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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-17 · Heft 46 (17.11.1887) · p. Seite 733

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 46 (17.11.1887)
Date
1887-11-17
Page
Seite 733 (sequence 13)
Language
German
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733 den Heerstraße von Halle nach Berlin willen. Aber der einflußreiche Kammerpräsident von Raumer (Vater des berühmten Geschichtsschreibers) ividerrieth es dem Herzog, weil, wenn wieder Krieg entstände, dieser seinen verheerenden Weg wieder durch Dessau nehmen würde. Man begnügte sich, eine „fliegende Fähre" herzustellen, und Preußen legte eine neue Heerstraße von Halle über Bitterfeld und Wittenberg nach Berlin an. Dadurch wurde Dessau von der großen Welt abgeschnitten und mit dieser erst viel später durch eine Eisenbahn wieder in Verbindung gesetzt. Deßhalb war meine Vaterstadt alles Handels und aller Industrie bar. Ein unternehmender Jude hatte eine Tuchfabrik angelegt: in meiner Kindheit schon war sie eingegangen und das lange einstöckige Gebäude zu Wohnungen für das ärmere Volk eingerichtet. Da nun auch unter dem greisen Fürsten das Hofleben ein sehr ruhiges war, so herrschte in der Stadt eine große Stille und von Verkehr war nur geringe Spur. Eine Zeitung erschien noch nicht, man begnügte sich mit dem Wochenblatte der Bürgermeisterei und einem zwei Mal in Zerbst erscheinenden Blättchen von vier Quartsciten mit dürftigen politischen Nachrichten und Inseraten. Eine Botenfrau brachte die erforderlichen Exemplare herüber. Wer kümmerte sich denn auch in dem patriarchalisch regierten Ländchen um Staatsangelegenheiten und Politik? Aus dem Kreise der Regierung erfuhr man nur das, was in Verordnungen ans Licht trat, und man war damals bei Weitem nicht so gesetzgeberisch thätig und reglementirte lange nicht so viel wie in unserer Zeit der Selbstverwaltung und Freiheit. Das höchste Interesse hatte man nur für die Getreidepreise auf dem wöchentlichen Markte und für die Brodpreise, die nach dem Wechsel jener von der Polizei bestimmt wurden. Ja, die Polizei! Sie bestand außer dem Director in einem Polizisten und zwei Landgensdarmen. Aber die Achtung, ja die Furcht vor der Obrigkeit war so groß, daß, wo dieser behagliche dicke Polizeimann mit seinem Bambusrohr und seinem bleiernen Wappenzeichen auf der Brust erschien, Niemand ungehorsam zu sein sich getraute und wir auf der Straße spielenden Kinder schnell verschwanden. Selbst in den Herbergen der Zimmerer und Maurer, wo es an den Sonntagen sehr geräuschvoll zuging, trat beim Eintritt jenes Wächters der Gesetze sofort Ruhe ein. Die Gerichtsbarkeit wurde sehr patriarchalisch, jedoch prompt und practisch, von einem Amtsrath versehen. Verwaltung und Justiz waren »och nicht getrennt, und die „Regierung" versah beide Staatszweige. Die Appellation ging an die juristische Facultät zu Jena. Die Finanzen standen unter „der Kammer". Auch die Postverbindung war eine sehr dürftige. Zwei Mal wöchentlich kam die kgl. preußische Post, in einem langen federlosen Wagen bestehend, an dessen Vorderseite ein dachloser Sitz für die Passagiere angebracht war, um deren Füße die von einem ledernen Schurzfell bedeckten Packete tanzten und den Schienbeinen manchen Stoß versetzten, angebracht war, von Leipzig her. Ich war schon ziemlich erwachsen, als die Erfindung der Schnellposten eintrat, die täglich vom Süden und Westen nach Berlin unsere Stadt berührte, und um welche Anfangs sich das Volk und besonders wir Kinder uns versammelten und die Passagiere anstaunten. Schwer lastete auf dem Verkehr die „Accise", d. h. die Steuer auf importirte Waaren. Diese wurde sehr streng vollzogen und auch die Stadt hatte ihre besondere Octroi. Auf das von einer unfern, also im Jnlande, gelegenen Mühle eingeführte Mehl lag eine schwere Abgabe. Desto stärker wurde an der Landes- und der Stadtgrenze der Schmuggel betrieben. Ich war schon auf der Universität, als Anhalt und Sachsen noch immer nicht in den von Preußen geschaffenen Zollverein eingetreten waren, so daß an den Grcnzpunkten eine scharfe Untersuchung nach Zollgegenständen stattsand.. Nun lies die Grenze oft mitten durch die kleinen Städte und Dörfer, ja an mancher Stelle mitten durch ein Haus, und die Schmuggler konnten sich deshalb leicht über die Grenze flüchten, wo die Gewalt der Zollwächter aufhörte. Im Innern herrschte noch der ganze alte Zunftzwang, welcher meist nur den Meistersöhnen die Ausübung des Handwerks gestattete. Jeder Handel mit Handwerkswaaren war strengstens verboten, und die Zunftvorsteher hatten sogar das Haussuchungsrecht bei Händlern, die sich des Verkaufs einer Handwerkerwaare verdächtig gemacht. Au Monopolen und Realrechten, z. B. Braurecht, Barbierläden u. s. w. war kein Mangel. An Streitigkeiten fehlte es daher nicht, und ich erinnere mich eines langen Processes, den ein Verwandter zu führen hatte, bis die Entscheidung kam, daß er zwar mit geschmiedeten Nägeln nicht, wohl aber mit gegossenen, die damals aufkamen, handeln dürfte. — Dies ungefähr ist das Bild meiner Vaterstadt in der Zeit meines Knabenalters. Für manches geistige Interesse war reichlich gesorgt, aber das Leben stockte. Im ganzen Jahre unterbrachen dieses nur die drei Jahrmärkte und das Schützenfest. Da wohnten wir dem Aufbau der linnenen Buden fröhlich bei und zogen des Tages über durch die Straßen, die sie bildeten und die Schausachen, die da auslagen, wobei wir lange Auswahl trafen, was wir für die paar Pfennige, die uns die Mutter gespendet, erstehen wollten. Viel war es nicht, aber wir freuten uns dessen gar sehr. Die Schützengilde bestand ausschließlich aus den wohlhabenden christlichen Bürgern, die in ihren grünen, am Kragen mit Silber gestickten Röcken und mit ihren Schießgewehren gar stattlich aufzogen und deren Fest sich auf dem großen Schützenplatze zu einem Volksfeste gestaltete. Hinter Barriören waren Buden aufgestellt mit Carroussels und konnte man in jenen gegen kleinen Einsatz Tassen, Gläser und dgl. gewinnen. Ich war ein Glückskind und trug manches schöne Geräth — schön erschien es vor Allen mir — nach Hause,

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