Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1887)
- Date
- 1887-11-17
- Page
- Seite 731 (sequence 11)
- Language
- German
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731 nähme alle gesetzlichen Voraussetzungen des Verbrechens der Urkundenfälschung für gegeben erachtet und gegen den Angeklagten eine I4tägige Gefängnißstrafe in Antrag gebracht, der Gerichtshof dagegen schloß sich den Ausführungen des Bertheidigers, welcher die Handlungsweise des Angeklagten für nicht straffällig hielt, an und sprach ihn frei. — Aus Frankfurt a. M. theilt man mit: Herr Di-. Biberfeld, Lehrer an der Religionsschule der hiesigen Synagogengemeinde, ist von der israelitischen Gemeinde in Samter mit allen gegen eine Stimme zum Rabbiner gewählt worden. — Man schreibt aus Kassel, 3. November: Die „Cohnprocesse" haben nun ihr Ende erreicht. Bekanntlich hatte der Kaufmann Emil Cohn in Hamburg eine große Zahl deutscher Blätter verklagt, weil diese eine beleidigende Notiz über ihn gebracht hatten. Er erstritt auch eine Reihe obsiegender Urtheile, zog aber die übrigen Klagen zurück, als es sich herausstellte, daß die betreffende Nachricht zuerst in dem hiesigen antisemitischen „Reichsgeldmonopol" gestanden hatte. Gegen das gedachte Blatt klagt Cohn nun, und am 21. September wurde dessen Redacteur, Herr L. Werner, vom hiesigen Schöffengericht wegen öffentlicher Beleidigung zu einer Geldstrafe von M. 30 bestraft. Gegen das Urtheil hatte sowohl der Privatkläger, dem die Strafe zu gering war, sowie der Verurtheilte Berufung eingelegt, welche in der heutigen Strafkammersitznng verhandelt wurde. Das Ergebniß der Verhandlung war, daß der Berufung des Privatklägers stattgegeben und der Verklagte mit 100 Mark bestraft wurde. — Man schreibt aus Berlin vom 7. d.: Nach dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee wurde heute Vormittag die Leiche des königl. Commissionsrathes Gerson Bernstein, des bekannten Buchhändlers und Buchdruckers, vom Trauerhause, Zimmerflraße 94, aus übergeführt. Im Auftrag der Corporation der Berliner Buchhändler legten die Herren Pätel und Leonhard Simion einen Palmenwedel am Sarg nieder. Die Berliner Buchdruckereibesitzer ehrten das Andenken des Heimgegangenen Genossen ebenfalls durch Kranzspenden. Einen Lorbeerkranz mit blauer Widmungsschleife widmete die Loge Royal Jork. Andere Kränze waren eingegangen vom Verein der Danziger, von der Kranken- und Sterbecaffe der Berliner Buckhändler und Markthelfer und von den Angestellten des Bernstein'-! scheu Geschäfts. Unter den Leidtragenden befanden sich u. A. der Statistiker Reg.-Rath Böckh, der Major Alex. Duncker der Stadtverordnete vr. Neumann. Die Trauerrede iin Hause hielt Rabbiner Maybaum, auf dem Friedhof sprach Rabbiner Ungerleider den Segen. — Das Institut de Franee hat diesmal den Preis Volney dem Professor der Archäologie zu Mailand, Herrn G. As coli (Israelit) zugesprochen. — Jeuil Äug meiner Lnabenzeit. i. Wer einen Weg beschritten, muß ihn auch fortsetzen, schreibt mir mein Freund, um mich zu der Fortsetzung meiner „Erinnerungen", resp. zur Ergänzung derselben, aufzumuntern, d. h. wer A. sagt, muß auch B. sagen. Nun, es erscheinen jetzt so viele „Erinnerungen, Memoiren, Tagebücher und Briefwechsel", zumeist in dicken Bänden, daß meine bescheidenen Mittheilungen wohl mit unterlaufen mögen. So lasse sich der freundliche Leser gefallen, wenn ich ihm heute „meine Knabenzeit" vorüberführe. Eines gestatte er mir im Voraus zu bemerken: er braucht vor sentimentalen Ergüssen nicht bange zu sein. Allerdings lagerte über meiner Kindheit dunkles Gewölk; es kostete Mühe, sich wieder in die Höhe zu erheben. Aber die gütige Vorsehung hatte mir eine heitere Grundstimmung des Gemüthes beschieden, und so tief ich alles Leid und Weh, das uns betraf, empfand, so erhob sich doch stets meine Seele leicht darüber hinweg, sah das Schwere und Bedrängende als unvermeidlich, gewissermaßen | teton. als Natürliches an, von dem man sich nicht weiter Niederdrücken lassen müsse. Die Ideale, denen ich alle Zeit meines Lebens huldigte und die Arbeit meines Lebens widmete, trugen mich immer wieder auf ihren sonnenbeglänzten Flügeln in die Höhe und gaben so die Kraft, mitten in Trübsal schaffen und überwinden zu können. Ebensowenig kann ich mich als einen Lobredner der Vergangenheit (laudator temporis acti) darstellen. Ich meine nämlich von den verschiedenen Lebensaltern des einzelnen Menschen und so auch von den Zeitaltern, daß ein jedes seine Vorzüge und seine Nachtheile hat, keines ganz der Annehmlichkeiten und keines der Schäden bar ist. Obschon nun der Mensch wie die Menschheit einer fortschreitenden Entwickelung folgt, so entbehrt er doch in der vorhergegangenen Zeit der Entdeckungen und Erfindungen der folgenden nicht, weil er sie eben nicht kennt. So z. B. übernahmen wir ohne Klage all' die Beschwerden, welche bei der damaligen Beschaffenheit der Communikationsmittel dem Reisenden auferlegt waren. Man wußte es nicht anders. Dafür war man aber auch nicht von dem Reisefieber geplagt, welches jetzt alle Schichten des Volkes 46*