Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1887)
- Date
- 1887-11-10
- Page
- Seite 707 (sequence 3)
- Language
- German
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707 der Unsterblichkeit der Seele träumten, duldsam gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Seine Religionen blieben reizende örtliche Kindereien; die Idee einer allgemeinen Religion ist ihm niemals gekommen. Der glühende Geist eines kleinen Stammes in einem verlorenen Winkel Syriens schien geschaffen, um diesem Fehler des hellenischen Geistes abzuhelfen. Israel hat niemals daran gedacht, die Welt so schlecht regiert zu sehen» ohne die Waltung eines gerechten Gottes. Seine Weisen hatten Ausbrüche des Zornes gegen alle Mißbrauche, von denen die Welt wimmelt. Ein schlechter Mensch, der alt, reich und ruhig sterbe, trieb ihnen den Zorn in das Herz. Die Propheten seit dem nennten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung gaben dieser Idee das Verhältniß eines Dogma. Die israelitischen Propheten sind wüthige Publicisten, von der Art, welche wir jetzt socialistifch und anarchistisch nennen würden. Sie sind fanatisch für die sociale Gerechtigkeit und verkünden laut, daß wenn die Welt nicht gerecht wäre oder fähig dies zu werden, es besser wäre, daß sie zerstört würdeeine sehr falsche, aber sehr fruchtbare Art, die Dinge anzusehen. Denn wie alle verzweifelte Doktrinen, wie z. Bder russische Nihilismus unsrer Tage, bringt sie den Heroismus und ein starkes Erwachen menschlicher Kräfte hervor." Von hier an spricht Renan über das Ertvachen des Christenthums, das er als eine Fortsetzung des israelitischen Prophetismus ansieht, und von welchem er zuletzt sagt: wenn es auch untergehen werde, so ließe es doch tzrvße Spuren in der Menschheit zurück. Doch dies steht üns nicht zur Erörterung. — Zunächst der Widerspruch, daß einige Zeilen vorher die Griechen auch „unsre Moral" gegründet haben und nun wieder in der Moral kaum thätig gewesen sein sollen! Nun, kann wohl ein vornrtheilsloser Geschichtschreiber, — und vorurtheilslos soll ja jeder sein, welcher sich zum Geschichtschreiber aufwirft, — kann wohl ein solcher eine größere Einseitigkeit entwickeln, als Renan in dem, was er als Faeit aus seiner Geschichte des Volkes Israel zieht? Also» die Religion Israels hätte, dem Hellenismus gegenüber, Nichts weiter gelehrt, als den „gerechten Gott"? Hat nicht RenM selbst wiederholt ausgeführt, daß Israel den Monotheismus verkündigt und getragen habe? Tönt nicht schon aus der Zeit vor dem neunten Jahrhundert das Wort: „Der Ewige ist einzig", und „du sollst dir kein Götzenbild machen, kein Abbild von dem, was oben im Himmel, unten aus der Erde und-im Wasser unter der Erde ist, du sollst sie nicht anbeten und dich vor ihnen nicht niederwerfen?" Lehrt uns nicht die Religion Israels Gott als' den Schöpfer des Weltalls, als allgegenwärtig, allmächtig, allweise, allgütig, als Vorsehung und dann erst als gerechten, aber auch barmherzigen Vergelter kennen? Und dann sollen die Propheten nichts weiter als die Gerechtigkeit in der Gesellschaft und vom Individuum gefordert haben — haben sie nicht neben dem Pechte stets für die Liebe geeifert, für alle Hilfsbedürftigen, Wittwen und Waisen? Kennt Renan nicht, um nur Etwas anzuführen, das 58. Kapitel des Jesaias, und wüßte er eine einzige Stelle in der griechischen Literatur dem an die Seite zu stellen? Kennt er nicht das Resume der prophetischen Moral Micha 6, 8: „Verkündet hat er dir, o Mensch, was gut und was der Ewige von dir fordert: nur Recht zu üben und die Liebe und Barmherzigkeit und demüthig zu wandeln mit deinem Gott." Alles dies kennt ja Renan so gut wie wir, und es hindert ihn doch nicht, so überaus einseitig zu urtheilen. Jndeß, wir waren stets entschieden, aber wohlwollend gegen die Jrrthümer dieses schönen Geistes. Aber wenn er es wagt, die Propheten nicht bloß als „wüthig" (fougeux) zu bezeichnen sondern sie mit Anarchisten und russischen Nihilisten zu vergleichen, so müssen wir ihm entrüstet den Rücke» zuwenden. Wie? haben die Propheten jemals den Umsturz der Verfassung gepredigt? Haben sie nicht vielmehr Fürsten und Volk nur zum Gesetze zurückzuführen gestrebt und ihnen nur die Strafe Gottes angedroht, wenn sie dem Götzendienst und dem Verbrechen fröhnen? Haben die Propheten jemals gegen die vom mosaischen Gesetze aufgestellten Grundsätze der menschlichen Gesellschaft, etwa wie die Anarchisten und Nihilisten gegen die Unantastbarkeit des Lebens, des Eigemhums, der Ehe u. s. w. gesprochen? . . . Renan muß es sich gefallen lassen, wenn wir durch jene lästerlichen Worte einen Einblick in seine eigentliche Gesinnung zu erhalten glauben, und daß sich hier eine Feindseligkeit gegen alle Religion und Moral kund thut, bei welcher er die Hand von der Geschichte des Volkes Israel hätte lassen sollen. Jndeß der Renan, der im Allgemeinen Phrasen schmiedet, ist ein anderer, als wenn er sich ruhiger Erörterung ergiebt, und so mögen wir ohne abschließendes Urtheil sein Werk selbst abwarten. Aber es bleibt noch das dritte civilisatorische Volk, Rom übrig, und siehe da, Renan macht sich gegen Rom derselben Einseitigkeit schuldig wie gegen Israel, Alles zu Gunsten der Griechen. Er weiß von ihm nichts weiter zu sagen als: „Rom durch Wunder der Bürgertugend, hat die Macht (1a force) in der Welt geschaffen, und diese Macht hat in Wirklichkeit dazu gedient, das griechische Werk und das jüdische Werk, d. h. die Civilisation zu verbreiten." Das heißt doch das schöpferische und wirksame Genie Roms allzu sehr beschränken. Gerade in der „Macht" hatte Rom ein griechisches Vorbild in Alexander dem Großen, der, nach einem Universalreiche strebend, seine Herrschaft so viel mehr nach Osten ausdehnte, I als Rom später nach Westen. Dieses verstand aber die > Macht in einen dauernden Staatsgedanken zu übertragen und s wurde für die Folgezeit die Begründerin der Politik, der s Heeresorganisation und des Rechtes; herrschte doch das letztere bis in die neueste Zeit. Was die Politik und das Recht der Griechen betrifft, so kamen sie nicht viel aus den Kinder- 4b*