Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1887)
- Date
- 1887-11-10
- Page
- Seite 706 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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706 mächtig phantastisches Gebilde. Und doch können wir noch eine andere Bemerkung nicht unterdrücken. Wie Renan selbst mehrmals bekannt hat, ist in ihm ein Zwiespalt vorhanden. Wiederholt hat er ausgesprochen, daß er bedauere, in seiner Jugend nicht die klassische Philologie, insbesondere die griechische Literatur und Geschichte zu seiner Lebensarbeit gewählt und sich vielmehr der biblischen und kirchlichen Tendenz hingegeben habe. Also ein gewisses Widerstreben herrscht in ihm gegen die Beschäftigung mit den religiösen und kirchlichen Problemen, und doch treibt ihn sein innerer Genius immer wieder zu den Quellen des religiösen Orients bis er jetzt, nachdem er den Ursprung und die Entwickelung des Christenthums und der christlichen Kirche bearbeitet hat, zum Ursprünge des Judenthums gelangt ist. Daß unter solchen Gefühlen und Ansichten die Auffassung Renan's keine ungetrübte bleibt, und sich ihm die Vorliebe für den Hellenismus unbewußt aufdrängt, ist einsichtlich. Kommen wir nun zu der Vorrede. Sie beginnt: „Für einen philosophischen Geist, d. h. für einen mit dem Ursprung der Erscheinungen beschäftigten Geist, giebt es wahrhaft in der Vergangenheit der Menschheit nur drei Geschichten vom höchsten Interesse: die griechische Geschichte, die Geschichte Israels, die römische Geschichte. Diese drei Geschichten in ihrer Vereinigung bilden das, was man die Geschichte der Civilisation nennen kann, indem die Civilisation das Resultat der abwechselnden Arbeit Griechenlands, Judäas und Roms ist. Griechenland nimmt in diesem Werke, nach meiner Meinung, die Hauptrolle auf sich; denn es hat im ganzen Umfang des Wortes den vernünftigen und fortschreitenden Humanismus gegründet. Unsre Wissenschaft, unsre Kunst, unsre Literatur, unsre Philosophie, unsre Moral, unsre Politik, unsre Strategie, unsre Diplomatie, unser See- und Völkerrecht sind griechischen Ursprungs. Allerdings hat der Grundstock der menschlichen Cultur, der durch Griechenland geschaffen worden, die Fähigkeit, unendlich erweitert zu werden, aber in seinen Theilen ist er vollständig. Der Fortschritt wird für immer in der Entwickelung dessen bestehen, was Griechenland erfaßt hat, die Absichten zu erfüllen, welche es gehabt, und für die es, wen» man sich so ausdrücken darf, vorzügliche Proben geliefert hat." — Daß hier Renan dem Schwünge seines Geistes die Zügel hat schießen lassen, wird dem unbefangenen Leser sofort klar sein. Heben wir nur einen Punkt hervor: Griechenland soll auch „unsre Moral" gegründet haben. Dies ist durchaus falsch. Die Hellenen, welche den Begriff Mensch noch nicht kannten, den größten Theil der Menschen von der Natur zu Sklaven für sie, die Hellenen, bestimmt glaubten — auch Plato und Aristoteles — welche ihren Göttern die heftigsten Leidenschaften und Laster zuschrieben, ohne ihnen darum Verehrung und Anbetung zu entziehen, sind gewiß nicht die Begründer unsrer Moral. Auch ihre Philosophen wußten nichts von der Nächstenliebe, von Wohlthätigkeit und Mitgefühl, von Aufopferung und Hingebung, außer etwa für das, was sie als Vaterland bezeichneten, d. h. die Herrschaft und Vorrechte der Bürgerkaste. Und welche Verschiedenheit zwischen der Moral der Sophisten und der Sokratiker, der Cyniker und der Stoa, der Skeptiker und Platonisten! Ueberhaupt aber verfällt hier Renan in die Schwäche, zu übersehen, daß vom Verfall des Römerthums an, auf welches die Griechen einen große» Einfluß geübt, bis zum Erstehen des sogen. Humanismus, die gesammte abend- und morgenländische Welt nicht unter dem Einflüsse des Hellenismus, sondern der Ideen stand, welche aus Israel durch das Christenthum und den Islam, allerdings durch die Anschauungen der heidnischen Völker modificirt, verbreitet worden. Nicht minder übersieht er, daß durch die neuen Völkerstämme, welche sich über Europa ergossen, eine eigenthümliche Menschennatur auf den Schauplatz trat, deren innere Bedingungen dem Hellenismus abgewandt und den Ideen Israels zugeneigt waren. Aber auch der reine Humanismus führte nur eine kurze Herrschaft aus, denn die Reformation und die ungeheuren kirchlichen und politischen Kämpfe, die aus ihr entstanden, verdrängten den Humanismus, von welchem nur Reste in den höhere» Schulen verblieben, Reste, die mehr äußerliche als innerliche Wirksamkeit besaßen. Daß die hellenische Politik eine civilisatorische Wirkung auf die weiteren und späteren Völker geübt habe, ist ungeschichtlich; die Politik, die Kriegführung und das Recht sind für die folgenden Zeiten von den Römern, nicht von den Griechen ausgegangen. Ja, nach einer verhältnißmäßig kurzen Bewunderung der sogen, hellenischen Freiheit hat man in unsrer Zeit erkannt, wie diese nur eine scheinbare, für eine Zahl von Bürgern bestimmte war, die auf einer Unterlage unfreier Massen beruhte: diese mußten arbeiten, jene genossen die Früchte. Das ist gewiß keine Grundlage für die Entwickelung der Rechtsverhältnisse in der Menschheit. Wenn sich daher in der griechischen Literatur ein Schema für alle diese Zweige der Civilisation findet, so war eben für die meisten derselben nur ein Schema gegeben, eine Rubricirung, in welcher man später die Disciplinen unterbrachte. Die Vorzüge und Verdienste des hellenischen Geistes sind so bewunderungswürdig, daß man sie nicht erst noch aufzubauschen und gegen die Wahrheit der Geschichte ihnen Wirkungen zuzuschreiben hat, die sie nicht besaßen. Hinsichtlich der Moral widerspricht sich aber Renan selbst in den nächsten Zeilen. Er fährt fort: „Griechenland hatte in dem Kreise seiner intellektuellen und moralischen Thätigkeit nur eine einzige Lücke, aber diese Lücke war von großer Bedeutung: es verachtete die Niedrigen (les humbles) und fühlte nicht das Bedürfniß nach einem gerechten Gotte. Seine Philosophen waren, während sie von