstrakte Deduction und verhinderte in der Rede jeden zarten Hintergedanken." Hierzu bemerken wir, daß, wenn wir diese sprachliche Beobachtung als Thatsache, als thatsächlichen Beweis für die uralte monotheistische Tendenz des Volkes Israel ansehen, sie jedenfalls volle Richtigkeit hat. Gehen wir aber der Sache etwas tiefer auf den Grund, so ist doch die Sprache nur das Product des Geistes; sie empfängt ihren Charakter durch den ursprünglichen Geist des Volkes, das sie spricht; durch den Geist erhält sie ihre Ausbildung und dafür wirkt sie dankbar auf die Befestigung und Entwickelung des Geistes. Es muß also diese monotheistische Tendenz in den Uranfängen des hebräischen Stammes in dessen Geist gelegen haben, um sich dermaßen in der Sprache auszuprägen. — Renan will nunmehr den Cultus der nomadisirenden Semiten beschreiben und findet hier die merkwürdige Uebereinstimmung aller alten Völker im Opfercultus. Hier leidet Renan an einem völligen Mangel von Verständniß für Symbolik, die doch für die Zeiträume, in welchen der Verstand im Menschen noch nicht so weit entwickelt war, um Gedanken und Gefühle abstract in Worten auszudrücken und zu formuliren, unvermeidlich und selbstverständlich war. In dem Opfercultus eine tiefere symbolische Bedeutung zu finden, war deshalb Renan ganz üfifähig. Für ihn entspringt der ganze Cultus lediglich aus der Absicht, die Gottheit zu bestimmen, dem Opfernden keinen Schaden zuzufügen. Allein im mosaischen Cultus nahmen gerade die Dank- und Freudenopfer eine Hauptstelle, namentlich bei den, von Individuen dargebrachten Opfern ein, und dies pflanzte sich dem Geiste des Judenthums so ein, daß es eine Anschauung der talmudischen Weisen ward: in der messianischen Zeit hören alle Opfer auf außer den Dankopferny. Das Resultat ist für Renan, daß bei den Patriarchen die Vorstellung von Gott die war, daß Gott absolut sei, das Gute liebe und das Böse hasse und daß man ihm durch die Geradheit des Herzens diene 2). Das fünfte Capitel mit der Ueberschrift „Alter babylonischer Einfluß" beschäftigt sich wesentlich mit den zwölf ersten Capiteln des ersten Buches Moses. Unser Vers, läßt die hebräischen Semiten aus Babylon, insonders aus llr 1) S. 3. Mos. 3, 1 ff. Midr. Thanch. 55, 2. 2) Unter den mancherlei Widersprüchen mit sich selbst, die uns in Renan's schrift ausfallen, bemerken wir (p. 63), daß er den Patriarchen als Ideal das System des einzig auf der Familie und der Vereinigung der verwandten Familien gegründeten Stammes zuschretbt, während er, wie wir gesehen — irriger Weise — einen wesentlichen Unterschied zwischen den Ariern und Semiten darin erblickt, daß die ersteren die Familie, die letzteren den Stamm zu ihrer Grundlage hätten.

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