Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1887)
- Date
- 1887-11-10
- Page
- Seite 714 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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setzt, daß es aus der Hetzerei hier nichts werde, doch sollten sich die Israeliten nicht jedesmal nach ihrer Ankunft im Lande zu den Liberalen schlagen. Nun aber warten die Juden, wenn sie sich überhaupt mit Politik abgeben, ruhig ab, bis sie die Staatsangehörigkeit erlangt haben; alsdann gehen sie fast ausnahmslos zu den Gemäßigtliberalen. Daß man ihnen zumuthet, bei der schließlich unausbleiblichen Wahl einer Partei sich für die clericale zu entscheide», ist doch starker Tabak. Es soll das zwar einmal vorgekommen sein, jedoch nicht hier, sondern in Frankreich, unter der „moralischen Ordnung". Einer der Rothschilde hatte sich nach dem 16. Mai zum Candidaten des Marschalls Mac Mahon aufstellen lassen und warb um die Stimme eines seiner Pächter. Der Bauer schlug das Begehren ab, weil der Herr Baron clerical sei. Als dieser lachend abwehrte, er sei ja ein Jude, gab der verschmitzte Bauer zur Antwort: „Aber clerical sind Sie doch!" Der Pächter soll seinen Witz gar nicht zu bereuen gehabt haben. Es versuchte aber einmal ein belgischer Bauer es mit so vieler Freiheit einem clericalen Gutsherrn gegenüber. Die schlimmsten Juden sind eben nicht immer diejenigen, welche man meint, und die hiesigen Israeliten — es sind ihrer nicht zu viel und nicht zu wenig — tanzen den Tanz um's goldene Kalb nicht rasender als ihre Mitbelgier. Einige haben es in der Politik zu hohen Stellungen gebracht und Herr Montefiore macht sowohl als Senator wie als Menschenfreund seinem Namen Ehre. Die aus Deutschland kommen, bringen nunmehr häufig deutsche Gesinnung und Erziehung mit, namentlich wenn sie den höheren Gesellschaftskreisen bereits angehören, und unsere hohe Bank hat schon manchmal dazu beigetragen, eine goldene oder papierne Brücke von Brüssel nach Berlin zu schlagen. Daß die Israeliten auch bei Hose nicht unwillkommen sind, ist wohl daraus zu erklären, daß der König der Belgier bei den allein von Christen oder solchen, die es sein könnten, geleiteten Bankinstituten für das Congo-Unternehmen die nöthige Unterstützung nicht fand. Im belgischen Staatsdienst, wo ein so thätiger Menschenschlag doch keine Befriedigung fände, sowie in der Presse sind nur wenige Israeliten thätig. Kurz, der Antisemitismus ist hier ein lustiges Ding, er erheitert Juden und Christen. Rußland. Petersburg, 27. October. Es wird der „Franks. Ztg." berichtet: Die hiesigen Antisemitenblätter haben von der Censurbehörde ein Circular erhalten, wonach ihnen verboten wird, die Scmitenfrage überhaupt zu berühren und das Wort Shid d. h. Jude hetzerisch zu gebrauchen. Dieses Verbot wird durch finanzpolitische Rücksichten erklärt und als von dem Finanzminister Wischnegradsky ausgehend bezeichnet. Petersburg, 25. October. Das in Moskau erscheinende illustrirte antisemitische Journal „Gazeta Gatzuka" wurde wegen gegen die Juden gerichteten Hetzereien auf die Dauer von acht Monaten suspendirt. Rumänien. Bukarest, im October. Abermals ein wüthender Antisemit an den Pranger gestellt! Der Deputirte Butculesco, der Präsident der rumänischen Corporativgesellschaften ist von dem Comits der nationalen Ausstellung angeklagt worden, daß er sich aller Einnahmen der Ausstellung der Taxen für Eintrittsbillete, der Taxen für die Plätze, die den Ausstellern angewiesen wurden, und anderer bemächtigt habe, ohne dazu die Vollmacht zu haben und ohne eine Rechenschaft abzulegen, trotz der zahlreichen Aufforderungen, die deshalb an ihn ergangen sind. Eine noch viel belastendere Anklage ist von demselben Comits gegen diesen Phrasenhelden erhoben und bereits beim Untersuchungsrichter anhängig geworden. Demnach besorgt man, daß bei den Verbindungen, die der Mann nach oben hat, Alles versucht werden würde, um seine Schuld abzuschwächen. Die öffentliche Meinung aber läßt sich hiervon nicht beirren. Bonn, 6. Nov. (Notizen.) Wie uns aus Breslau vom 28. Oct. geschrieben wird, feiert Prof. vr. Graetz am 31. Oct. seinen 70jährigen Geburtstag. Er wird festlich begangen werden, und durch eine Sammlung soll eine Stiftung zu Ehren Graetz' begründet werden. Geboren ist Prof. Graetz am 31. Oct. 1817 in Zerkowo. — Die Freifrau Abraham von Oppenheim in Köln, die vor Kurzem verstarb, hat unter anderen bedeutenden Legaten 150,000 M. der Stadt vermacht, deren Zinsen an ihrem Sterbetage zur Hälfte an jüdische, zur andern an christliche Arme vertheilt werden sollen. — Die „Franks. Ztg." berichtet: Heute Vormittag kurz nach 11 Uhr verschied ohne vorausgegangene Krankheit plötzlich in Folge eines Schlaganfalles Herr vr. Jacob Auerbach. Er war am 14. November 1810 geboren, erreichte also fast das 78. Jahr. Sein Geburtsort war Emmendingen im Großh. Baden. Nachdem er das Pädagogium in Carlsruhe besucht hatte, bezog er die Universität Heidelberg, mußte aber sein Studium aus Mangel an Mitteln unterbrechen. Bon seinem Vetter, dem Dichter Berthvld Auerbach, wurde er bald wieder zur Vollendung seiner Studien nach Heidelberg gerufen; die Freundschaftsbanden, die sich damals zwischen den jungen Leuten knüpften und durch Verschwägerung noch verstärkt wurden, dauerten fürs ganze Leben. 1835 wurde er als jüdischer Religionslehrer nach Wiesbaden berufen; dort lernte er den Rabbiner vr. Abraham Geiger kennen, schätzen und lieben. Verwandt