Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1887)
- Date
- 1887-11-17
- Page
- Seite 730 (sequence 10)
- Language
- German
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730 Rußland, (der erste ist der bekannte russische Eisenbahnkönig S. Poliakoff). Ferner wurde der Slaatsrath und älteste Redacteur des Centralstatist.-Comitos Dr. jur. A. Kaufmann zum „wirklichen" Staatsrath ernannt. — Dem Kertschenschen Stadtmedicus Dr. Segel wurde der St. Wladimirorden IV. Klasse verliehen. Außer diesen hohen Würdenträgern, wollen wir noch einige andere hier erwähnen. Wir fanden noch einen Glaubensgenossen außer dem Herrn Prof. Bakxt, der ein Mitglied des Ministeriums der Volksaufklärung ist, den wirklichen Staatsrath Di-. Hirschhorn als Mitglied des Gelehrten-Comiles in diesem Ministerium. Auch bei uns ist der Ober-Seeretär des dirigirenden Senats ein Jude: Herr Schafir und Heilfern, Juris-Consulent im Justizmini sterium, sind Juden. Das Finanzministerium, das Ministerium des Aeußern und des Innern zählen bereits Juden als Mitglieder. Moses Feinkind. Marokko. Tanger, im November. Die marokkonische Hafenstadt Tanger, deren Besitz vielleicht schon in naher Zukunft ein Zankapfel zwischen den Mächten bilden dürfte, hat eine Bevölkerung von 20,000 Seelen, in der alle Stämme Marokkos vertreten sind, und unter denen sich 7000 Juden befinden. Diese beschränken ihre Thätigkeit keineswegs auf den Handel, der sich zum größten Theil in ihren Händen befindet, sondern entfalten auch eine ausgebreitete gewerbliche Thätigkeit. Sie liefern die Schlosser, Goldschmiede, Graveure, Töpfer, Schneider, Bäcker, Schuster. Gerber, Zimmerleute und Maurer. Sie bauen ihre Häuser nach Art ihrer muhamedanischen Landsleute: fensterlos gegen die Straße, mit geschlossenem Hofe, gegen welchen Fenster und Thüren gerichtet sind. In Tanger hat man, so berichtet der k. k. Corvetten-Capitän Freiherr von Benko in dem nach den Berichten der entsendeten Kriegsschiffe bearbeiteten jüngst erschienenen Werke besonders mit zwei Factoren zu rechnen: mit dem Einflüsse der Cousuln und mit jenem der höchst rührigen und intelligenten israelitischen Kaufleute, welche ebensowohl auf commerziellem, als auch auf dem politischen und socialen Gebiete eine Macht sind." 1) Reise Sr. Maj. Schiffes „Zrinyi" in den Jahren 1885—86. Polo: Mlttheiiungen aus dem Geriete des Seewesens; Wien, Gerold, 1887. Bonn, 13. November. (Notizen.) Man schreibt aus Frankfurt a. Main vom 3. Nov.: Das Leichenbegängniß des Herrn Dr. Jako b Auerbach fand heute früh unter1 außerordentlich zahlreicher Betheiligung statt. Bor dem Leichenwagen schritten die obersten Klassen der Realschule der israelitischen Gemeinde; den Freunden, Collegen, früheren Schülern und Logenmilgliedern schloß sich eine große Zahl von Equipagen an. Am Sarge sprach zuerst Herr Rab-iner vr. Brüll, um des Verstorbenen Verdienste um die Wissenschaft des Judenthums und den geistigen Fortschritt seiner Glaubensgenossen, seine trefflichen Charaktereigenschaften und sein schönes Familienleben zu beleuchten. Herr Director vr. Baerwald legte Namens der Realschule der israelitischen Gemeinde einen Kranz mit roth-weißer Schleife nieder, indem er Auerbachs Thätigkeit als Lehrer vorzugsweise schilderte. Herr Gymnasialdirector Reinhardt spendete einen Kranz Namens des Lehrercollegiums des Gymnasiums: er zollte dem wissenschaftlichen Streben und dem liebevollen, lauteren Wesen des Verschiedenen hohe Anerkennung. Namens der Julius und Amalie Flersheimfichen Stiftung widmete Herr Dr. Kracauer eine Palme, Dr. Rießer einen Kranz Namens der Rießer-Stiftung; dann folgten die Logen zum „FrankfurterAdler" (Herr Ernst Rosenberg), Karl zum Lindenberg (Herr Lincker), Sokrates zur Standhaftigkeit (Herr Dr. Laquer) und die Großloge des eklektischen Bundes, der 14 hiesige und auswärtige Logen umfaßt (Herr Benjamin Reges). Am Grabe angelangt, wurde die Leiche von den Tönen eines Hornquartetts empfangen. Seitens der Loge zur aufgehenden Morgenröthe spendete Herr Rabbiner vr. Plaut dem verstorbenen, verdienstvollen Altmeister die üblichen Rosen. Abermals ertönten die Klänge der Hörner, und das Grab Auerbachs wurde geschlossen. — Man schreibt aus Darmstadt, 2. November: Ende August v. I. sollte in Pfungstadt der Vorstand der orthodoxen israelitischen Religionsgemeinde gewählt werden, wozu von zwei sich gegenüberstehenden Parteien zwei verschiedene Candidaten aufgestellt waren. Der Lehrer und Schächter David Bär Fleischmann, welcher unschlüssig war, welchem der beiden Candidaten er seine Stimme geben solle, erhielt am Tage der Wahl aus Darmstadt ein Telegramm, inhaltlich dessen er um 1 Uhr hierherkommen sollte. Dasselbe war mit „Marx", dem Namen des Rabbiners Dr. Marx unterzeichnet und Fleischmann glaubte nicht anders, als daß er zur Prüfung im Schächten bestellt sei. Hier angekommen, erfuhr er, daß er getäuscht und daß das Telegramm von Lippman Wolf, dem Schwager eines der Candidaten, aufgegeben worden war, um ihn (den Fl.) von der Ausübung seines Wahlrechts abzuhalten. Lippman Wolf hatte sich nun dieser Tage vor der hiesigen Strafkammer unter der Anklage zu verantworten, daß er in rechtswidriger Absicht und um einem Anderen Schaden zuzufügen, eine inländische zum Beweise von Rechten und Rechtsverhältnissen erhebliche Privaturkunde (nämlich das schon erwähnte Telegramm auf den Namen des Rabbiners vr. Marx in Darmstadt) fälschlich angefertigt und von derselben zum Zwecke einer Täuschung Gebrauch gemacht habe. Die Staatsanwaltschaft hatte auf Grund der Beweisauf-