Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1887)
- Date
- 1887-11-17
- Page
- Seite 723 (sequence 3)
- Language
- German
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723 miten hervorhebt. Er sagt hierüber: „Das Gebet des erschreckten oder bestürzten Menschen gestaltete sich damals nach zwei Theologien sehr verschieden. Der Arier, wenn er in Gefahr ist, richtet sich an das Element, welches ihn bedroht, oder an den betreffenden Gott, der dieses Element regiert. Auf dem Meere fleht er Poseidon oder Neptun an. Wenn er krank ist, thut er dem Asklepios Gelübde. Für die Ernten bittet er Demeter oder Ceres. Bei den Galliern gab es fast ebenso viele kleine Götter, wie es medicinische oder thierarzneiliche Specialitäten giebt. Die Anzahl der Götter wird auf diese Weise enorm groß; jeder dieser Götter hatte einen Namen wie eine bestimmte Persönlichkeit. Der Semit hingegen fleht in allen Fällen ein einziges Wesen an; sei er auf dem Meere oder im Kriege oder durch ein Unwetter bedroht oder die Beute einer Krankheit, sein Gebet steigt zu demselben Gotte empor. Ein einziger Herrscher beschäftigt sich mit Allem. Dieser Herr trägt verschiedene Namen je nach den Stämmen. Hier heißt er El, oder Alon, oder Etoah; dort Elion, Schaddai, Baal, oder Adona'i, Ram, Milik oder Moloch; aber diese Namen bedeuten alle im Grunde dieselbe Sache; dies sind fast Synonyme; sie bedeuten alle „der Herr", oder „der Höchste", oder der „Allmächtige", sie bezeichnen eine besondere Hoheit. Es sind! verschiedene Worte, nicht verschiedene Götter. Ueberall ist es; der höchste Herr des Weltalls, welcher unter diesen scheinbar! verschiedenen Namen verehrt wird." Man kann sich dieserj klaren Darstellung nur freuen, gegenüber den Hellenomanen,; welche in den religiösen Anschauungen der Hellenen durchaus den Monotheismus finden wollen, so sehr alle Thatsachen dem widersprechen. — Unter nomadisirenden Semiten versteht Renan den hebräischen Stamm und die arabischen Stämme, und deßhalb vermischt er irrthümlich die religiösen Begriffe jener mit diesen, um etwas Einheitliches herauszubringen. Auf diese Weise entwickelt er, daß diese semitischen Stämme dahin gelangt wären, daß jeder Stamm einen Nationalgott hatte, der ihn beschütze, zugleich aber auch die Götter der anderen Stämme anerkenne, innerhalb der Landschaft, in welcher er verehrt wurde. Nun ist es wahr, daß der Gott, den Israel anbetete, nach der h. Schrift Israel als Religionsvolk erwählt und seiner besonderen Leitung unterzogen habe. Aber eben nur zu diesem besonderen Zwecke, denn überall in der h. Schrift ist er der Gott des Weltalls, die Vorsehung, welche über alle Völker bestimmt.! Dies besagt schon Abraham (1 Mos. 18, 25) und ist für | alle Zeiten des alten Israel in dem Psalmvers ausgedrückt: „Warum sollen die Völker sagen (bei dem Unglück Israels): Wo ist denn nun ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel und auf Erden, Alles, was er will, das thut er" (in allem Geschick ist die Waltung Gottes anzuerkennen). Die arabischen Stämme aber waren keine Monotheisten; sie beteten die Sterne an und erachteten ihre Geschicke unabwendbar von diesen bestimmt. Hinsichtlich der Hebräer, auch in der patriarchalischen Zeit, müssen wir immer erkennen, daß sie zwar an das Dasein von Engeln glaubten, diese aber mit der Gottheit selbst nicht verwechselten. Sie nannten sie Malach, d. h. Bote Gottes, ein „Bote" ist aber niemals identisch mit dem, der ihn sendet. Sie führen seine Befehle aus und bezeichnen also kindlicher Weise das Wirken oder Erscheinen Gottes in einer den Sterblichen auffallenden Action, um so die Gottheit selbst vor aller Berührung mit dem Sichtbaren oder Menschlichen zu bewahren. Diese Ansicht ist nicht bloß etwa die unsrige, sondern wird von vielen Forschern getheilt, s. z. B. Fürst Lex. s. v. Sagt doch auch Renan S. 40: „Die nomadisirenden Semiten waren sicherlich unter den alten Völkern, die uns bekannt sind, am wenigsten zum Götzendienste verleitet, am wenigsten den groben Praktiken der Zauberei ergeben"; und S. 42: „Eine Art frühzeitigen gesunden Menschenverstandes bewahrte diese Rasse vor den Chimären, in welchen andere menschliche Familien bald ihre Größe, bald ihre Vernichtung fanden"; und: „Das Zelt des semitischen Patriarchen war der Ausgangspunkt des religiösen Fortschrittes der Menschheit." Diese unbefangene Anerken* nung müssen wir Renan hoch anschlagen, da sie nur selten ist, und wir sehen ihm deshalb noch einen kleinen Jrrthum nach, welchen er am Schluffe des Kapitels in seiner Vermischung des hebräischen und der arabischen Stämme begeht. Er meint nämlich, daß „der Nomade, welcher der religiöseste unter den Menschen, zugleich der wenigst religiöse ist. Sein Glaube ist der stärkste, den es giebt; derselbe hat zwei Mal die Welt besiegt, und dennoch, die Dinge äußerlich beurtheilt, möchte man sagen, daß seine Religion eine Art Minimum sei. Er hat keine Bildsäulen, keine Tempel." Dem gegenüber müssen wir geltend machen, daß schon Abraham, wohin er kam, an jedem Standorte „einen Altar erbaute und den Namen des Ewigen anrief." Was die allgemeinen Reflexionen Renan's über den Ursprung der Religion im Menschengeiste betrifft, so lassen wir sie, obschon sie uns wenig zusagen, hier auf sich beruhen, und wollen nur bemerken, daß die heilige Schrift selbst den Ursprung der Religion und des Cultus nicht in der Furcht vor Unfällen, sondern in der Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten findet (1 Mos. 4, 3. 4). (Fortsetzung folgt.) Eine Erklärung. Ehrliche Kämpen, wenn sie in späterer Zeit eines früheren Gegners gedenken, thun dies mit Achtung. Sie haben mit ihm gestritten, haben Hiebe empfangen und ansgetheilt, und wie auch der Kampf ausgefallen, die Zeit ist darüber hinweggegangen. Wo aber Haß und Rachedurst die Seele 4tz*