Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Date
- 1887-11-03
- Page
- Seite 700 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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700 Mill. auf 50000 Seelen. Heute giebt es deren 500000, und sie vermehren sich viel schneller, als irgend eine andere Rasse in den Verein. Staaten. Dadurch, daß die Juden sich verzehnfacht haben, während die Bevölkerung des Landes sich nur verdreifachte, nehmen die Ver. Staaten unter den Ländern der Welt in der Anzahl ihrer jüdischen Bürger den vierten Platz ein, indem nur Rußland, Deutschland und Oesterreich mehr jüdische Einwohner haben, und es ist Grund zu der Annahme vorhanden, daß Amerika vor dem Ablauf weniger Jahre die beiden letzteren Reiche überholen wird. — So weit das genannte Blatt. Selbstverständlich beruht die oben angegebene Zahl der jüdischen Bevölkerung nur auf Schätzung, da eine confessionelle Volkszählung in der Union glücklicherweise zu den Unmöglichkeiten gehört. Noch vor zwei Jahren schätzte man die israelitische Bevölkerung nur auf 300000 Seelen und wenn die Einwanderung in den letzten Jahren auch höchst beträchtlich waren, so kann sie doch schwerlich die jüdische Seelcnzahl auf eine halbe Million gebracht haben. Aber auch wenn dies richtig wäre, käme doch erst ein Jude auf ca. 130 Christen. Es kommt aber bei dem statistischen Verhältniß wesentlich auf den Prozentsatz 'der Juden unter der übrigen Bevölkerung an. — Dem Amerikaner kommt das fanatische Bestreben der Antisemiten in Deutschland und gegenwärtig noch mehr in Oesterreich, die Juden als ein dem deutschen nationalen Körper fremdes Element zu kennzeichnen, sehr sonderbar an. Beweist schon das nordamerikanische. Volk an sich, daß auch die fremdesten Volkselemente sich mit der Nation verschmelzen und zwar um so rascher, je mehr Freiheit und Selbständigkeit jedem Individuum gewährt sind, wie denn das amerikanische Volk aus den mannigfaltigsten Nationalitäten zusammen gewachsen ist, so kommt hier noch etwas ganz Anderes hinzu. Unter allen Einwandrern sind es die Deutschen, welche am schnellsten ihre Nationalität aufgeben. Sie suchen so bald wie möglich das Englische zu radebrechen, und als ob sie sich des Ursprungs schämten, verpönen sie in ihrem Hause die deutsche Sprache. Die Kinder derselben besuchen die Volks- und Bürgerschulen, und verstehen meist kein Wort Deutsch mehr. Dies ist so allgemein bekannt, daß ich eines originellen Urtheils nicht beschuldigt werden kann'). Eine Ausnahme hiervon machen gerade die deutschen Juden. Bei ihnen wird die deutsche Sprache als die Familiensprache durch Generationen hindurch gepflegt. Dies ist so sehr der Fall, daß hier zu Lande die Juden immer zu den Deutschen gezählt werden. Und nun will man im Vaterlande die Juden von der deutschen Nationalität ausschließen! Ich erinnere mich, I) Gleiche Beobachtungen spricht Wilhelm Liebknecht in seinem vor Kurzem erschienenen, unparteiisch und ohne allen sozialistischen Anflug gehaltenen Buche aus: „Ein Blick in die Neue Welt" (Stuttgart, Dietz, 1887.) Redakt. daß Gerstäcker einmal bemerkt, als er zum ersten Mal nach San Francisco kam, habe er sich gewundert, so viele Firmen zu sehen von Löwenstein, Lilienthal, Rosenfeld u. s. w., so daß er sich nach Breslau versetzt glaubte, von wo er eben hergekommen. Nun, es waren jüdische Deutsche, die ihm mit gutem Deutsch entgegenkamen, was ihm auch gute Dienste leistete, da sie ihm bereitwillig Aufschluß über die örtlichen Verhältnisse gaben. Ein Stockamerikaner, der viel in der alten Welt grreist, sprach mir seine Verwunderung aus, wie er in den Straßen Jerusalems umhergeirrt, bis ihn Jemand, in allerdings recht schlechtem Deutsch, angeredet und zurechtwies; es war eben ein polnischer Jude. Später reiste er in den süddeutschen Steppen, und eine wenigstens erträgliche Herberge fand er nur bei den Juden, die deutsch sprachen, wenn auch in ihren Jargon *)• Bonn, 30. Oktober. (Notizen.) Aus Berlin schreibt man: Der Nestor der Berliner Aerzte, der Geheime Sanitätsrath vr. Martin Steinthal, tritt am 22. October in sein neunzigstes Lebensjahr. Geboren zu Stendal in der Altmark, bezog er im Frühjahr 1818 die Universität Berlin, um Heilkunde zu studiren. (Er tritt somit zur Zeit in das 140. Semester.) Am 5. November 1821 erwarb er sich die Doctorwürde mit einer Dissertation über „den normalen und abnormen Verlauf der Menstruation". Durch wissenschaftliche Reisen, die ihn nach England, Schottland und einem Theil von Deutschland führten, erweiterte er Wissen und Erfahrungen und ließ sich 1823 als Arzt in Berlin nieder, wo er seitdem ununterbrochen gewirkt hat. Er war zunächst als Assistent des Frauenarztes Professor G. Horn thätig. Vielfach trat er auch als medicinischer Schriftsteller auf. Seine letzte Veröffentlichung war eine Rückschau auf fünfzigjährige Wirksamkeit. Eine Pflicht der Pietät erfüllte er durch die Neubesorgung von Hufeland's Makrobiotik (1870 ff.). Stand er doch lange Jahre als Vorsitzender an der Spitze des Vereins, der als Vermächtniß Hufeland's bis in unsere Tage hinein seine Stellung neben so vielen neuen Vereinsgründungen behauptet hat, der Hufeland'schen Gesellschaft. Der greise Arzt ist stets mit seiner Wissenschaft fortgeschritten und hat sich mit immer gleichbleibendem Eifer an der Lösung der Fragen seiner Zeit betheiligt. Einen Beweis dafür bietet 1) Der rühmlichst bekannte Reisende Dr. Joest, welcher eine Reise von der chinesischen Grenze durch Sibirien nach Europa machte, berichtet wiederholt über die gute Aufnahme, die er dort bei Juden von allen Gliedern ihrer Familie erhielt, und welche sämmtlich deutsch sprachen. So haben diese Abkömmlinge deutscher Flüchtlinge in Polen und auf ihrer weiteren Wanderung nach Osten durch Jahrhunderte hindurch die deutsche Sprache sich erhalten. Freilich wären sie in diesen Ländern nicht immer vom bürgerlichen, öffentlichen und geselligen Leben ausgeschlossen und als eine besondere Raffe behandelt und bedrückt worden, so würden sie schwerlich so lange Zeiten hindurch die Sprache des Volkes, von welchem sie verjagt worden, beibehalten haben. Dies wird schließlich in Amerika nicht der Fall sein. Redakt.