Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1887)
- Date
- 1887-11-17
- Page
- Seite 722 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227710--44856-3267160- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
722 hängen, daß die so sehr verschiedenen Sprachfamilien doch wieder eine unleugbare Verwandtschaft zeigen. Ihm erscheint die Sprache als die wesentlich entscheidende Institution für die Rasse. Mehr als die Religion, die Gesetzgebung, die Sitten und Gebräuche, ist es die Sprache, welche, Jahrhunderte hindurch gesprochen, auch die Rasse bestimmt. Hier hören wir den Renan bei dem Beginn seiner Schriftstellerei wieder heraus. Nun, das alte Israel war allerdings seiner Sprache nach semitisch. Aber seit fast zwei Jahrtausenden haben die Juden die hebräische und dann die aramäische Sprache als Muttersprache, also auch in ihren Familien aufgegeben und die Sprachen der Länder angenommen, in welchen sie wohnten. Nur noch als Gelehrten- und als Gebetsprache verblieb sie ihnen, sonst sprachen und sprechen sie griechisch, lateinisch, arabisch und alle die modernen Sprachen, und verfaßten in denselben auch viele gelehrte Werke. Nach diesen geschichtlichen Umständen kann man sie gar nicht mehr als; Semiten betrachten. Nachdem Renan die Existenz der Arier und der Semiten seit uralter Zeit constatirt hat, schließt er, daß die Arier in der Familie, die Semiten im Stamm wurzelten. Es ist dies wieder eine schematische Illusion, um eine Antithese zu Stande zu bringen, welche doch der Geschichte ebenso wie dem Begriff widerspricht. Denn was ist Stamm? Doch nichts Anderes, als die erweiterte Familie, indem man bei der Vermehrung der Glieder der Familie und nachdem diese eigene Familien gegründet haben, das Familienband nicht fallen läßt, sondern in einem gewissen Maße auf alle diese verwandten Familien überträgt. Somit ist die Stammesbildung erst recht das Produkt des Familienlebens eine Befestigung des letzteren. Wie bei den „Bene- Israel" die Stämme aus der Familie erwuchsen, erzählt uns die h. Schrift und stellt uns so jedenfalls den ganzen Pro^ eeß dar. Ja, auch das Volk bewahrte den Familiencharakter, da es sich die „Söhne Israels" nannte. Andrerseits pflegten auch die Arier die Stammesabtheilung. Bei den Indern erwuchsen aus den Stämmen die durch Jahrtausende bis heute aufrecht erhaltenen Kasten, und die Hellenen theilten sich in Stämme, die sich oft genug feindlich bekämpften; und diese Stämme zerfielen wieder in Unterstämme, so daß jede bedeutende Stadt einen besondern Stamm beherbergte. — Hinsichtlich der Religion schließt Renan: „Die primitive Religion des Ariers war eine zügellose Vielgötterei (un po lytheisme effrene). Seit den ältesten Zeiten hatte der semitische Patriarch eine geheime (?) Tendenz zum Monotheismus oder wenigstens zu einem einfachen und verhältnißmäßig vernünftigen Cultus." — Im zweiten Kapitel „die nomadisirenden Semiten", entwirft Renan ein Bild von den Sitten derselben, wozu er die einzelnen Züge aus den Erzählungen des ersten Buches Moses entnimmt. Er sieht diese Berichte nicht als historisch an, aber als einen getreuen Spiegel der damaligen Verhältnisse. Uns scheint, daß er hierdurch diesen Erzählungen einen noch höheren geschichtlichen Werth beilegt, als wenn er ihren Inhalt für thatsächlich hielte. Das Bild ist allerdings nicht vollständig; er vergißt z. B. die Gastfreundschaft, welche von jenen für eine so heilige Pflicht erachtet wurde, daß man mit seinem eigenen Leben für die Sicherheit seines Gastes einstehen mußte; ferner die Unterstützung, die ein Stamm dem anderen im Kriege schuldig war, wobei es rechtens war, daß der Bundesgenosse die zurückeroberten Güter des anderen Stammes behalten konnte, während er die aus der Gefangenschaft befreiten Menschen freilassen mußte. Unter den obwaltenden Verhältnissen konnten nach Renan Wissenschaft und Kunst aus diesen nomadisirenden Semiten nicht hervorgehen, wohl aber die Religion und die Poesie. Hierzu müssen wir bemerken, daß nach der heil. Schrift auch die Musik und selbst die Bearbeitung des Erzes bei ihnen erstanden. *) Hinsichtlich der Religion meint Renan, daß diese auch die Sittlichkeit, wenn auch noch eine „rudimentäre"2) schuf, und schließt das Kapitel mit den Worten, „durch diese Art, die Religion zu verstehen, geschah es, daß unsere ernsten Hirten allen Völkern ihrer Zeit voranstanden; hierdurch nehmen sie einen Platz ersten Ranges in der Geschichte der Menschheit ein." Diesen Gedanken verfolgt nun unser Autor in den folgenden Kapiteln. Zuvörderst versucht er, wie er im zweiten Kapitel die socialen Zustände der nomadisirenden Semiten geschildert, so im dritten „religiöser Beruf der nomadisirenden Semiten", deren religiöse Ansichten zu zeichnen. Charakteristisch ist es hier, daß Renan, trotzdem er den Monotheismus derselben scharf betont, doch schwankend bleibt über die Pluralität oder die Einheit des „Elohim", so daß er selbst diese Bezeichnung der Gottheit im Verlaufe des Kapitels bald mit dem Plural, bald mit dem Singular verbindet, oder wenn er des Singulars sich bedient, den Plural in Parenthese hinzufügt. Und dock ist ihm die Bedeutung als Gott des Universums, durch welchen die Natur wie die Geschicke der Menschen geleitet werden, nicht zweifelhaft, und während er den Polytheismus der Arier betont, im Gegensatz den Monotheismus der Seih 1 Mos. 4, 2 L 22. 2) Unter Anderem sagt Renan (S. 16): „Die Solidarität des Stammes war eine absolute. Die Gerechtigkeit der Einen machte die Gerechtigkeit der Anderen aus, das Verbrechen der Einen war das Verbrechen der änderen." Er bezieht sich hierfür auf 1 Mos. 18. Allein die Darstellung in diesem und dem folgenden Kapitel erweist nichts Anderes, als daß ein entartetes Volk, eine entartete Gemeinschaft untergeht, wenn eben Laster und Verbrechen in ihr die völlige Obherrschast erlangt haben. Nun, dies ist eine durch d e Geschichte vtel bewährte Wahrheit. Renan macht hierzu nun die Bemerkung: „Bei den Hebräern war Ezechiel der erste, der diesen schweren Jrrthum bekämpfte." Man sollte doch nickt glauben, daß ein Schriftkundiger wie Renan nicht w ssen sollte, daß es 5 Mos. 24, 16 heißt: „Nicht sollen getödtet werden Väter um Kinder, und Kinder nicht getödtet werden um Väter, jedweder für seine Schuld sollen sie getödtet werden."