Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1887)
- Date
- 1887-11-17
- Page
- Seite 732 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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732 ergriffen hat, und hatte eine viel größere Behaglichkeit in seinem Heim und Zufriedenheit mit seinen Umgebungen, die man gewöhnlich überschätzte. Doch genug der Vorbemerkungen. Ich bin am 28. December 1811 zu Dessau geboren*). Man ist jetzt allgemein der Ansicht, daß die Beschaffenheit des Landes auf den Charakter, den Bildungsgang und die Geschichte eines Volkes den bestimmenden Einfluß übt. Entschiedener noch haben die Umgebungen des jungen Menschen ihre mächtige Wirkung auf die Entwickelung desselben. Sehen wir uns daher den Boden etwas näher an, aus welchem ich erwachsen sollte. Man hat mit Recht der deutschen Kleinstaaterei viel Nachtheiliges für das große Vaterland und für die Volksstämme, die es bewohnen, nachgesagt. Aber einige vortheilhafte Wirkungen kann man ihr nicht absprechen. Namentlich wurde durch sie herbeigeführt, daß eine nicht geringe Zahl von Residenzen Mittelpunkte der Bildung, wissenschaftlicher und künstlicher Bestrebungen wurden, von welchen geistiges Leben in weitere Kreise drang, während in anderen Ländern alle geistigen und materiellen Kräfte nach einem großen Centrum flössen, und die Provinzen bis heute vernachlässigt und zurück blieben. So war unser kleines Dessauer Herzogthum, das erst später durch Köthen und Bernburg zum stattlichen Anhalte geworden ist, ein Juwel in der Reihe deutscher Kleinstaaten. Wohl organisirt und trefflich verwaltet, bot es besonders dem hochsinnigen Friedrich Franz, dessen Regierung sich über ein halbes Jahrhundert erstreckte, die Gelegenheit, es in einen wahren Garten zu verwandeln. Durch ihn, den Freund Goethes und den Beschützer Matthisson's, wurden außer den wohlgepflegten Waldungen und den fruchtbaren Fluren ringsum die Stadt herrliche Parke und Gärten mit Schlössern, in welchen Kunstwerke gesammelt waren, hergestellt, und alle diese waren dem Publikum zu aller Zeit völlig geöffnet. Diese Anlagen, namentlich die zu Wörlitz uln einen geschmackvollen See herum, erfreuten sich damals eines solchen Rufes, daß selbst der französische Dichter Delille sie besang. In demselben waren auch Nachbildungen antiker Statuen vielfach angebracht, die, wenn auch in Sandstein, doch mit Sorgfalt ausgeführt waren. Selbstverständlich wirkten alle diese wohl gepflegten Anlagen frühzeitig auf die Entwickelung des Geschmackes, gaben dem jugendlichen Geiste Richtungen, die er später verfolgen konnte, und verliehen dem Volke einen gewissen Anstand, eine gewisse Würde, die auch nicht ohne sittlichen Einfluß waren. So erinnere ich mich aus meiner Jugend niemals, einem Betrunkenen begegnet zu sein; niemals hörte man von Mord oder Körperverletzung, höchst selten von Diebstahl, und was man sich davon im *) In meinen meisten Biographien wird der 27. December angegeben. Der Jrrthum schreibt sich aus dem Gemeindebuche der jüdischen Gemeinde her. Mein Geburtstag war der 12. Tebeth 5572, und dieser fiel auf den 28. Deeember. Volke erzählte, z. B. von der Ermordung eines Prinzen, der in einem entlegenen Schlößchen gewohnt, gehörte der vergangenen Zeit an. Nur das Bild eines schrecklichen Vorganges lebt noch in mir, nämlich einer Selbstmörderin, deren Leiche, nach damaliger Sitte, auf einer Schleife vom Nachrichter durch die Straßen zum Friedhofe transportirt ward. Es war dieß eine Jüdin und die Veranlassung eine unglückliche Liebe. Sie wurde abseitens an der Mauer begraben, unter einem Pflaumenbaum, von dessen Früchten Niemand mehr essen wollte. Welche Verschiedenheit von der Gegenwart! Humaner ist man gegen solche Unglückliche geworden, aber wie riesig ist die Zahl der Selbstmorde angewachsen! Die Stadt, von etwa 10,000 Seelen bewohnt, hatte breite, geradlinige, wohlgepflasterte und wohlbeleuchtete Straßen, an deren Enden mehrfach zu einem schönen Prospekt Anlagen von Bäumen, Büschen und Rasen angebracht waren. Nur der südöstliche Theil längs der Mulde hatte ältere, gekrümmte Straßen und bot einen weniger angenehmen Anblick. Wofür Friedrich Franz am meisten gesorgt, das waren die Schulen. Wir hatten ein gutes Gymnasium, gute Bürger- und Volksschulen, ein im griechischem Style erbautes Theater, eine Bibliothek von 40,000 Bänden; die Musik war unter der Leitung des berühmten Friedrich Schneider sehr gepflegt. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hatte der Herzog große Mittel auf den Versuch verwendet, die pädagogischen Ansichten Basedows zu verwirklichen. Das Philanthropin blühte eine Zeit lang unter diesem exaltirten Pädagogen, von tüchtigen Lehrkräften, z. B. Welkes unterstützt. Man erinnere sich des Zwischenfalls, daß die Leiter dieses Instituts an Mendelssohn die Aufforderung richteten, begüterte Glaubensgenossen zu veranlassen, ihre Söhne im Philanthropin erziehen zu lassen, und die Aussicht eröffneten, auch einen und den anderen jüdischen Lehrer anzustellen. Mendelssohn antwortete ablehnend. Zu meiner Jugendzeit war die Anstalt verschwunden, und ich erinnere mich nur, einige Hefte der Zeitschrift, die sie herausgegeben, als Knabe gelesen zu haben. So war für die Volksbildung, für Wissenschaft und Kunst, denn auch tüchtige Maler waren hier anzutreffen, in reichem Maße gesorgt. — Durch das ganze Ländchen waren schöne Kunststraßen, damals in Deutschland noch sehr selten, geführt, mit Pappeln und Obstbaumalleen als schattige Spaziergänge einladend. Nur schade, daß an den bald erreichten Grenzen des Landes diese Straßen aufhörten und man mit dem Balwalen des „Auslandes" in tiefem Sand waten mußte. So waren die Wanderungen in die Ferne beschwerlich und die Communicationen etwa mit Leipzig, Halle, Berlin recht ungünstige. Im Jahre 1813 hatten die Franzosen die Elbbrücke verbrannt, um den nachrückenden Preußen j den Marsch zu erschweren. Nach dem Frieden verlangte! Preußen die Wiederherstellung der Brücke, um der anzulegen-