Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1887)
- Date
- 1887-11-10
- Page
- Seite 708 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227709--44841-3267144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
708 schuhen heraus, wenigstens hatten sie keinen Einfluß auf die Fortentwickelung der Menschheit hierin, also auch keine civilisatorische Mission für diese großen Zweige des menschlichen Lebens. — Später bemerkt Renan: „Die jüdischen und christlichen Geschichten bildeten die Freude von 18 Jahrhunderten, und obschon zur Hälfte durch den griechischen Rationalismus besiegt, haben sie eine erstaunliche Wirksamkeit zur Verbesserung der Sitten geübt. Die Bibel, trotz sehr verschiedener Beurtheilung derselben, ist dennoch das große Trostesbuch der Menschheit. Es ist nicht unmöglich, daß, ermüdet von dem wiederholten Bankerotten des Liberalismus, die Welt noch einmal jüdisch und christlich werde." Renan vergißt, daß er vorher von der Beseitigung des Christenthums gesprochen. — Ihm erscheint es, und hier geben wir ihm vollständig Recht, daß die patriarchalische Zeit für die Geschichte Israels von höchster Wichtigkeit ist. „Das patriarchalische Alter," sagt er, „verliert sich wie jede Kindheit in die Nacht der Vorzeit; aber die Kindheit der Erwählten ist voller An- und Vorzeichen, welche man erst später versteht. Die wichtigste Periode des Lebens großer Menschen ist ihre Jugend. Gerade im pa^ triarchalischen Alter fing die Bestimmung Israels an sich abzuzeichnen; nichts ist in der Geschichte Israels erklärlich, ohne das patriarchalische Zeitalter." Doch wir wollen der Besprechung des Buches selbst nicht weiter vorgreifen. Der Correspondent des Temps schließt sein Referat mit den Worten: Das Werk Renan's ist „zugleich der Wahrheit und den Musen.gewidmet." Dies ist ein Lob für den Schriftsteller, aber keines für den Geschichtschreiber, denn es besagt nichts Anderes, als daß sein Werk aus Wahrheit und Dichtung besteht. (Forts, folgt.) Was thut dem Religionsunterricht am meisten Roth? Unsere Gegenwart ist eine Zeit des Raffinements. Auf jedem Gebiete des menschlichen Wissens und Könnens wird aufs Aeußerfie specialisirt, bis ins kleinste Detail geforscht und gesonnen, an allen Mitteln, Werkzeugen und Einrichtungen auf Neues gedacht, probirt und verändert. Jedermann will entdecken und erfinden und durch irgend etwas Neues die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, womöglich Ruhm und Reichthum erwerben. Immer neue Bedürfnisse werden geweckt, deren Befriedigung man sucht. Daß hierbei sehr viel Zweckloses und Zweckwidriges vorgebracht wird, auf vieles Hypothetisches ganze Gebäude errichtet und auf diese Weise viele Kräfte verschwendet werden, ist einsichtlich. Dieses Raffinement hat sich auch besonders in der Pädagogik, der Erziehung und dem Unterrichte und namentlich in der Methodologie geltend gemacht. Zuerst streitet man um die Le hrg egen stände. Da werden heftige Kämpfe der Parteien geführt. Die eine sieht für die Geistesbildung und die Civilisation das einzige Heil in den Humaniora, den classischen Sprachen und deren Literatur; die andere zieht die modernen Sprachen vor, die dritte will, daß die Naturwissenschaften und die Mathematik alles Andere verdrängen. Nicht minder will man in die Volksschule nicht bloß naturwissenschaftlichen und kosmologischen Unterricht, sondern auch Volkswirthschaft und Gesetzgebung hineinzwängen, als ob die Kinder des Volkes bis zu ihrem vierzehnten Jahre Alles in sich aufnehmen müßten, was das Leben erfordern möchte. In dieser Verwirrung können wir als unsere, aus der Erfahrung erwachsene These, nur aufstellen: nicht was, sondern wie gelehrt wird, ist die Hauptsache. Wir haben gesehen, daß das Studium der Humaniora in eine solche Mikrologie verfiel, daß von einer Befruchtung des Geistes gar nicht die Rede sein konnte. Wir haben aber auch dasselbe von den Naturwissenschaften erfahren. In der Botanik, Physik, Chemie wurde den Schülern und sogar den Schülerinnen die Classification beigebracht, die Eigenschaften und das Aussehen beschrieben, und dies Alles durch Auswendiglernen, meist ohne alle Anschauung, dem Gedächtniß überwiesen, das nach kurzer Zeit es dem Vergessen anheimfallen ließ. Die Mathematik halten wir für eine höchst nützliche, den Verstand schärfende Disciplin und glauben, daß, mit Ausnahme von Idioten, jeder Schüler sich für sie interessiren und ihre Elemente in sich aufnehmen werde, sobald der Lehrer den rechten Weg einschlägt. In der Regel ist dies nicht der Fall und die Mehrzahl der Schüler geht ohne Nutzen, aber mit rechtem Widerwillen aus diesem Unterricht. Nun wird man sagen: du legst also das höchste Gewicht auf die Methode. Allerdings halten wir die Methode für ein sehr wichtiges Moment im Unterrichte, doch nicht für das allerwichtigste. Auch hier wird ja viel gestritten und viel erkünstelt, während wir die einfache und sachgemäße Methode für die richtige erachte». Vielmehr halten wir auch hier unsere These aufrecht: nicht sowohl auf die Methode, als darauf kommt es an, wie gelehrt werde, das heißt mit und in welchem Geiste. Wir haben Lehrer gekannt, welche von unserer ganzen Methodologie keine Kenntniß hatten, und die durch die Art, wie sie ihre Schüler stimulirte», wie sie sie anregten und zur Theilnahme brachten, die besten Erfolge erzielten. — Doch kommen wir nun zum Religionsunterrichte. Ueber die rechte Methode für denselben wird ebenfalls viel gestritten. Wir theilen stets die Berichte unserer Lehrerconferenzen gern mit, um unsere Leser mit den ernstlichen Bestrebungen der besten unserer Lehrer, den rechten Weg bei dem Religionsunterrichte zu finden, bekannt zu machen. So z. B. wird oft die Streitfrage ventilirt: ob der Unterricht in der Lehre und Sittlichkeit systematisch vorgetragen oder an die biblischen Erzählungen, an das Gebet- und Pentateuchübersetzen angeschlossen