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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-10 · Heft 45 (10.11.1887) · p. Seite 711

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 45 (10.11.1887)
Date
1887-11-10
Page
Seite 711 (sequence 7)
Language
German
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711 Berlin, 2. November. (Privatmitth.) Wie man voraussetzen kann, ist die hiesige Welt jetzt nur von den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen erfüllt. Unsere hiesigen Glaubensgenossen Verhalten sich hierbei ganz ruhig, sind aber an sich von der lebhaftesten Theilnahme auf den Ausgang beherrscht. Auch die Antisemiten beobachten so ziemlich in der Oeffentlichkeit Stillschweigen. Sie wissen wohl, warum sie dies thun. Zu oft haben sie als Folgen ihres Lärmschlagens erfahren, daß sie von den conservativen Kreisen ausgeschlossen und dementirt werden. So aber werden sie von jenen in ihren Schoß ausgenommen. Die Cremer, Stöcker, Wagner, Henrici u. s. w. werden als selbständige Agitatoren anstandshalber von den Conservativen verleugnet; verhalten sie sich ruhig und agitiren nur als Mitglieder der Conservativen, so heißt man sie willkommen. Sie wurden deshalb von dem conservativen Wahlausschuß nicht verschmäht. In größter Verlegenheit befinden sich nun die Nationalliberalen. Sie haben im Grunde das Cartell mit den Conservativen nur für die Reichstagswahlen geschlossen. Jetzt überträgt man die politische Parteiagitation auch in die Berliner Communalwahlen hinein, und verlangt auch bei diesen Gefolgschaft der Nationalliberalen. Dadurch werden diese in eine Spaltung hineingedrängt, denn ein Theil derselben widersetzt sich hiergegen und zwar um so eher, als die jetzige Stadtverordnetenversammlung bei Besetzung von Stellen unparteiisch vorgegangen und tüchtige Nationalliberale in die von ihr zu vergebenden Aemter berufen hat. Ein anderer Theil will aber dem Willen der Conservativen folgen, um das geschlossene Bündniß nicht in die Brüche gehen zu lassen. Gerade hiervon werden auch gewisse jüdische Kreise berührt, welche sich den Nationalliberalen zuneigen. Man ist deshalb auf die Weiterentwickelung und den Ausgang sehr gespannt. Handelt es sich auch nur um ein Drittel der Stadtverordnetenversammlung, so würde doch ein Sieg der Conservativen auf eine zukünftige gänzliche Verdrängung der Freisinnigen aus dem Rathhause Hinweisen, und damit die Verwaltung der Stadt einen ganz anderen Charakter annehmen. Berlin, 3. Nov. (Privatmitth.) Nach einer Veröffentlichung der nationalliberalen Parteileitung werden die Nationalliberalen bei den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen mit den Conservativen stimmen. Der „Reichsbote" von der Stöcker'schen Richtung verspottet sie deßhalb, daß sie nunmehr „ihren jüdisch-freisinnigen Hausfreunden" den Lauspaß geben. Jede Sache hat ihre Entwickelung und geht Schritt vor Schritt weiter. Bei den Reichstagswahlen wurde wegen der Nationalliberalen der Antisemit Cremer einstweilen mundtodt gemacht; diesmal steht er vorn an und die Nationalliberalen drücken ihm die Hand. — Der deutsche Antisemitenbund, der sich die Propaganda für eine Sache zur Aufgabe macht, die vom deutschen Kronprinzen als „Schmach des Jahrhunderts" bezeichnet worden ist, will dem Kronprinzen zu seiner Genesung eine künstlerisch ausgestattetc Glückwunschadresse überreichen. — Es ist hier längst Sitte geworden, daß die alten Schüler irgend eines Gymnasiums oder einer anderen Lehranstalt einen geselligen Verein bilden. So haben auch die ehemaligen Zöglinge des Reichenheim'schen Waisenhauses eine Vereinigung gebildet und werden am 6. November eine Soirse mit Kränzchen abhalten. Es ist dieß ein Beweis, wie gemüthlich und kameradschaftlich die Zöglinge in diesem Waisenhause erzogen worden sind und kann eine solche Vereinigung ihren Mitgliedern nur nützlich sein. — Der Deutsch-Israel. Gemeindebund hat Nr. 17 seiner „Mittheilungen" herausgegeben. Wir werden Näheres daraus in nächster Nr. bringen. Siegen, 29. October. (Privatmitth.) Soeben wurde die heutige Nummer des „Siegener Volksblattcs" gerichtlich confiscirt. Sie hatte einen Artikel „Volksführer und Volksverführer" gebracht, der amtlich Anstoß erregte. Ueber dieses Thema hatte Stöcker eine Rede gehalten und unter derselben Ueberschrift der „Haardter Bolksfreund" einen Leitartikel gebracht, der darin gipfelte, daß Stöcker als einziger und wahrer Volksführer hingestellt, alle seine Gegner als Volksverführer in der diesem Redner eigenen Manier gebrandmarkt werden. Hiergegen erhob nun das „Siegener Volksblatt" einen sehr heftigen Widerspruch. Die amtsrichterliche Verfügung enthält, dem 8 27 des Preßgesetzes entgegen, weder die Stellen, die zu der Maßregel Veranlassung gegeben, noch die Angabe der verletzten Paragraphen des Strafgesetzes. Der Redakteur des beschlagnahmten Blattes hat deßhalb sofort Berschwerde erhoben. Wir möchten aber glauben, daß weniger die äußerst heftigen Auslassungen gegen Stöcker zur Beschlagnahme vcranlaßten, als vielmehr die Stelle über die Ausweisung des Abg. Singer aus Berlin. Die Sache hat hier viel Aufsehen erregt und man ist auf den Ausgang gespannt. Siegen, 1. November. Dem „Sieg. Volksblatt" ist auch die heute fällige Nummer beschlagnahmt worden. In dieser Nummer ist ein zweiter Artikel als Ergänzung des ersten enthalten gewesen, der außer dem Hofprediger Stöcker noch hiesige Personen in sein Bereich zieht. Die an Stelle der beschlagnahmten herausgegebene Nummer des Volksblattes hat für den angezogenen Artikel darin einen weißen Raum gelassen und in diesen folgende Erklärung ausgenommen: „Die heutige Nummer wurde ebenfalls wieder auf Anordnung des Amtsrichters Munter confiscirt, und zwar wegen angeblicher wiederholter Beleidigung des Stöcker, sowie des Redacteur Buchholz — und des Vorstandes der Erholung im Jahre 1885." Leipzig, den 23. October. (Privatmitth.) Der flüchtig gewordene Director der hiesigen Discontobank, vr. I e r u s a l e m,

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