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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-10 · Heft 45 (10.11.1887) · p. Seite 709

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 45 (10.11.1887)
Date
1887-11-10
Page
Seite 709 (sequence 5)
Language
German
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709 werden solle? Nach unserer Meinung aber kommt es hierauf viel weniger an, sondern was dem Religionsunterrichte am meisten Noth thut, ist — die Begeisterung des Lehrers, die Begeisterung, mit welcher der Lehrer die Religionslehre und die Geschichte unserer Religion vorträgt. Ohne die begeisternde Rede des Lehrers, die nicht etwa schwungreich, pathetisch, voll hoher Phrasen, sondern nur eine warme, tief innige und dem Schüler verständliche, ihn ergreifende und erwärmende zu sein braucht, ohne daß der Lehrende es verstehe, die kindlichen Seelen für die Lehren und Vorschriften der Religion zu entzünden, für sie mit Ehrfurcht zu erfüllen, ohne daß er mit scharfem Verstände und mit tiefer Empfindung zugleich sie mit der Ueberzeugung erfülle, daß nur in der Gottesfurcht, in der lauteren Anbetung Gottes, in einem tugendhaften Lebenswandel und in dem Bewußtsein, nach Pflicht und Recht zu handeln, das alleinige Glück, das Heil des Lebens zu finden sei, ohne sie dafür zu entflammen, in voller Hingebung für Religion und Tugendhaftigkeit alle Opfer zu bringen, die eigenen Leidenschaften zu überwinden — ohne alles dies kann der Religionsunterricht, welcher Methode er auch folge, welche Kenntnisse er auch seinen Schülern beibringe, keine wesentlichen und dauernden Erfolge erzielen. Wir wissen sehr wohl, daß der jüdische Religionsunterricht dem Zögling auch eine ansehnliche Masse von Kenntnissen, von religiösem Wissen zu übergeben habe. Aber alle diese sind doch nur Stifte in der edlen Mosaik der religiösen Bildung, Einzelheiten, die ihren Werth nur darin finden, daß sie an der rechten Stelle des religiösen Gesammtbildes und mit der erforderlichen religiösen Färbung, mit dem echten religiösen Geiste eingefügt sind. Er muß es vermögen, aus allen Gebieten, aus Natur, Geschichte, Vernunft und Herz das Ueberzeugende, Ueberwindende für Gott und dessen Lehre heranzubringen. Die Begeisterung des Lehrers muß eine zwiefache sein, die für Religion und Sittlichkeit selbst, und die für seinen Beruf, die religiöse und sittliche Bildung der Jugend, die Geistes- und Herzensbildung zu erwirken. Hegt er diese in seinem Gemüthe nicht, ja ist er nur seines Berufes müde oder gar überdrüssig, so wird seine sonstige Bemühung wirkungslos bleiben. Hier ist es aber, wo nicht bloß an den Lehrer, sondern auch an die Gemeinden und die Eltern die dringendsten Forderungen zu stellen sind. So lange die Gemeinden, insbesondere die mittleren und kleineren, von der Ansicht ausgehen, daß die Lehrer in völliger Abhängigkeit, in einer demüthigenden Stellung erhalten werden müßten, deshalb nur auf provisorische Anstellung eingehen und sogar, was noch immer bisweilen vorkommt, den alternden Lehrer zu beseitigen suchen — so lange wird man dem Lehrer die Freudigkeit seines Berufes verkümmern, wird man ihn diesen nur als ein dürftiges Auskunftsmittel, einen kümmerlichen Unterhalt zu erwerben, ansehen lassen. Noch schlimmer steht es um die Eltern, von welchen gegenwärtig so viele den Religionsunterricht als ein nebensächliches Erforderniß betrachten, als eine Art letzter Gewissenspflicht, so daß sie jedes profane Wissen und Können demselben voranstellen. Hierdurch wird den Kindern, welche sehr scharfsichtig für die Ansichten ihrer Eltern sind, von früh an eine gewisse Mißachtung des Religionsunterrichtes eingeflößt, eine Hintenansetzung desselben gegen allen anderen Unterricht, wodurch denn die Wirksamkeit des Lehrers und die Disciplin äußerst benachtheiligt werden. Hierin vor Allem muß eine Wandelung vor sich gehen, wenn wir nicht den Lehrer, auch wenn er mit der freudigsten Begeisterung der Jugend ins Lehramt tritt, nach und nach erlahmen und sich auf den mechanischen Betrieb seiner Thätigkeit beschränken sehen wollen. — Schließlich wird man fragen, aus welcher Quelle der Lehrer die Begeisterung schöpfen solle? Selbstverständlich kommt es auf den eigenen Geist dessen, der sich zum Lehrerberufe vorbereitet, auf seine Gesinnung, sein Gemüth und die Richtung an, die er genommen. Auch eine frische, begeisternde Literatur wird ihn darin fördern. Aber das Haupt bildungsmittel für ihn ist das Seminar. Die Weise, wie hier unterrichtet wird, und ob die Seminarlehrer selbst Fülle des Geistes, der religiösen Anschauung und Begeisterung besitzen und sie den Zöglingen der Anstalt einzuflößen verstehen, ist entscheidend. Dem jungen Lehrer muß der Seminarlehrer zum Vorbild dienen und wird in den meisten Fällen der junge Lehrer die Lehrweise des Seminars nachzuahmen streben. Gewiß muß das letztere seinen Zöglingen eine genügende Masse Wissens beibringen; muß doch der Lehrer noch etwas hinaus über das Bedürfniß seiner Schüler haben. Aber das materielle Wiffen genügt vorzüglich beim Religionsunterrichte nicht. Auch für dieses ist der Geist, durch welchen es durchtränkt ist, die Hauptsache. Ja, nicht der Lehrplan und nicht die Methodik verbürgen dem Religionsunterrichte eine segensreiche Wirksamkeit, sondern die Begeisterung des Lehrers.

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