Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1887)
- Date
- 1887-11-10
- Page
- Seite 713 (sequence 9)
- Language
- German
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713 Gösser-Insterburg und Rechtsanwalt Gutfeld-Ortelsburg wer» den wieder gewählt. Nach einem warmen Danke an den Vorsitzenden, den Gutfeld-Ortelsburg für die umsichtige Leitung der heutigen Verhandlungen ansspricht, schließt der Verbandsvorsteher die etwa vierstündigen Verhandlungen mit dem Wunsche, in den Gemeinden dahin wirken zu wollen, daß auch in deren Verwaltung der Geist der Einigkeit, der selbstlosen Hingabe zur Herrschaft gelange, der bei den heutigen Verhandlungen gewaltet habe. Um 5 Uhr fand ein Festmahl statt, an welchem etwa 60 Personen aus Stadt und Provinz theilnahmen. Jnowrazlaw, 23. October. Unsere Bürgerschaft wird durch immer neu gemeldete Erkrankungsfälle an Trichinosis in fortwährender Aufregung erhalten. Ein jüdischer, streng nach dem Ritus lebender junger Mann liegt ebenfalls an der Trichinosis krank darnieder. Gestern begab sich ein Amtsrichter mit seinem Secretär zu jeder an Trichinose erkrankten Familie, um über die einzelnen Krankheitsfälle und deren Verlauf ein Protocoll aufzunehmen. (Verhielte sich die Sache wirklich so, so würde damit der Beweis geführt, daß die Trichinen auch in, vom jüdischen Gesetze erlaubten Thieren Vorkommen. Allein ein Fall beweist nichts, denn es ist möglich, daß der „junge Mann" doch nicht so orthodox ist, wie man glaubt, oder daß er unbewußt und irrthümlich etwas genossen hat, was verboten. Redaet.) Nachschrift. Der junge Mann ist unterdeß verstorben. Oesterreich-Ungarn. Wien, 28. Ociober. (Privatmitth.) Die hiesigen Antisemiten sind in steten Verlegenheiten: mit direkten Anträgen gegen die bürgerlichen Rechte der Juden dürfen sie nicht kommen, das würde betreffs der Consequenzen im Volke Bedenken erregen — sie suchen sich deshalb mit indirecten Mittelchen zu helfen, uw ihren Anhängern zu erweisen, daß sie noch existiren. Sie wollen dem Handel beikommen, und dadurch die Juden treffen. Die Thoren, als wenn dies nicht auch die christlichen Geschäftsleute und das Publicum überhaupt träfe. So brachten sie in der vorigen Session einen obentheuerlichen Börsensteuergesetzentwurf ein, der nicht einmal zur Verhandlung kam, da sie nicht einmal die erfor derlichen 20 Unterzeichner fanden. Jetzt haben sie einen Antrag aufi eine Steuer auf die Waarenbörse eingebracht. Es wird ihnen damit ebenso ergehen. Das schadet nichts, sie wollen sich doch nur bemerklich machen. So aussichtslos ist all' dies unsinnige Treiben! Pest, 23. October. (Privatmitth.) Wie in früheren Jahren wurde auch dieses Jahr Moritz Wahrmann vom Abgeordnetenhause wieder zum Mitgliede der Delegation gewählt; in derselben ist er dieses Jahr der einzige Jude. Frankreich. Paris, 28. Oct. Der Budgetausschuß hat beschlossen, das Cultusbudget gänzlich zu streichen. Bekanntlich geschah dies schon im Vorjahre, ohne daß die Kammer ihre Zustimmung gab, was hoffentlich auch diesmal geschieht. Jedenfalls sieht man, daß in Frankreich das Damoklesschwert über dem Cultusetat, also auch über dem für den israelitischen Cultus schwebt. Paris, 20. October. Der Budgetausschuß der franzözischen Deputirtenkammer hat wieder einen Schritt vorwärts in ihrer Feindschaft gegen die Religion gethan — er hat den Etat für die G efän gnißgeistli chen gestrichen! Er will — ersparen. Damit sind diese Geistlichen ihres amtlichen Charakters enthoben und finden keinen Einlaß in die Gefängnisse. Wenn die Kammer und der Senat diesen Abstrich genehmigen, so hört jeder Gottesdienst in den französischen Gefängnissen und jede seelensorgerische Belehrung und Zusprache für die Gefangenen aller Confessionen auf! Italien. Ram, 1. November. (Privatmitth.) Nach dem ultramontanen „Osasrvatore Cattolico“ hätte sich eine jüdische Deputation, aus drei Rabbinern und mehreren Notablen bestehend, nach Baveno begeben, um dem deutschen Kronprinzen ihren Dank darzubringen, daß er die antisemitische Bewegung in Deutschland wiederholt verurtheilt habe. Die Deputation sei jedoch nicht empfangen worden. Von dieser ganzen Sache ist hier durchaus nichts bekannt, was wohl hinlänglich beweist, daß sie eine bloße Erfindung ist. Zur Berichtigung, wenn etwa obige Nachricht in deutsche Blätter übergehen sollte, wird dies bemerkt. Belgien. Brüssel, 25. October. Die „Deutsche Neichszeitung", dieses den Clericalismus bis zum Extrem treibende Blatt, hatte einen Artikel „die Verjudung Belgiens" gebracht, welcher nach beliebten Muster von Uebertreibungen und Unrichtigkeiten strotzte. Wir hielten es nicht für nöthig, diesem Blatte zu entgegnen. Wer an dasselbe glaubt, läßt sich doch nicht belehren, und „getretener Quark wird breit, nicht stark", sagt Goethe. Nachdem aber das clericale „Antwerpener Handelsblad" durch Wiedergabe jenes Artikels versuchte, die ultramontan-antisemitische Sauce auch über Belgien auszugießen, übernahm es die „Köln. Ztg.", zu antworten. Wir heben Folgendes heraus: „Das clericale Antwerpener Handelsblad hat einen ergötzlichen Aufsatz aus der Deutschen Reichszeitung gebracht, worin die neue Lehre gegen die Hälfte der Belgier gepredigt wird, aber auch sofort hinzuge- 45 i