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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-17 · Heft 46 (17.11.1887) · p. Seite 724

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 46 (17.11.1887)
Date
1887-11-17
Page
Seite 724 (sequence 4)
Language
German
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724 erfüllen, da verblassen diese niederen Leidenschaften auch nach Jahrzehnten nicht, und machen sich bei Gelegenheit, die jedoch nicht selten nur vom Zaune gebrochen wird, in Schmähungen und Verleumdungen Luft. Für jeden Unbefangenen ist dies aber nur ein Selbstzeugniß, daß der Schmäher schwer verwundet, daß er überwunden worden. Diese allgemeinen Sätze kamen uns in den Sinn, als wir das „Beiblatt zu Nr. 301 des Wiener Vaterland" lasen, welches uns ein Freund zugesandt hatte. In demselben ist ein Artikel „Zornesausbrüche eines ingrimmigen Fanatikers v. S. Brunner" und ist sicherlich diese Ueberschrift aus der innersten Seele des Verfassers geflossen. Sebastian Brunner, Priester, war der ehemalige Redacteur der — wie wir glauben — ehemaligen „Wiener Kirchenzeitung." Als solcher hat er unzählige Male gegen Judenthum und Juden in einer Weise gewüthet, daß sowohl unser alter Wiener Correspondenl, als auch wir selbst in nachdrücklicher Weise zur Abwehr schreiten mußten. Dies kann uns der alte Fechtkünstler nicht vergessen. Wahrscheinlich ärgert es ihn auch gar zu sehr, seine „Kirchenzeitung" geschwunden und die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" noch immer floriren zu sehen. Da nimmt er denn, ohne von unserer Seite, die wir seiner längst vergessen haben, irgendwie provocirt zu sein, Gelegenheit, in dem oben angeführten Artikel, in dem er über Andere seine Galle ergießt, auch über uns in der schmählichsten Weise herzufallen. Leider ist es in der Gegenwart, namentlich in Deutschland, zu dem schroffsten und verbittertsten Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten gekommen, und macht sich dies in der Literatur sehr bemerklich. Gemeine Naturen machen sich dies zu Nutze und bezeichnen aus den persönlichsten Zwecken das, was ihnen selbst mißfällt oder zu Leibe geht, als aus der betreffenden Confession geflossen. Lasen wir doch jüngst bei einem Autor, der sich selbst als katholischen Geschichtsschreiber aufspielt, daß der in allen civilisirten Ländern anerkannte und verehrte Ranke um der Ehren und des Geldgewinnes wegen die Geschichte gefälscht habe!!! Selbstverständlich werden nun auch Judenthum und Juden von solchen gifterfüllten Schriftstellern als confessionelle Feinde behandelt und in der diesem Genre von Schreibern längst eigenen Manier mit falschen, zum Theil ganz erlogenen Behauptungen überschüttet. Sehen wir uns nun den Artikel des Sebastian Brunner an. Er beginnt damit, den neuen „Evangelischen Bund" „der Verlogenheit und Verleumdungssucht" zu bezichtigen. Dann fällt er über die Conversationslexika her, weil sie ihn, den Brunner, „als einen wüthenden Fanatiker" bezeichneten, und führt als Beleg das neue Conversationslexicon von Krause und Meyer, das Jllustrirte und das Brockhaus'sche Conversationslexicon wörtlich an. Hierbei identificirt er sich selbst mit dem Ultramontanismus, später sogar mit dem Christenthum. Man kann sich vorstellen, wie die Mitarbeiter dieser Lexika von Brunner behandelt werden, weil sie ihn als einen wüthigen Fanatiker bezeichnet hatten, während sie doch in der That nur ihm selbst folgten, der alle seine Gegner als fanatische Feinde des Katho-- licismus oder des gesammten Christenthums hinzustellen pflegt. Aber seinen vollen Ingrimm läßt er über das literar-historische Lexicon in vier großen Bänden von Kurz aus, weil er glaubt, daß jene aus diesem ihre Urtheile gezogen hätten. Er nennt ihn „den tanzenden Literaturderwisch", einen „Henkersknecht". Brunner kommt bei ihm nicht gut weg, und dafür muß dieser ihn, Jahrzehnte nach seinem Tode — er kann sich ja nicht mehr vertheidigen — mit Schimpf und Spott niederwerfen. Hierbei läßt Brunner zugleich seiner Wuth gegen Ullrich von Hutten, gegen Schiller und Goethe — hier Hand in Hand mit der „Protestantischen Kirchenzeitung" — freien Lauf, ebenso gegen Herder, Paulus, Schleiermacher, Strauß und endlich gegen Heine. Was seinen Aerger erst recht aufregt, ist, daß „die Kurz'sche Literaturgeschichte, ein Schand- und Brandwerk den Katholiken gegenüber, auch auf katholischen Gymnasien verbreitet ist." Daß sie aus diesem verschwinde, dazu fordert er die betr. Behörden nachdrücklich auf. Unsere Leser werden nun fragen, wie kommt aber Brunner auf den Redacteur dieser Zeitung? Ganz einfach, weil Kurz in seinem großen Werke unser lobend gedenkt. Mit einem Sprunge macht er sich von Schiller und Goethe und den anderen, die er haßt, los, und wirft sich auf uns. Er sagt: „Wie nun Kurz alle (?!) katholischen Prediger verschimpst, so lobt er dagegen den Herausgeber der Judenzeitung, RabbinerPhilippson, als Prediger!! (Aber auch unsere anderen Schriften, besonders die poetischen lobt Kurz.) Einen Juden, der im Ueberschwang seines Christenhasses und seiner Unverschämtheit offen in seiner Zeitung ausgesprochen:daß er es auf die Vernichtung des Christenthumes und aller christlichen Institutionen abgesehen hat". — In diesen Worten ist eine bodenlose Dummheit und Verlogenheit enthalten. Die letztere, weil wir dergleichen niemals ausgesprochen haben. Wir möchten Brunner auffordern, uns nachzuweisen, wo wir dies gesagt hätten — wenn wir mit diesem Menschen überhaupt Etwas zu thun haben wollten. Eine bodenlose Dummheit, ein Blödsinn, der an Irrwahn grenzte, wäre es, einen solchen Ausspruch zu thun. Gewiß, Jemand, der „die Vernichtung" eines Religionsbekenntnisses, welchem über 400 Millionen Menschen angehören, und aller seiner Institutionen sich zutraut, und dies als das bezeichnet, „worauf er es abgesehen habe," gehört in das Irrenhaus. Nun mag wohl Brunner in seiner Leidenschaftlichkeit einem solchen Wahne gegenüber dem Judenthume manchmal verfallen gewesen sein — wir unsererseits haben uns unseren gesunden Menschenverstand immer zu wahren gewußt, und so mag es gekommen sein, daß Brunner, wie dies psychologisch ist, in seiner Seele mit

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